Bosnien-Herzegowina war das letzte Land in Südosteuropa, in dem noch keine Pride stattgefunden hatte.

Foto: AP Photo/Darko Bandic

Scharfschützen standen auf den Dächern, die Polizei war für den Ernstfall gerüstet. Wer am Sonntag an der Pride in Sarajevo teilnehmen wollte, musste durch eine Sicherheitsschleuse. Links und rechts der Parade war die Straße mit Bussen abgesperrt. Das Ausmaß der Vorkehrungen zeigt, wie sehr die Mitglieder der LGBT-Community in Bosnien-Herzegowina noch immer bedroht sind. Bosnien-Herzewoginwa war bis Sonntag das letzte Land in Südosteuropa, in dem es noch keine Pride gegeben hatte. Doch die erste Regenbogenparade in dem südosteuropäischen Staat wurde dann zu einem fröhlichen Spaziergang durch die Stadt.

Die Erwartungen der Veranstalter wurden bereits zu Beginn übertroffen – denn an dem Event nahmen viel mehr als die angekündigten 500 Leute teil. Der herbstlich-sonnige Marsch ging von der Ewigen Flamme bis zum Parlament und alle wurden von der guten Stimmung angesteckt. Viele Leute waren aus verschiedenen Teilen Bosnien-Herzegowinas gekommen, auch aus dem Landesteil Republika Srpska, aber auch aus Serbien und Kroatien. Aber auch aus dem westlichen Ausland reisten zahlreiche Besucher an – einige Leute waren sogar extra aus Australien und Neuseeland eingeflogen. Ein paar Belgier hatten ihren Urlaub verlängert, um die Community auf dem Balkan zu unterstützen.

"Die Straße gehört uns"

Und auch viel Prominenz war gekommen, allen voran der amerikanische Botschafter in Bosnien-Herzegowina, Eric Nelson, der mit seinem Partner in Sarajevo lebt, aber auch deutsche Abgeordnete und die österreichische Botschafterin Ulrike Hartmann unterstützen die Pride. "Die Straße gehört uns", riefen die Aktivisten, die in der ersten Reihe gingen und "Für die Liebe, für den Frieden und für die Freiheit."

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Auffallend und sehr passend war ein großes Banner auf dem "Solidarität" stand – schließlich gehören Lesben und Schwule zu jenen Menschen auf dem Balkan, die am meisten diskriminiert, ausgegrenzt und verhöhnt werden. Deshalb forderten die Redner vor dem Parlament dann auch die rechtliche Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Intersexuellen und Queers mit heterosexuellen Menschen in Bosnien und Herzegowina.

Frei von Gewalt und Homophobie

Einer der Organisatoren, Branko Čulibrk, meinte, dass es um einen Kampf für Menschenrechte gehe, und forderte eine Gesellschaft frei von Gewalt und Homophobie sowie die Legalisierung der Homo-Ehe. Er drückte seine Solidarität mit allen anderen Unterdrückten in der bosnsichen Gesellschaft aus, etwa mit Migranten und Roma. Tatsächlich wurde der Spaziergang, der mehr als eine Stunde dauerte, zu einem Fest der Lebensfreude und Solidarität.

Fröhlicher Spaziergang durch die Stadt.
Foto: APA/AFP/ELVIS BARUKCIC

Manche, auch ältere Bosnier und Bosnierinnen, die an den Fenstern standen, winkten den Demonstranten zu. Die Menge jubelte wegen dieses Zeichens des Zusammenhalts. Ganz vorne am Beginn der Parade trommelten ein paar Frauen, manche Leute sangen. Zwischenfälle, Aggressionen oder Konflikte blieben vollständig aus – obwohl es in der tiefkonservativen Gesellschaft viele Gegner der Parade gibt.

Hass gegen Homosexuelle im Internet

Am Samstag gab es sogar eine Gegenveranstaltung unter dem Motto "Tag der traditionellen Familie". Auf einem Transparent stand: "Bleibt in euren vier Wänden." Viele Bosnier glauben, dass es sich bei Homosexualität um eine Art westliche Idee oder eine ideologische Entscheidung handeln würde. Der Hass und die Ablehnung gegen sexuelle Minderheiten hat sich mittlerweile stark ins Internet verlegt.

Foto: Adelheid Wölfl

Onlineportale mussten anlässlich der Pride die Kommentarfunktion sperren, weil die Menschen so hasserfüllt gegen Schwule und Lesben hetzten. In Bosnien-Herzegowina kommt es auch immer wieder zu tätlichen Angriffen auf Mitglieder der Community. Interessant ist, dass es gerade in Sarajevo die Vorstellung gibt, die Bewohner der Hauptstadt seien überaus tolerant und würden für die Vielfalt einstehen. Die negativen Reaktionen auf die Pride zeigten, wie provinziell, konservativ und minderheitenfeindlich tatsächlich viele in der Gesellschaft sind. Auf einem Plakat auf der Gegenveranstaltung war etwa zu lesen: "Warum akzeptiert ihr nicht die Meinung der Mehrheit?"

Tradition der Liebe und Freiheit

So fungierte die erste Regenbogenparade auch wie ein Spiegel, in dem sich die Gesellschaft selbst sehen konnte. Rührend war am Ende der Pride der Auftritt des berühmten Sängers Damir Imamović, der ein altes bosnisches Lied sang und dann noch als Zugabe "Bella Ciao" zum Besten gab. "Unsere Tradition ist die Liebe und die Freiheit", sagte Imamović und setzte damit auch den Grundstein für eine neue bosnische Tradition. Über die zweite Pride 2020 wird bereits nachgedacht. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 8.9.2019)