"Kurier" kauft "Profil" zurück vom Magazinriesen VGN

Nachrichtenmagazin gehört wieder komplett dem Zeitungsverlag von Raiffeisen und Funke/Benko

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Abschied von "Profil": VGN-Mehrheitseigentümer Horst Pirker.

Foto: Heribert Corn

"Profil" geht zurück an den "Kurier": Der Magazinkonzern VGN und das Zeitungshaus haben sich nach STANDARD-Infos darauf geeinigt, dass der "Kurier" das Nachrichtenmagazin nach fast zwei Jahrzehnten wieder ganz besitzt und selbst bewirtschaftet. Die "Profil"-Redaktionsgesellschaft blieb ohnehin auch nach dem Verkauf der "Kurier"-Magazine an die damalige News-Gruppe 2001 beim "Kurier". Der Vertrag ist nun unterschrieben, teilte die VGN am Donnerstagabend intern mit.

Jahrelang verhandelt

VGN-Mehrheitseigentümer Horst Pirker versuchte auch die "Profil"-Redaktion in seine Magazingruppe zu holen (DER STANDARD berichtete, Pirker bestätigte später). Die Wettbewerbsbehörde winkte ab, auch die Verträge mit dem "Kurier" dürften schließlich dafür wenig Spielraum geboten haben, sagen Kenner der Materie.

Pirker und "Kurier" verhandelten schon seit Jahren über eine Wiedervereinigung des Magazins mit seiner Redaktion – hüben oder drüben. Pirker hätte "Profil" offenkundig gerne neu positioniert; "Kurier" und sein Mehrheitseigentümer Raiffeisen hätten gerne wieder auch die wirtschaftliche Kontrolle über das "Profil" bekommen – schon als eine Art Entschädigung für Pirkers vorangegangene Deals.

VGN-Übernahme

Der langjährige Vorstandschef der Styria Media Group und kurzfristige Geschäftsführer des Red Bull Media House übernahm 2014 die Führung der VGN. 2016 übernahm er die Anteile von VGN-Mehrheitseigentümer Bertelsmann/Gruner+Jahr. Bertelsmann gab der VGN nach vielen Jahren durchwegs entnommener Gewinne laut Jahresabschluss 2017 der VGN Medien Holding 10,1 Millionen Euro nicht rückzahlbaren Zuschuss und 6,344 Millionen Euro als Kredit.

"Kurier" hinausoptiert

Pirker verlangte auch vom damaligen 25,3-Prozent-Gesellschafter "Kurier" einen vergleichbaren Zuschuss von rund sechs Millionen Euro. Der "Kurier" weigerte sich. Daraufhin zogen Pirker und die News-Gründerfamilie Fellner, neben "Österreich"/"Oe24" noch Minderheitsgesellschafter der Magazingruppe, Anfang 2018 eine Kaufoption aus dem Jahr 2001 für die "Kurier"-Anteile. Ohne Geldeinsatz – 2001 wurde mit der Option vereinbart, dass der Kaufpreis anhand der VGN-Ergebnisse über drei Jahre berechnet wird. Und die waren im relevanten Zeitraum durchwegs negativ.

"Kurier", "Profil" und Pirker: eine STANDARD-Illustration zum langen Gezerre um das Magazin.
Foto: Profil Kurier Cremer Montage: Seywald, Beigelbeck

Der "Kurier" bekämpfte den Verlust der VGN-Anteile vor Höchstgerichten und verlor. Spätestens seither intensivierte er die Kaufverhandlungen über "Profil". Im Februar 2019 meldeten die "Kurier"-Juristen schon den Kauf des Magazins bei der Wettbewerbsbehörde an – und zogen ihn gleich wieder als doch verfrüht zurück. Nun dürfte es doch ernst werden, auch mit der kartellrechtlichen Prüfung mit guten Chancen auf ein Okay.

Viele Interessen verzögern den Deal

Bei dem Deal waren viele Interessen im Spiel – das dürfte den Abschluss nicht gerade erleichtert haben: Am "Kurier" ist neben Raiffeisen die deutsche Funke-Mediengruppe an Bord, sie will eigentlich ihre Anteile komplett an Immobilienmiliardär René Benko abstoßen – aber dieser Ausstieg (oder ein Rückkauf von Benko) hängt an einem Schiedsgerichtsverfahren mit den "Krone"-Mitgesellschaftern Familie Dichand.

An der Verlagsgruppe News sind noch die Fellners mit 25 Prozent beteiligt. Es wäre ungewöhnlich, würden sie von der Zustimmung zu Deals, gerade solchen, die von ihnen abhängen, keine Vorteile erwarten. Und die Fellners prozessieren gegen die früheren Mehrheitseigentümer der News-Gruppe, Bertelsmann/Gruner+Jahr, über die Rechtmäßigkeit des Verkaufs an Pirker und dessen Funktionen in einzelnen Gesellschaften der Gruppe. Bertelsmann/Gruner+Jahr dürfte an einem Ende dieses Rechtsstreits einiges Interesse haben. Pirker wiederum hat noch einen Kredit bei Gruner+Jahr/Bertelsmann offen – über gut 6,3 Millionen Euro. Und die VGN kann ein paar Millionen des "Kurier" gut gebrauchen – für ein Magazin, auf dessen Positionierung und Ausrichtung sie ohnehin keinen Einfluss mehr erhoffen konnte.

Ob und wie sich all diese Bedingtheiten, Abhängigkeiten und Interessen womöglich mit dem "Profil"-Deal lösen, lässt sich von außen nicht erkennen. Die Dauer der Verhandlungen deutet jedenfalls darauf hin, dass sie beim "Profil"-Deal eine Rolle gespielt haben.

Das mit "Formil" geteilte "Profil"

Die Konstruktion des geteilten Nachrichtenmagazins entstammt einem kartellrechtlichen und medienpolitischen Katastrophenfall: 2001 konnte die den Magazinmarkt beherrschende Verlagsgruppe News (heute: VGN) die zweitgrößte Zeitschriftengruppe übernehmen. Gegen kartellrechtliche Vorgaben wie Medienvielfalt, Marktanteilsgrenzen für Marktbeherrschung – durchgesetzt mit Rechentricks und erfundenen Mitbewerbern, Zusammenspiel mit dem damaligen ÖVP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein sowie den damals im Kartellgericht entscheidenden Sozialpartnern von Arbeiter- und Wirtschaftskammer und vor allem politischem Druck auf die FPÖ und ihren damaligen Justizminister Dieter Böhmdorfer.

Der Zusammenschluss von 2001 ging als "Formil"-Fusion in die jüngere Mediengeschichte ein – mit ihm kamen die einzigen damals bundespolitisch relevanten Wochenmagazine "Format" und "Profil" ("Formil") sowie "News" unter ein Verlagsdach. Der "Kurier", als Mediaprint-Eigentümer neben der "Krone" schon Teil des Zeitungsmarktbeherrschers, konnte sich mit 25,3 Prozent an der nun noch dominierenden Zeitschriftengruppe um "News" beteiligen. Das Kartellgericht führte damals in seiner Entscheidung über dutzende Seiten aus, warum Auflagen für den Deal nichts bringen. Am Ende stimmte das Gericht mit solchen Auflagen dem Zusammenschluss doch zu. Eine davon: Die "Profil"-Redaktion musste beim "Kurier" bleiben. Marke, Anzeigengeschäft, Vertrieb gingen an die Verlagsgruppe News, die der Redaktion ihr jährliches Budget überwiesen hat.

Nun übernimmt der "Kurier" nach fast 20 Jahren wieder die wirtschaftliche Führung des Nachrichtenmagazins – keine leichte Aufgabe: Nach STANDARD-Infos brachte das Magazin in den vergangenen Jahrzehnten nur in wenigen Jahren relevante Gewinne – aber das ist stets auch eine Frage der Berechnung. Die "Profil"-Redaktion hoffte nach Jahren des Gezerres um das Magazin auf diese Lösung.

Die Verlagsgruppe News könnte nun nach dem "Profil"-Verkauf versuchen, Entscheidungsträger über andere, womöglich auch neue Medien zu erreichen.

  • Update: "Kurier"-Aufsichtsrat und Wettbewerbsbehörden müssen zustimmen

Bevor der Verkauf vollzogen wird, müssen noch der Aufsichtsrat des "Kurier" sowie die Wettbewerbsbehörde und der Bundeskartellanwalt zustimmen.

  • Update: Rainers "weitere Schritte" bei "Profil"

"Profil"-Herausgeber Christian Rainer kündigte in einer internen Rundmail an, "die weiteren Schritte grob und dann im Detail" zu besprechen. Die Entscheidung ermögliche eine mittelfristige Planung für "Profil".

Rainer dankte den Mitarbeitern für ihre Geduld. Dank gelte "selbstverständlich und besonders auch den bisherigen Eigentümern, die ihren Anteil nun verkaufen, und jenen, die schon bisher in komplexer Organisation Eigentümer waren und diese Funktion nun ausweiten werden".

  • Update: Pirker im Wortlaut

VGN-Boss Horst Pirker informierte die Mitarbeiter der Magazingruppe am Donnerstagabend per Mail über den "Profil"-Verkauf. Er erklärte den Deal so:

"Das Magazin 'Profil' lebt seit einer Kartellgerichtsentscheidung aus dem Jahr 2001 mit einer Teilung: Die Redaktion, unzweifelhaft identitätsstiftend für ein Magazin, war und ist seit 2001 in die rechtliche Struktur des Medienhauses 'Kurier' eingebunden, während die wirtschaftlichen Bereiche des 'Profil' Teil der VGN Medien Holding sind. 'Kurier' ist nun aber 2018 als Gesellschafter der VGN Medien Holding ausgeschieden, sodass eine Neubewertung der Situation vorzunehmen war.

'Kurier' und VGN Medienholding sind nun im Ergebnis dieser Neubewertung übereingekommen, die Redaktion und die wirtschaftlichen Bereiche des 'Profil' wieder zusammenzuführen, und zwar in der profil Redaktions GmbH, einer Tochter der Kurier Zeitungsverlag und Druckerei GmbH. Das heißt, auch die wirtschaftlichen Bereiche des 'Profil' werden in Zukunft zur Gänze von der profil Redaktions GmbH verantwortet."

(Harald Fidler, 19.9.2019)

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