An der Tankstelle gab es am Sonntag Erdbeer-Cornetto, so viel war todsicher. Und mindestens genauso sicher war, dass man an der Tankstelle den Gschwandtner traf. Eher würde der Pfarrer mit der Elfuhrmesse vor den Zwölfuhrglocken fertig werden, als dass der Gschwandtner nicht an seinem Aluminiumstehtisch lehnte – hinten, gleich neben dem Ständer mit den Wunderbäumen, eine qualmende rote Marlboro zwischen den Fingern. Die Roten rauchte er nämlich damals schon.

Die Tankstelle betrat man mit ein paar Schillingmünzen in der Hand – je nachdem wie viel Trinkgeld das Kirchenzeitungen-Austragen eingebracht hatte. Die Eisschlecker-Abbildungen und -Preise waren fest in Plastik eingeschweißt, da konnte man nichts machen. Wenn zwei oder fünf Schilling fehlten, musste es der Plattfuß oder im schlimmsten Fall nur das Brickerl werden. Die raucherhustende Tankwartin war in der Hinsicht sehr akkurat.

Es roch nach dem betäubenden Dunst ausgeronnenen Motoröls und auf den Asphalt getropften Benzins, der durch die offene Tür hereinzog.
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Manchmal winkte einen der Gschwandtner zu sich. "Da hast einen Fünfer fürs Cornetto. Und richt mir zu Hause schöne Grüße aus." Wenn man den Kopf weit genug in die Tiefkühltruhe hineinhielt, fühlte es sich kurz an, als steckte er in einem gefrorenen Wolkenhimmel. Draußen riss man das Verpackungspapier ab und steckte es in den roten Mülleimer neben dem Eingang, und fast immer schmierte man dabei den Kippdeckel mit Erdbeersauce oder Vanilleeis an.

Das war zwar ein bisschen assi, aber der Kübel war meistens bis oben voll, somit ging das wohl in Ordnung. Manchmal schaute der Gschwandtner noch kurz raus zum Frische-Luft-Schnappen, wobei Frische-Luft-Schnappen beim Gschwandtner bedeutete, dass er einen Meter vorm Eingang an seiner Marlboro zog. Man hob sein Fahrrad vom Randstein auf und fuhr ein- oder freihändig davon. Im Sommer Rad fahren und gleichzeitig Erdbeer-Cornetto schlecken, das war die pure Freiheit.

Das ist ein armer Teufel!

Wenn man zu Hause Grüße vom Gschwandtner ausrichtete, hörte man: "Um den Gschwandtner ist es wirklich schade, das ist ein armer Teufel!" Meine Mutter sagte auch: "Den Gschwandtner könnte man mal zum Mittagessen einladen. Welcher andere Mechaniker würde sich den dauerkaputten Kombi noch antun?" Der Gschwandtner war damals um die dreißig und hatte Zucker oder etwas mit den Nerven, da sagte jeder etwas anderes.

Der Vater vom Gschwandtner hat sich angeblich früh aufgehängt, die Schwester war bei den Zeugen Jehovas oder irgendeiner anderen Sekte. In jedem Fall hatte sie nicht alle Tassen im Schrank. Der Gschwandtner wohnte mit ihr in einem Zweifamilienhaus mit ockerfarbener Putzfassade, auf der sich unter den Traufen Schimmel ansetzte, und mit ausgewachsenen Thujen rundherum. Wobei, ganz früher war die Fassade noch nicht so ranzig und von der Sonne ausgeblichen gewesen, und wenn man sich auf die Pedale stellte, konnte man noch gut über die Hecke drübersehen, und eine Zeitlang sah man den Gschwandtner im Garten an seiner Honda schrauben und dem Gschwandtner seine Freundin auf der Terrasse Paradiescreme löffeln, wenn er gerade eine hatte.

Später kam man nicht mehr nur wegen dem Eis an die Tankstelle, sondern zum Tanken. Und um Zigaretten zu kaufen. Man holte sich ein Red Bull aus dem Kühlregal, zahlte mit Karte und fuhr dann meistens in die Stadt – auf die Uni oder zum Fortgehen. Mit einem gekühlten Red Bull an den Lippen auf die Autobahn einbiegen, das war die pure Freiheit. Manchmal winkte einen der Gschwandtner zu sich. In der Hand hatte er einen Jägermeister oder Jim Beam, und man musste mit ihm anzustoßen. "Aber sag zu Hause nichts", sagte er, während er den Verschluss runterdrehte. Man wusste nicht genau, was man mit dem Gschwandtner reden sollte – aber man konnte sich von ihm gut Zigaretten schnorren. Manchmal zog er sich ein Brieflos zu den Roten dazu.

Da stand dann entweder "Leider-Kein-Gewinn" oder im schlimmsten Fall "Die-Brieflos-Show" drinnen. "Zum Peter Rapp geh ich nicht, der stiehlt mir noch das Geldbörsel aus der Hosentasche", sagte der Gschwandtner. Das Gelächter an den Stehtischen ging immer automatisch in Raucherhusten über. Nachdem sich alle ausgekeucht hatten, wurde es wieder still. Der Gschwandtner zog in Zeitlupe an seiner Marlboro und schaute durchs Fenster auf die Zapfsäulen, beobachtete, wer draußen vorfuhr oder ob sich an der Zehntelstelle für Super und Diesel etwas umstellte. Aber da war man im besten Fall schon weg.

Neben den Piña-Colada-Wunderbäumen

Eine Zeitlang verbrachte man mehr Zeit an der Tankstelle, als man eigentlich wollte. Circa um das dritte Semester, als man keine Lust mehr aufs Studieren hatte, aber auf einen Job auch nicht. Der Gschwandtner war damals fast immer dort, weil er sich beim Fußballspielen das Bein kompliziert gebrochen hatte und monatelang nicht arbeiten ging. Er war im Tor gestanden.

Wenn man zwei, drei Zigaretten mit dem Gschwandtner rauchte, kam manchmal sogar ein brauchbares Gespräch zustande. Einmal erwähnte er, dass er sich für Umwelttechnik interessiere – Windräder und solche Dinge. Irgendwann würde er vielleicht einen BFI-Kurs belegen. Ein anderes Mal ging es um Musik, und da stellte sich heraus, dass der Gschwandtner die Killers ganz gut fand. Aber vielleicht meinte er auch die Kellys. Ein-, zweimal überlegte ich wirklich, ihn in die Stadt mitzunehmen. Aber irgendwie war der Gschwandtner so zerbrechlich – wie eine Hostie. Und wie bei Hostien hatte man immer ein mulmiges Gefühl. Man fühlte sich erst wohler, wenn sie an ihrem angestammten Platz verwahrt und wieder in den Tabernakel weggesperrt wurden. Der Platz vom Gschwandtner war am Stehtischchen neben den Sportfrische- und Piña-Colada-Wunderbäumen.

Wenn der Gschwandtner mal nicht an der Tankstelle war, hörte man die anderen über ihn tratschen. Dass er trank, dass er wieder schlechter aussah. Interessiert hätte es wohl jeden, was sich hinter der ockergrauen Fassade mit den heruntergezogenen Jalousien abspielte. Das Haus vom Gschwandtner war so etwas wie ein überdimensionales Tuppergeschirr, das zwar hässlich aussah, aber gut verschloss. Im Grunde war man froh darüber, dass es zublieb – denn man wusste nicht genau, was da drinnen so vor sich hingärte und wie lange schon. Es würde den Gschwandtner schon nicht zersetzen – er stand ja immer wieder am Aluminiumtisch. Ihm fehlte kein Arm zum Zigarettenhalten, es klaffte keine Fleischwunde in seiner Brust, und ihm hing auch kein zerfetztes Ohr herab. Vielleicht könnte er ein bisschen mehr wiegen, war sein Blick ein wenig leer und sein Gesicht eine Spur zu fahl und verschattet. Wobei das beim Gschwandtner eher nicht nach zu wenig in der Sonne, sondern mehr wie verstrahlt aussah. Oder wie die Oberfläche vom Mond.

Einmal, da fragte mich der Gschwandtner, ob ich ihm 3000 Euro ausleihen könne. Ich glaube, er erschrak selbst darüber. Er zog an seiner Marlboro und klappte die Motorhaube zu – gerade hatte er mir eine Zündkerze gewechselt. In zwei Wochen würde ich alles zurückbekommen, mit 25 Prozent Zinsen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und sagte dann, dass ich es mir überlegen würde, obwohl das gelogen war. Das Geld fürs Zündkerzenwechseln wollte er nicht annehmen. Drinnen kaufte ich mir ein eigenes Packerl Zigaretten und ein Eis. Kurz hatte ich Lust, meinen Kopf in den dröhnenden Eskimo-Himmel zu stecken, aber das hätte blöd ausgesehen. Den Zwanziger legte ich ihm auf sein Stehtischchen, weil schuldigbleiben wollte ich dem Gschwandtner nichts.

Eine Zeitlang war der Gschwandtner länger nicht an der Tankstelle. Angeblich befand er sich jetzt in einer Klinik. Ich ließ mich da auch nur noch selten blicken. Ich hatte jetzt einen fixen Job und rauchte höchstens gelegentlich. Im Nachbarsort hatte eine Selbstbedienungs-Avanti eröffnet. Das ging viel schneller – nur Eis gab es dort keines.

Wegen dem Erdbeer-Cornetto

Manchmal fuhr man doch noch bei der alten Tankstelle ran, weil Super gerade günstiger war oder wegen dem Erdbeer-Cornetto am Sonntag. Den Gschwandtner sah ich da nie, aber manchmal, da konnte ich ihn beim Reingehen riechen. Also nicht direkt. Man musste den Geruch vom Gschwandtner erst aus den allgemeinen Tankstellengerüchen herausfiltern. Es roch nach der Asche und dem kalten Gift abertausender roter Marlboros, die sich an hunderten verrauchten Nachmittagen in jeden Winkel eingenistet hatten. Nach dem wabernden Mief von warmgehaltenem Leberkäse in der Fleischvitrine neben der Kassa – früher hatte es die noch nicht gegeben. Nach dem betäubenden Dunst ausgeronnenen Motoröls und auf den Asphalt getropften Benzins, der von draußen durch die offene Tür hereinzog.

Aus der Radio-Ecke krachte wie immer der Zombieschlager-Lärm herab, wie eine niemals abreißende Höllenstrafe – außer am Sonntag, da dröhnte das ewige Kreisen der Formel-1-Übertragung im Fernseher auf der Kühlvitrine. Und irgendwo da dazwischen konnte man ihn riechen. Einen feinen Botenstoff. Ich fragte mich, ob die anderen ihn mit ihren Zigaretten ausräucherten, mit ihrem Schleimabhusten und Poltern gegen den Sportmoderator übertönten oder einfach nur als Hirngespinst abtaten. Jedenfalls verriet er dem Gschwandtner seine Angst. Die tägliche Angst, am Abend nach dem Heimkommen, wenn sich die Sonne hinter die zerfledderten Thujen gesenkt hatte und er ins kalte Neonlicht seines Kühlschranks starrte, alldem ein Ende zu setzen. Oder vielleicht auch davor, es nicht zu tun.

Unlängst war ich wieder mal an der alten Tankstelle. Im Ort wohne ich schon lange nicht mehr, aber vom Flughafen ist es nur ein kleiner Umweg. Hinter mir lagen zwei Wochen Urlaub auf den Malediven, all-inclusive. Ich hatte Lust auf ein Erdbeer-Cornetto.

Der Gschwandtner lehnte nicht an seinem Stehtisch neben den Wunderbäumen, dafür hing sein Name an der Pinnwand dahinter. Eingerahmt von einem schwarzen Rechteck, das ein bisschen so aussah, wie die Grundmauern von einem Haus. Ich erkundigte mich an den anderen Stehtischen, woran der Gschwandtner gestorben sei. "Private Probleme", sagte einer und winkte ab. "Um den Gschwandtner ist es wirklich schade", sagte der andere, während er die Bierflasche anhob. "Ein Supermechaniker." Aber bei dem hätte man es immer schon gewusst – der hatte oft so einen leeren Blick und hing die ganze Zeit nur an der Tankstelle rum.

Draußen schmierte ich den Mülleimer-Deckel mit Erdbeersauce an. Es war ein schöner Sommertag. Manche Dinge ändern sich einfach nie, dachte ich. Ich musste darüber schmunzeln, doch eigentlich schluckte ich. Und dann schluckte ich nochmal, und dann begann ich kurz zu schluchzen. Denn ich hatte es von Anfang an gewusst.

An der Tankstelle gab es am Sonntag Erdbeer-Cornetto und der Gschwandtner würde es nicht schaffen, so viel war immer schon todsicher.

(Martin Foszczynski, ALBUM, 7.9.2019)