Oft ist die Abrissbirne besser als der Schimmelpilz.

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Geht es um den Klimaschutz, sind weitreichende Forderungen populär. Steigender CO2-Ausstoß im Verkehr soll durch höhere Steuern auf Treibstoffe und Fahrverbote in Städten verhindert werden, in der Landwirtschaft wurde zuletzt der Fleischkonsum angeprangert, und auch gegen das Fliegen regt sich wachsender Widerstand. Der renommierte Wissenschafter Ernst Ulrich von Weizsäcker redete im STANDARD sogar einer Einkindpolitik in Europa nach chinesischem Vorbild das Wort.

Wohnen ist großer Klimasünder

Während der Fantasie zur Klimaverbesserung keine Grenzen gesetzt sind, wird wenig über Energieeffizienz und Umweltschutz in den mehr als zwei Millionen heimischen Gebäuden diskutiert. So sie überhaupt stattfinden, fokussieren die Debatten auf ökologische Aspekte des Neubaus, der Gebäudebestand findet weniger Aufmerksamkeit.

Bei Wärmedämmung gibt es noch viel Potenzial.
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Dabei wäre der Bereich Wohnen durchaus relevant: Heizen, Warmwasser oder Klimaanlagen zeichnen für 27 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich. Trotz einiger CO2-Einsparungen beispielsweise durch ökologischere Heizformen ist die Bilanz des Sektors "nicht gut", wie der auf Klima und Energie spezialisierte Ökonom Stefan Schleicher sagt.

Schleppende Sanierung

Zwar wird seit Jahren über stärkere Anstrengungen zur Renovierung und Modernisierung von Häusern geredet, passiert ist aber recht wenig. Der Zielwert, wonach zwei Prozent der Gebäude im Jahr saniert werden sollen, wird laufend unterschritten. Nicht einmal ein Prozent der Häuser wird gedämmt oder anderweitig renoviert. Martin Hagleitner, stellvertretender Obmann des Zukunftsforum SHL, hält eine Sanierungsrate von drei Prozent für notwendig. SHL ist ein Zusammenschluss von Installateuren, Händlern und Herstellern von Heiz- und Wärmeanlagen.

Geringe Anreize

Die mäßigen Fortschritte beim Klimaschutz in Gebäuden hängen mit den mangelnden Anreizen zusammen. Die Wohnbauförderung kassieren die Länder, ohne Nachweise für Investitionen in nachhaltige Projekte erbringen zu müssen. Bei bestehenden Mietwohnungen wiederum hat der Eigentümer herzlich wenig von der Verbesserung der Energieeffizienz. Steuerlich wurden Investitionen in Gebäude im Jahr 2016 sogar schlechtergestellt. Prompt steht in der Klima- und Energiestrategie von Türkis-Blau, dass eine Verkürzung der Abschreibungsdauer bei Investitionen in Energieeffizienz geprüft werden soll. Beschlossen wurde: nichts.

Hagleitner, im Hauptberuf Chef von Austria Email, fordert mehr als das. Ein Mix aus steuerlichen Begünstigungen, attraktiven Abschreibungen, Anpassungen im Mietrecht bis hin zu verpflichtenden Checks bestehender Heizungs- und Warmwasseranlagen sollen die Sanierungsrate nach oben treiben. Er spricht von einer "Klimawende in den eigenen vier Wänden, die mit hohen Investitions- und Beschäftigungseffekten verbunden ist".

Das sogenannten Suurstoffi-Areal in der Schweiz gilt klimatechnisch als Vorzeigeprojekt.
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Vorbild Suurstoffi-Areal

Schleicher meint, man müsse im Gebäudebereich umfassender denken. Finanzierung, Raumplanung, Mobilität – all diese Faktoren sollten berücksichtigt werden. In die gleiche Kerbe schlägt Angela Köppl, Umweltexpertin am Wirtschaftsforschungsinstitut.

Es solle nicht in Einzelobjekten, sondern in ganzen Vierteln gedacht werden. Überschussenergie in einem Gebäude könnte Defizite in einem nahe gelegenen Haus decken. Fotovoltaik, gepaart mit Speichern, Erdwärme, Wärmepumpen, Abwärmenutzung usw., soll nicht nur lokal eingerichtet werden, sondern ganze Viertel über sogenannte Anergienetze versorgen.

Köppl nennt das preisgekrönte Areal Suurstoffi in der Schweiz zwischen Zürich und Luzern als Vorbild, bei dem auf einer Fläche von 165.000 Quadratmetern ein CO2-neutrales Wohn-, Gewerbe und Studentenviertel entstanden ist. Durch derart innovative Konzepte lasse sich der Primärenergiebedarf um drei Viertel senken, meint Schleicher.

Ein paar prestigeträchtige neue Quartiere – alles schön und gut: Doch was passiert mit dem Altbestand? Experte Schleicher vom Grazer Wegener Center betont, dass bei vielen Bauten – insbesondere Nachkriegshäusern – Sanierungen vergebene Liebesmühe seien und Dämmungen zu Feuchtigkeit und Schimmel führten.

Seine Empfehlung: "Oft sind Abriss und Neubau effizienter als eine Sanierung." Köppl teilt diese Meinung. Fragt sich nur, wer das Geld für Abbruch und Wiedererrichtung aufbringen soll. (Andreas Schnauder, 11.9.2019)