Boris Johnson soll eine Brücke zwischen Schottland und Nordirland anvisieren. Eine Umsetzung gilt aber als unwahrscheinlich.

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London – Der britische Premier Boris Johnson erwägt laut einem Bericht des Senders Channel 4 den Bau einer Brücke zwischen Schottland und Nordirland. Demnach existieren sowohl im Finanz- als auch im Infrastrukturministerium Dokumente zu Kosten und Risiken einer solchen Idee. Ein Regierungssprecher dementierte die Berichte nicht, betonte aber, dass die bisher vorhandenen Planungsdokumente bereits aus der Zeit des Wahlkampfs um den Vorsitz der Konservativen Partei in diesem Frühjahr stammen.

"Die Regierung lässt immer wieder Projekte auf ihre Umsetzbarkeit prüfen. Während des (parteiinternen, Anm.) Wahlkampfs haben eine Reihe von Kandidaten Vorschläge präsentiert, die zu solchen Prüfungen führten". Allerdings: Johnson habe "nie ein Geheimnis aus seiner Untersützung für Infrastrukturprojekte gemacht".

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Der Grund, wieso das Thema nun angeblich wieder in der Regierung diskutiert wird, ist der Brexit. Johnson und auch die nordirische Unionisten-Partei DUP, die seine fragile Regierung stützt, würden eine Landbrücke zwischen der irischen und britischen Insel für eine Möglichkeit halten, um "Kontrollen in der Irischen See" zu verhindern. Eine solche Brücke hätte laut einem BBC-Bericht aus dem Jahr 2013, der sich spekulativ auf mögliche Infrastrukturprojekte bezog, eine Länge von rund 33 Kilometern. Die Kosten des aktuellen Plans beziffert Channel 4 mit rund 50 Milliarden Pfund (55 Milliarden Euro).

Landverbindung statt Backstop

Die Land-Land-Verbindung würde womöglich nötig, wenn sich auch nach Ablauf einer Übergangsphase keine Einigung zwischen Brüssel und London in einer kritischen Frage finden lässt. Nämlich in jener, wie die Maßgabe einer offenen Grenze zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Staat Irland mit dem freien Warenverkehr in der EU vereinbaren lässt.

Der Backstop, den Johnson ablehnt, sieht daher vor, Nordirland im Regelwerk der EU zu belassen und dann Warenkontrollen am Meer zur britischen Insel durchzuführen. Das lehnt aber die DUP ab, weil es ein unterschiedliches Regelwerk zwischen Nordirland und dem Rest des Königreiches voraussetzen würde. Wie genau eine Brücke dieses Grundproblem lösen würde, war nicht unmittelbar zu eruieren. Ob sie den anderen Zweck, der der DUP vorschwebt, erfüllt – das ist ebenfalls unsicher: Die Partei will mit dem Projekt die Union zwischen Großbritannien und Nordirland stärken.

Begrünte Brücken und "Boris Island"

Wie Channel 4 anmerkt, handelt es sich bei der Idee nicht um das erste große Infrastrukturprojekt, das Johnson in seiner Karriere prüfen lässt. Planungen für eine begrünte Brücke über die Themse in London, für die Johnson in seiner Zeit als Bürgermeister Geld gesammelt hatte, stellte sein Nachfolger Sadiq Khan 2017 ein, nachdem die Planungen 43 Millionen Pfund (48 Millionen Euro) verschlungen hatte.

Die Idee, einen Großflughafen im Mündungsbereich der Themse in die Nordsee auf einer künstlichen Insel zu bauen, trug dem Projekt den Namen "Boris Island" ein. Umgesetzt wurde die Vision, mit der Johnson die Londoner Airports entlasten wollte, aber nie – wohl auch, wegen der beträchtlichen Entfernung der Flughafeninsel zur britischen Hauptstadt.

Im aktuellen Fall könnte sich ein Brückenbau ohnehin auch aus einem weiteren Grund als Falle erweisen. Sollte Schottland je die Unabhängigkeit von Großbritannien erlangen, strebt die Regierung in Edinburgh schließlich in die EU. Dann würde die Brücke das britischen Nordirland mit zwei EU-Staaten verbinden. (mesc, 10.9.2019)