Der britische Arbeitsmarkt boomt, die Wirtschaft legte im Juli zu. Dahinter dürften Hamsterkäufe und stockende Investitionen stecken.

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Wer die jüngsten Meldungen zum britischen Arbeitsmarkt hört, möchte nicht glauben, dass der Inselstaat am Rande eines chaotischen Brexits steht. Im Juli ging die Arbeitslosenquote auf 3,8 Prozent zurück. Niedriger war die Quote zuletzt vor 45 Jahren. Die Löhne legten von Mai bis Juli um vier Prozent zu, das stärkste Plus seit 2008. Die Inflation lag mit gut zwei Prozent klar unter dem Lohnwachstum, was sich positiv auf die Kaufkraft der Briten auswirkt.

Hatten die Brexiteers recht mit der Behauptung, ihre Gegner hätten den ökonomische Kollaps wie den Teufel an die Wand gemalt?

Mensch statt Maschine

Tatsächlich legte die Wirtschaftsleistung im Juli zum Vormonat um 0,3 Prozent zu. Damit wird aber ein negatives Quartal gerade noch herausgerissen. Nimmt man die Daten von Mai bis Juli zusammen, ergibt sich eine Stagnation zum Vorquartal. Der Arbeitsmarkt ist eigentlich der einzige Lichtblick in einer wirtschaftlich angespannten Lage. Harald Oberhofer, Handelsexperte an WU und Wifo, ist ob der guten Beschäftigung der Briten nicht verwundert. "Seit dem Austrittsreferendum investieren Unternehmen aus Unsicherheit heraus weniger in teure Maschinen und stellen stattdessen mehr Arbeitskräfte ein." Doch Personal lässt sich schnell wieder abbauen, wenn die Wirtschaft einbricht.

Weniger wettbewerbsfähig

Der immer wieder hinausgezögerte Brexit-Prozess hinterlässt Spuren: Innerhalb von drei Jahren sind die Investitionen der Firmen über zehn Prozent zurückgegangen, wie der Stanford-Ökonom Nicholas Bloom mit Kollegen in einer neuen Studie zeigt. Das sei der direkte Effekt der Brexit-Ängste, lautet sein Fazit.

Gleichzeitig wird die Wirtschaft weniger effizient, wenn Menschen statt Maschinen beschäftigt werden: Zwischen zwei und fünf Prozent sei die Produktivität bereist gesunken, berechnet Bloom.

Plastisch vorgestellt: Wenn in einem Pommes-Stand drei Leute arbeiten, könnte eine größere Fritteuse mit zwei Mitarbeitern die gleiche Menge an Kartoffelstangerln frittieren. Obwohl es die Produktivität deutlich steigern würde, schafft sich der Standbesitzer kein neues Gerät an, weil er nicht sicher ist, ob nach dem Brexit die Businessleute im Bürogebäude ums Eck noch da sind. Nach dem Brexit muss er zwei Mitarbeiter entlassen, sitzt aber nicht auf einem Kredit für eine nunmehr nutzlos pompöse Fritteuse. Auch Bank und Fritteusenhersteller steigen schlechter aus.

Horten für den Ernstfall

Noch ein Grund für die im Juli erstarkte wirtschaftliche Aktivität sind hortende Unternehmen. In Erwartung eines Brexits am 31. Oktober füllen sie ihre Lager auf, bevor Zollgrenzen und etwaige Engpässe auftreten.

Ähnliches dürfte für Spitzenpersonal gelten, vermutet Oberhofer. Wer auf Fachkräfte aus der EU angewiesen ist, könnte sie noch während der unbürokratischen Phase der Personenfreizügigkeit einstellen. All das würde mit dem Brexit ein jähes Ende finden. (Leopold Stefan, 11.9.2019)