Carola Bendl-Tschiedel war ein bisserl – äh, sagen wir es höflich – irritiert, und das vollkommen zu Recht. Dabei hatte ich es weder böse noch ironisch noch zynisch gemeint. Und am allerwenigsten wollte ich einen Triumph kleinreden oder schlechtmachen: Ich war direkt vom Bahntraining zur Party gekommen. Und dort, beim Training am WLV-Platz – also dem Leichtathletikzentrum schräg gegenüber vom Happel-Stadion im Prater – hatten ein paar Trainer und Eliteläufer über "den Irren im Judoanzug bei Kärnten läuft" geplaudert. Wie so was möglich sei. Was so einen treibe. Und wie man mit solchen Figuren umgehen solle.

Ich war zwischen meinen Hobetten-Sprint-Nahtodmomenten daneben gestanden und hatte zugehört.

Foto: screenshot

Danach bin ich zum Geburtstagsfest von Michael Wernbachers Laufschuhshop We Move gefahren – und habe dort Carola und ihren Mann Martin getroffen. Weil mir kein besserer Opener einfiel und ich die Wiener Läuferin schon länger nicht gesehen hatte, gratulierte ich eben. Blöderweise eben zu ihrem dritten Platz bei "Kärnten läuft" – und einem Foto, das dort gemacht worden war.

Aber vermutlich sollte ich diese Geschichte anders erzählen. So, dass man sie versteht.

Foto: Steinacher

Carola Bendl-Tschiedel hat in den vergangenen Wochen nämlich zwei dritte Plätze gemacht. Das ist an sich schon was Tolles, doch beide Stockerlplätz waren – wenn auch auf unterschiedliche Art – über das rein private Jubeln hinaus aufsehenerregend.

Foto: ©Johannes Brunner

Denn beim ersten dritten Platz, am 25. August beim Halbmarathon bei "Kärnten läuft" in Velden, wurde sie gemeinsam mit einem Mann auf dem Siegertreppchen fotografiert, der wenige Minuten später als Betrüger entlarvt wurde: Der angeblich drittbeste männliche österreichische Halbmarathonläufer des Bewerbes hatte geschummelt – bei der Siegerehrung aber war er noch neben Bendl-Tschiedel aufs Stockerl gestiegen und hatte seinen Preis in Empfang genommen.

Die Läuferin, an deren korrekt erbrachter Leistung nicht der geringste Zweifel besteht, konnte da genau nix dafür – aber die Bilder vom geteilten Podest gibt es jetzt eben. Und natürlich redete man mehr über den Betrüger als über jene Läuferinnen und Läufer, die da sauber unterwegs gewesen waren.

Foto: www.ausdauercoach.at

Eine Woche später stand die Wiener Läuferin dann aber wieder auf einem Siegertreppchen. Und wieder war es ein dritter Platz: In Brasov in Rumänien fand die Ultrarunning-Weltmeisterschaft statt.

Bendl-Tschiedel (die zweite von rechts) war dort gemeinsam mit (von links nach rechts) Maria Hinnerth, Elisabeth Niedereder, Karin Freitag und Sandra Urach als österreichisches Damenteam über jeweils 50 Kilometer angetreten – und souverän auf Platz drei gelandet.

Foto: ©Marouschek

Dass diese Bronzene in Wirklichkeit weit mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihr abseits der Laufspezialseiten und Verbandsmedien zuteil wurde (nämlich beschämenderweise praktisch gar keine), ist unumstritten. Umso mehr freute sich Carola daher, als ich ihr "zum dritten Platz" gratulierte. Der Nachsatz "bei Kärnten läuft" dürfte da dann wie ein Kübel kaltes Wasser nachgekommen sein.

Sorry.

Foto: ©Marouschek

Im Nachhinein können wir darüber zum Glück beide auch lachen – und die Geschichte auch als Gleichnis dafür verwenden, was in einer breiten Öffentlichkeit tatsächlich hängenbleibt: Da rennen fünf Frauen (und auch ein paar Männer, aber um die geht es hier heute nicht) bei einer Weltmeisterschaft über Distanzen, die kaum ein Hobbyläufer auch nur einmal im Leben schaffen würde, auf einen Spitzenplatz – und niemand in der Außenwelt nimmt es auch nur wahr.

Aber darüber, dass und wie da jemand betrogen hat, zerreißt man sich noch Wochen später den Mund.

Foto: ©Marouschek

Ich bin da, ich gebe es zu, ja auch nicht anders. Zumal die Art und Weise, wie der seltsame Mann vom Wörthersee aufs Stockerl kam, nicht umspannend ist: Der Läufer, der als Mo A. unter falschem Namen und unter Angabe eines Vereines, bei dem er unbekannt ist, angetreten war, war beim Halbmarathon mit einer Zeit von unter 1:06 ins Ziel gekommen.

Damit wäre er in einer Liga, in der in Österreich jeder jeden kennt. Und in der man Läufern das Laufen in der Regel auch ansieht. Dass da einer reinkracht, den man nicht kennt, kann aber schon passieren. Auch dass er optisch nicht ins Bild passt, muss nicht zwingend etwas Böses bedeuten. Aber wenn er dann mit kruden Ansagen für Erstaunen sorgt, wird man doch stutzig.

Foto: Kärnten Läuft/Helmut Weichselbraun

Doch genau das tat der Mann: Noch vor der Siegerehrung kam er zu Harald Fritz. Fritz ist nicht nur mein Coach und guter Freund, sondern – weit wichtiger – Trainer von Lemawork Ketema (hier im Bild). Ketema wird 2020 bei den Olympischen Spielen in Tokio für Österreich beim Marathon antreten. Und das, so der angebliche Mo, nicht allein: "Er hat gemeint, dass er ab sofort mit Lema trainieren will – weil sie ja bestimmt beide in Tokio starten würden. Ich habe zuerst geglaubt, der macht einen Witz – aber dann war er auch schon weg", erzählte mir Harald, als wir – zwei Wochen später – beim Bahntraining kurz über den seltsamen Mo plauderten.

Lemawork aus derlei Irrsinn rauszuhalten gehört mit zu den Aufgaben eines Coaches: Der Spitzenläufer hat genug damit zu tun, sich beim Training von Interviewern und Kameraleuten nicht allzu sehr ablenken zu lassen.

Foto: thomas rottenberg

Doch Harald Fritz war nicht der Einzige, der von seltsamen Ansagen des seltsamen Läufers zu erzählen weiß: Werner Schrittwieser, nicht zuletzt als Laufblogger unter dem Namen Running Schritti in der heimischen Laufwelt kein Unbekannter, hatte ebenso "seinen" Moment mit dem Mann in Weiß.

In Kärnten war er für den Social-Media-Auftritt der Veranstaltung verantwortlich. "Ich habe diesen Mo kurz vor der Siegerehrung gesehen. Er hat Dinge von sich gegeben, über ich nur schmunzeln konnte, etwa dass er den Halbmarathon unter einer Stunde laufen kann. Er sei aber verletzt und somit nur 1:06 gelaufen. Aber im nächsten Jahr will er angreifen – und Seite an Seite mit Mo Farah laufen."

Und schon stand Mo A. am Treppchen. Neben Carola Bendl-Tschiedel.

Foto: runningschritti.at

Dass die Veranstalter da hellhörig wurden, ist klar. Wirklich schwer war es auch nicht, herauszufinden, wo und wie es zu der "Spitzenleistung" gekommen war: Ein kurzer Blick auf die Liste der Splitzeiten genügte. Zwischen Kilometer neun und Kilometer sechzehn war Mo demnach mit Kilometerzeiten um die 2'34" unterwegs gewesen. Jedenfalls sagte das die Auswertung der bei Zeitnehmungsmatten ausgelesenen Daten: höchst unwahrscheinlich – aber nicht unmöglich.

Blöderweise wird bei den Matten auch fotografiert.

Und siehe da: Da fuhr einer am Rad durchs Bild. Damit man ihn nicht von der Strecke stamperte, mit Sicherheitsjopperl – so wie offizielle Streckenfahrer, etwa Begleiter der ersten Läuferinnen und Läufer.

Foto: ©www.maxfunsports.com

Aber bis man da draufkam, war der Schaden eben schon angerichtet. Mo der Mogler war auf allen Fotos, verschwand im Trubel aber sehr rasch. Immerhin noch bevor die Preisgelder (200 Euro für Platz drei) ausbezahlt worden waren. Die Veranstalter reagierten korrekt – und baten die Athleten, die da zuvor um ihre Ehrung umgefallen waren, noch einmal auf die Bühne. Mo aber war verschwunden.

Dass er das nicht bleiben wird, ist allerdings relativ wahrscheinlich: Schon bei "Kärnten läuft" hatten einige Beobachter gemeint, den falschen Spitzenläufer nicht zum ersten Mal gesehen zu haben. In den Tagen darauf mehrten sich die Stimmen: Auch beim Graz-Marathon und bei mindestens einem der Wings-for-Life-Läufe soll Mo versucht haben, am Rad oder durch Abkürzungen ganz vorne dabei zu sein.

Foto: Foto: ©www.maxfunsports.com

Dass das für Läufer, die von so einer Figur dann vor allem um den schönen Moment der Anerkennung betrogen werden, super ärgerlich ist, ist nachvollziehbar.

Dass das für Außenstehende eine skurrile Geschichte ist, auch.

Trotzdem verstehen Carola und ich sie nicht ganz – weil uns nicht klar ist, wieso jemand so was tut: Dass man mit ziemlicher Sicherheit auffliegt, wenn man sich aus dem nichts so weit nach vorne schummelt, sollte einem halbwegs klar denkenden Menschen klar sein.

Ebenso klar wie die Sinnlosigkeit von Schummeleien im großen Feld der Jedermannsportler: Ob ich 239., 351. oder 178. bin, macht nämlich keinen Unterschied. Außer ich habe gemogelt. Dann ist nämlich meine ganze Performance nichts wert – weniger als eine Zahl in irgendeinem Gesamtklassement als vor dem einzigen Gegner, dem ich ohnehin nichts vormachen kann: mir selbst. (Thomas Rottenberg, 11.9.2019)

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Foto: Ali Rezai