Ein unbemannter Flugkörper wird in Ghana mittels Rampe zu seiner humanitären Mission losgeschickt.

Foto: Reuters / Tony Noel

Wenn es um ein Menschenleben geht, zählt jede Sekunde: Daher sind gerade für Krankenwagenfahrer logistische Tugenden gefragt, um möglichst schnell von Punkt A nach Punkt B zu gelangen. Aber nicht jede Region der Erde besitzt eine ausreichend ausgebaute Infrastruktur, die die schnelle Beförderung von Ärzten und Medizin ermöglicht.

Auch in dieser Hinsicht sind insbesondere Entwicklungsländer im Nachteil: Verkehrsnetze auf europäischem Niveau sind häufig nicht vorhanden und asphaltierte Straßen selten zu finden.

Zudem machen ausgeprägte Regenzeiten ländliche Gebiete häufig für ganze Tage unpassierbar. Wer dann in einer dieser entlegenen Gegenden zum Beispiel durch einen Schlangenbiss in Not gerät, kann kaum noch mit rechtzeitiger Hilfe rechnen.

Lebensretter aus der Luft

Einen Weg aus dieser hoffnungslosen Lage beschreitet man seit April dieses Jahres in Ghana: Der ländliche Raum, in dem rund die Hälfte der fast 30 Millionen Einwohner des westafrikanischen Staates lebt, wird nun mithilfe von Drohnen medizinisch versorgt.

120 unbemannte Flugkörper sind unterwegs, um mit einer Reichweite von bis zu 160 Kilometern Medizin dorthin zu transportieren, wo andere Verkehrsmittel nicht hingelangen oder erst viel zu spät eintreffen würden.

"Damit machen wir einen großen Schritt, um allen Menschen im Land Zugang zu lebensrettenden Medikamenten zu gewähren", verkündete Präsident Nana Akufo-Addo erfreut. "Niemand in Ghana sollte sterben, weil im Notfall die nötige Medizin nicht zu bekommen ist."

Ghanaische Ärzte bestellen nun einfach mittels mobiler Kurznachricht Blutkonserven, Impfstoffe und andere Medikamente. Innerhalb kurzer Zeit trifft die Drohne ein und wirft die bestellte Lieferung, die an einem Fallschirm hängt, ab.

Die vom kalifornischen Unternehmen Zipline konzipierten Geräte kommen auf eine Geschwindigkeit von 110 Kilometern pro Stunde: Möglich wird das, weil die Maschinen anders als die üblichen Multikopter mit starren Flügeln ausgestattet sind.

Hürden im Westen

Fast zwei Kilo kann eine solche Drohne während eines Flugs transportieren, im Schnitt braucht sie 30 Minuten zu ihrem Ziel. Energieversorgt wird sie mit Lithium-Batterien für die Dauer von zwei Stunden. Das Beispiel macht bereits Schule: So testen etwa DHL, die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit und der Drohnenhersteller Wingcopter den medizinischen Drohnenflug über dem Viktoriasee.

Ziplines Unternehmung wiederum wird von der Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung, der Impfallianz Gavi und der Weltgesundheitsorganisation WHO gefördert.

Dabei werden Drohnen bislang von karitativen Organisationen wenig wertgeschätzt und sind eher umstritten: In der Regel werden sie vor allem mit Militäreinsätzen, Verletzungen der Privatsphäre und Störung des offiziellen Flugverkehrs assoziiert. Der Einsatz in der Transportwirtschaft, wie ihn so mancher Konzern bereits angedacht hat, bleibt vorerst noch ein Gedankenspiel und Thema der Entwicklungsabteilungen.

Der Drohnenbetrieb befindet sich großteils noch in der Experimentierphase. Die Deutsche Post etwa testete auf einzelnen Strecken und legte Anfang des Jahres ohnehin ihre Robotikversuche vorerst wieder zu den Akten: "Die Geräte sind heute noch zu teuer", erklärte Post-Chef Frank Appel dem Tagesspiegel. Auch hohe Hürden von Behördenseite werden vom Unternehmen als Hemmnis genannt.

Amazon dagegen wirft die Propeller noch nicht so schnell ins Korn, derzeit wartet man in den USA aber noch auf die Erlaubnis der Luftfahrtbehörde. Tatsächlich sehen Experten ein Problem in der mangelnden Regulierung des Luftverkehrs.

Ohne eine ausgearbeitete Verkehrsordnung für den organisierten Drohnenbetrieb breche Chaos am Himmel aus. Im weitaus weniger frequentierten Luftraum Afrikas dagegen ist ausreichend Platz für den effektiven Betrieb der Drohnen.

Freier Himmel über Afrika

Mit seinem ersten Versuch stürzte Zipline-Gründer Keller Rinaudo jedoch ab: Die Entwicklung eines neuen Spielzeugroboters, war nicht von Erfolg gekrönt. Erst danach fokussierte sich sein Start-up auf die Idee der medizinischen Versorgung mittels Drohnen.

Nach einer ausgiebigen Testphase kam man 2016 erstmals ins Geschäft: Seit drei Jahren ist Zipline bereits in Ruanda aktiv. Inzwischen wurden dort fast 20.000 Flüge durchgeführt – dem Unternehmen zufolge bislang ohne einen einzigen Unfall.

So wich auch durch die Effizienz des Systems die anfängliche Skepsis der Bevölkerung schnell – wie etwa bei Alice Mutimutuje. Die junge Ruanderin verriet der afrikanischen Zeitung Region Week, dass sie die Drohnen erst für eine verrückte Idee hielt, als sie sie zum ersten Mal sah – "bis eine mein Leben rettete". Bei der Operation einer Malariaschwellung verlor sie eine Menge Blut, eine Drohne brachte ihr die lebensnotwendige Blutkonserve. (Johannes Lau, 11.9.2019)