Über die Mittelschicht wird viel geredet. Doch wer zählt dazu?

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In der heißen Phase des Wahlkampfs ist sie wieder wild umfochten: die Mittelschicht. Die größte potenzielle Wählergruppe wird von allen Parteien hofiert. Sie wollen die Mitte entweder entlasten oder vor neuen staatlichen Zugriffen schützen.

Dabei herrscht wenig Einigkeit unter den Wahlwerbenden, wer die Mittelschicht im Land ist und wen ein neuer Vorschlag treffen oder unterstützen würde. Zwei Beispiele: Das Vorhaben der SPÖ, eine Vermögens- sowie eine Erbschaftssteuer einzuführen, soll einen finanziellen Beitrag zur steuerlichen Entlastung der Einkommen leisten. "Vorsicht!", lautet die Reaktion der FPÖ: Davon wären nicht die Superreichen, sondern der Mittelstand betroffen. Also kleine und mittlere Betriebe, quasi die Mittelschicht unter den Gewerbetreibenden. Die ÖVP nimmt jene vor einer Erbschaftssteuer in Schutz, die sich durch eigene Arbeit im Leben etwas aufgebaut hätten. Schützenhilfe leistet die Industriellenvereinigung. Die SPÖ-Pläne müssten "tief in der Mittelschicht ansetzen", um den Faktor Arbeit zu entlasten. Das SPÖ-Portal Kontrast konterte: Der typische Häuslbauer sei nicht in Gefahr. Die Steuerpläne würden rund 148.000 Millionäre betreffen, also nicht einmal zwei Prozent der Bevölkerung.

Ein weiterer Streitpunkt: Die Befürworter einer CO2-Steuer, wie Grüne, Neos und Liste Jetzt, stehen vonseiten der drei Großparteien in der Kritik. Damit würde man die Armen und die Mittelschicht treffen, lautet der Tenor von ÖVP, FPÖ und SPÖ. Die Kleinparteien halten dagegen, dass sie unterschiedliche Entlastungen als Ausgleich vorsehen. Klar ist, dass niemand den Eindruck erwecken will, ungut an der Mitte anzustreifen.

Vermessung der Mitte

Aber wer zählt in Österreich überhaupt zur Mittelschicht? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Eine weitverbreite Methode ist es, Haushaltseinkommen heranzuziehen, erklärt die Ökonomin Judith Derndorfer von der WU Wien. Dazu wird alles zusammengezählt, was ein Alleinstehender, eine Familie oder ein Paar im Jahr an Geld bekommt. Egal ob Mindestsicherung, Pension, Gehalt, Steuerrückzahlung oder Dividenden, die Statistiker rechnen alles in das Haushaltseinkommen ein. Der Gewinn vom Rubbellos wird ebenso dazugezählt wie der Hunderter von der Oma zur Matura. Die Summe der Einkommen aller Personen im Haushalt wird nach Anzahl und Alter aufgeschlüsselt. Woher weiß die Statistik, wie viel eine bestimmte Familie im Jahr zusammenkratzt? Sie fragen einfach nach, sagt Derndorfer. Zuletzt wurde im Vorjahr bei 6.000 Haushalten angeklopft.

Nach dieser Methode lag das Medianeinkommen 2018 bei 25.175 Euro. Die Hälfte der Österreicher hatte mehr, die andere weniger zur Verfügung. Allerdings entspricht dieser Betrag nur für einen Singlehaushalt genau der Summe, die in der Geldbörse landete. Die Zusammensetzung des Haushalts fließt in die Betrachtung ein, um die unterschiedlichen Lebensrealitäten einzufangen, erklärt Derndorfer. Damit eine alleinerziehende Mutter zweier kleiner Kinder auf das gleiche Medianeinkommen kommt wie ein Single, musste sie im Vorjahr mit Gehalt, Beihilfen, Unterhaltszahlungen und Co 40.200 Euro lukrieren. Die Mitte hat also viele Gesichter, selbst wenn man sie an einer einzigen Zahl festmacht.

Die Schwelle

Je nachdem, wie weit man die Grenzen oberhalb und unterhalb des Medianeinkommens zieht, lässt sich die Mittelschicht abstecken. Eine naheliegende Untergrenze ist die nationale Armutsgefährdungsschwelle. Sie lag im Vorjahr bei 15.105 Euro für einen Einpersonenhaushalt, das sind rund 1.300 Euro pro Monat. Laut Armutskonferenz fallen etwa 14 Prozent unter diese Schwelle.

Am oberen Ende ziehen Ökonomen die Grenze gerne bei 150 oder 200 Prozent des Medianeinkommens. Das wären rund 38.000 bzw. 50.300 Euro im Jahr. Letzteres würde die Mittelschicht bis weit in die obersten zehn Prozent der Österreicher verorten. Ein pragmatischer Ansatz lautet, die Mitte konstant als 60 Prozent der Bevölkerung festzulegen. Die ärmsten und reichsten 20 Prozent zählen demnach nicht dazu. Nach dieser Methode bewegt sich die Mittelschicht zwischen einem Jahreseinkommen von rund 20.000 bis 36.000 Euro. Insgesamt umfasst die Mittelschicht nach dieser Berechnung knapp 5,2 Millionen Österreicher. Allerdings lässt sich damit nicht sagen, ob die Mittelschicht größer oder kleiner wurde, gibt Derndorfer zu bedenken.

Falsches Bild im Kopf

Egal für welche Methode man sich entscheidet, ein direkter Vergleich mit den Mitmenschen lohnt sich. Viele haben ein eher verzerrtes Bild von der Realität, wie eine Studie der Ökonomin Judith Niehues vom IW Köln zeigte. Demnach glaubte die Mehrheit der 2009 befragten Österreicher, dass die Einkommensverteilung eher einer Pyramide gleiche: Die größte Gruppe wären demnach die Armen. Gleichzeitig unterschätzten die Menschen, wie breit die Mittelschicht war. Der Anteil der Reichsten wurde dafür um das Doppelte überschätzt.

Derzeit wird die Erhebung wiederholt, Ergebnisse liegen noch keine vor. Leicht möglich, dass die Stimmung unmittelbar nach der Finanzkrise die Wahrnehmung der Bevölkerung stärker verzerrt hat, als es heute der Fall ist. Auch die Erfahrung des STANDARD mit unserem interaktiven Online-Mittelschichtrechner hat gezeigt, dass viele Nutzer unterschätzen, wie hoch ihr Einkommen im Vergleich ausfällt. Herbe Überraschungen sind natürlich nicht ausgeschlossen.

Der lehrreiche Vergleich

Diese Befunde zeigen, dass ein Vergleich der eigenen Lage mit jener seiner Mitmenschen lehrreich ist. Schließlich fällt es leicht, die Auswirkung von politischen Vorhaben für einen selber abzuschätzen. Wer mit einem SUV zwei Stunden pendelt, weiß, dass ihn eine CO2 Steuer trifft. Ob die Oma ein millionenschweres Zinshaus hinterlässt, dürfte auch bekannt sein. Wer nicht selber betroffen ist, kann eine Pensionserhöhung von 50 Euro oder einen Mindestlohn von 1.700 Euro nicht so leicht einordnen. Zu wissen, wo man in der Einkommensverteilung steht, hilft zumindest ein kleines Stück dabei. (Leopold Stefan, 13.9.2019)