Im Atomkraftwerk Fukushima kam es 2011 nach einem schweren Erdbeben und einem Tsunami zu einer Kernschmelze. Es war das schwerste Atomunglück seit Tschernobyl 1986.

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Tokio – Acht Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima erwägt der Energiekonzern Tokyo Electric Power (Tepco), radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem havarierten Kernkraftwerk in den Ozean zu leiten. Tepco habe bald keine Lagerkapazitäten mehr für das kontaminierte Wasser aus den Kühlrohren, erklärte Umweltminister Yoshiaki Harada am Dienstag.

Nachdem die Anlage durch ein Erdbeben und einen Tsunami im Jahr 2011 lahmgelegt worden war, sammelte Tepco an den zerstörten Standorten mehr als eine Million Tonnen kontaminiertes Wasser aus Kühlleitungen in etwa 960 Tanks. Mit dem Wasser wird das Schmelzen der Brennstoffkerne verhindert. "Die einzige Möglichkeit wird sein, das Wasser ins Meer abzuleiten und zu verdünnen", sagte Harada. Die gesamte Regierung werde das diskutieren.

Unklar ist zudem, wie viel Flüssigkeit in den Ozean geleitet werden muss. Derzeit filtert Tepco die meisten radioaktiven Isotope aus dem Wasser – außer Tritium, ein radioaktives Wasserstoffisotop. Tritium gilt als vergleichsweise harmlos. Die Gefahr, die vom kontaminierten Wasser ausgeht, ist aber weiter umstritten.

Regierung wartet auf Expertenbericht

Die Regierung in Tokio wartet derzeit auf den Bericht eines Expertenteams, bevor sie eine endgültige Entscheidung über die Entsorgung des radioaktiven Wassers trifft. Japans Kabinettsminister Yoshihide Suga bezeichnete Haradas Äußerungen in einer separaten Pressekonferenz als dessen persönliche Meinung. Ein Tepco-Sprecher wiederum betonte, der Konzern werde nicht selbst entscheiden, sondern die Vorgaben der Regierung befolgen. Fakt sei aber, dass der Konzern ab 2022 keinen Platz mehr zur Wasserspeicherung habe.

Sollte Tokio grünes Licht für die Entsorgung des kontaminierten Wassers in den Ozean geben, dürften Nachbarstaaten wie Südkorea auf den Plan gerufen werden. Seoul hatte bereits im vergangenen Monat einen hochrangigen Botschaftsbeamten einberufen, um zu klären, wie mit dem Fukushima-Wasser umgegangen wird. "Wir hoffen nur, mehr Details über die laufenden Diskussionen in Tokio zu erfahren, damit es keine Überraschung gibt", sagte ein südkoreanischer Diplomat. Das südkoreanische Außenministerium erklärte, es habe Japan gebeten, "eine kluge und vorsichtige Entscheidung in dieser Frage zu treffen".

Angespannte Beziehung

Die Beziehungen zwischen den ostasiatischen Nationen sind nach einem Streit um die Entschädigung der Koreaner, die im Zweiten Weltkrieg in japanischen Fabriken arbeiten mussten, ohnehin angespannt. Die Regierung in Tokio entschied im vergangenen Monat, Südkorea als erstem Land überhaupt Handelsprivilegien zu entziehen. Seoul drohte umgehend Gegenmaßnahmen an, auch Boykottaufrufe gegen japanische Unternehmen folgten.

Kernschmelze nach Erdbeben

Im Atomkraftwerk Fukushima war es im März 2011 nach einem schweren Erdbeben (Stärke 9,0) und einem Tsunami zur Kernschmelze gekommen. Radioaktivität trat aus und verseuchte weite Gebiete – mehr als 160.000 Menschen mussten evakuiert werden. Es war das schwerste Atomunglück seit Tschernobyl 1986. In den meisten Gebieten der Katastrophenregion ist die Strahlung inzwischen wieder auf einem normalen Stand. Ein Sperrgebiet um den Unglücksreaktor darf aber weiterhin nicht betreten werden. (APA, red, 10.9.2019)