Im Jahr 2018 wurden laut Statistik Austria insgesamt 106.627 Geländefahrzeuge / SUVs neu zugelassen.

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Auf der Autobahn tauchen sie plötzlich im Rückspiegel auf, mit einer Kavallerie von 300 Pferden oder mehr unterm Ledersitz. Die Scheinwerfer gleichen den Augen eines Raubvogels, die Reifen sind breiter als der Arsch von Donald Trump, die Scheiben getönt, der Lack oft schwarz. Und mit ihrem Kühlergrill, der scharfen Zähnen gleicht, zeigen sie dir, dass sie dich gleich fressen werden, wenn du ihnen nicht Platz machst: Sport Utility Vehicles oder kurz: SUVs.

Thomas Vašek, Wiener Journalist in Hamburg, schreibt in seinem lesenswerten Buch Land der Lenker: "Der Fahrer bewegt sich darin wie in einer Rüstung. In ihr kann er seine Gefühle und Stimmungen ausdrücken, oft auch seine Aggressionen."

Aggression schlägt aber auch den Fahrern selbst entgegen, ihre Hasser unterstellen ihnen gerne das Selbstwertgefühl einer trockenen Gurke: "Warum brauchst du ein zwei Tonnen schweres Auto, um dein zwei Gramm schweres Schwanzerl zu transportieren?" lautet ein gängiges Vorurteil, das bewusst unter die Gürtellinie zielt.

Die Angegriffenen können das leicht verkraften, sie lehnen sich mit dicker Brieftasche unter ihrem Gürtel entspannt zurück und genießen "die verächtlichen oder neidvollen Blicke der Fußgeher und Radfahrer, die ich mit meinen 60.000 Euro gleich mit dazu eingekauft habe." Quelle der Zitate jeweils: das Netz.

Unversöhnlichkeit

Zwar heißt Vašeks Buch im Untertitel Die Deutschen und ihr Auto. Aber auch hierzulande stehen sich die beiden Lager zunehmend unversöhnlich gegenüber. Eine differenzierte Haltung zu SUVs scheint keiner zu haben, außer vielleicht Franz Sauer. Ihn, den Herausgeber des Online-Magazins motorblock.at, frage ich: "Was ist das eigentlich, ein SUV?"

"Sehr gute Frage", sagt er. "Ein SUV kommt höhergestellt daher und macht auf Allradler, obwohl er kein Allradler ist." Frei heraus sagt er auch gleich, dass einen SUV eigentlich niemand braucht, "aber er boomt halt, weil der Kunde ihn haben will." Und richtig: Im Jahr 2018 wurden laut Statistik Austria insgesamt 106.627 Geländefahrzeuge/SUVs neu für den Verkehr zugelassen, im ersten Halbjahr 2019 waren es schon wieder 55.058.

Sauer ärgert "die Ahnungslosigkeit in der Diskussion". Zum Beispiel die Sache mit dem kleinen Schwanzerl und dem Macho-Gehabe. "Es sind vor allem Frauen, die SUVs wollen, und zwar wegen des subjektiven Gefühls der Sicherheit." In Südafrika, Neuseeland oder Australien, weiß er, fahre "der coole Mann" seit jeher Geländewagen oder Pick-up. In Europa hingegen fuhr er immer einen Sportwagen, ein Cabriolet.

Väterfreundliche Alternative

Das Problem dabei: "Irgendwann kamen die Kinder, und dann musstest du ihn verkaufen." Also hat beispielsweise Porsche den Cayenne gebaut, um seine Kunden an die Marke zu binden. In der Turbovariante ist der ab 141.000 Euro aufwärts zu haben, hat 550 PS und misst 4926 mm in der Länge.

Verfechter der großen Autos halten die SUV-Kritiker für Neider.
Foto: Imago / Carsten Thesing

Nehmen SUVs also wenigstens unglaublich viel Platz weg, wie die Gegner immer sagen? "Auch nicht ganz richtig", sagt Sauer. Zwar ist der Cayenne einen halben Meter länger als ein Golf. "Aber der beliebte VW Tiguan (4486 mm) ist auf der Plattform eines VW Golfs (4567 mm) gebaut und sogar etwas kürzer. Nur ist er halt höher."

Die Höhe der Autos und die meist abgedunkelten Scheiben der SUVs werden auch immer wieder ins Treffen geführt, wenn es um die "Bedrohung" durch sie und die "Angst" vor ihnen geht. Dann wird es emotional. Als vor einigen Wochen zwei Kinder tragisch ums Leben kamen, die im Radanhänger der Mutter von einem Auto erfasst wurden, tauchten Bilder im Netz auf, die einen riesigen BMW X6 (4909 mm) einem hilflosen Kleinkind gegenüberstellten. Die Botschaft war klar: Kinderkiller SUV.

"Fakt ist aber", sagt Sauer, "dass du es mit einem BMW X6 gar nicht schaffst, ein Kind zu überfahren, selbst wenn du es willst." Einschränkung: "Wenn du dich an die Verkehrsregeln hältst!" SUVs seien nämlich heute mit so vielen Sicherheitsfeatures ausgestattet, "dass du bis 30 km/h sogar vor Kindern, die zwischen Autos hervor laufen, gewarnt wirst. Und wenn ein SUV beim Euro-NCAP-Test (European New Car Assessment Programm, Anm.) nicht fünf Sterne bekommt, dann kauft ihn sowieso keiner."

Der sehr erfolgreiche Defender von Land Rover werde aus diesen Gründen erst gar nicht mehr gebaut, "weil er nicht mehr zeitgemäß im Hinblick auf den Passantenschutz ist".

Vier Liter

Stimmen dann wenigstens die Horrormeldungen über den Verbrauch und den Anteil der SUVs an Luftverschmutzung und Klimaerwärmung? "Das ist der nächste große Trugschluss!", sagt Sauer. "In der Dieseltechnologie ist noch so viel Potenzial drin, dass du mit dem Druck neuer Gesetze sehr bald einen ausgewachsenen SUV mit vier Litern durch die Stadt bewegen wirst."

Er erwähnt den "megalomanischen BMW X7", der als Quadturbo-Diesel mit 400 PS ausgestattet ist und "festgeschraubt bei 160 km/h mit sechs Litern über die deutsche Autobahn fährt". Dass alles "über 300 PS selbstverständlich sinnlos ist", bestätigt er aber auch. Und dass der Diesel halt mehr Feinstaub und Stickoxide rausbläst, ist spätestens seit dem "Dieselskandal" auch kein Geheimnis.

Dazu kommen die, die dann doch ein Problem haben, das sie hinter dem Steuer ausleben, und ihren meist über zwei Tonnen schweren Koloss so aggressiv durch die Stadt jagen, dass von "kraftstoffsparender Fahrweise" keine Rede sein kann.

Nicht zuletzt wegen solch Verhaltensauffälliger spürt auch Sauer, der selbst SUV-Fahrer ist und darin am Freitagnachmittag auch mal spontan in knapp fünf Stunden nach Rab in Kroatien fährt, wofür er "öffentlich" mindestens neun Stunden brauchen würde, den Hass gegen seinesgleichen.

Klimaschützer sehen in den Fahrern von SUVs Umweltsünder.
Foto: APA / AFP / Yann Schreiber

"Und zwar in einem Maße, wie ich ihn nicht für möglich gehalten hätte." Sein Horrorszenario, bewusst überzeichnet, geht daher so: In irgendeiner europäischen Vorstadt wird einmal ein SUV-Fahrer von einem fanatischen Umweltterroristen … "Und – jetzt kommt der Punkt – erntet im Netz dafür sogar Verständnis."

"Verlärmte Todeszone"

Thomas Draschan, Wiener Künstler mit Zweitwohnsitz in Berlin, regt sich, "abgesehen von kurzen Momenten, in welchen ich von SUV-Infizierten beinahe niedergemäht werde und in irgendwelche Parklücken hüpfen muss, nicht weiter über sie auf". Vielmehr lehnt er SUVs genauso ab wie Autos insgesamt, bis auf die notwendigen Ausnahmen für Polizei oder Rettung.

Die Frage nach dem "Hass" würde er außerdem lieber an die SUV-Fahrer selbst richten: "Woher kommt euer Welthass? Warum wollt ihr das Habitat eurer Kinder mit diesen gefährlichen Maschinen unsicher machen? Warum der Hass gegen Natur, frische Luft, Fußgänger, Radfahrer, eigentlich alles?"

Es gebe keinen Lebensbereich, der nicht darunter leiden würde, sagt er. "Der öffentliche Raum ist zu einer verlärmten Todeszone umgestaltet worden, mit glühend heißem, hässlichem schwarzem Belag, der mich schon aus ästhetischen Gründen deprimiert."

Auf diesem Belag beobachtet Draschan dann "eine zunehmende Militarisierung und ein Wettrüsten, wo letztlich das Gesetz des Stärkeren gilt". Tatsächlich bestätigen die aggressive Optik vieler SUVs und nicht zuletzt ihre Namen diesen Trend. So plant Bugatti einen Super-SUV namens "Spartacus" und nennt ihn auch gleich einen "trainierten und bestens ausgebildeten Kämpfer".

Andere Luxusmarken wie Rolls-Royce statten ihre Brummer wie den Cullinan (5341 mm, ab 315.350,– Euro) mit 571 PS aus. Und immer öfter kurven angeberische Pick-ups wie der Dodge RAM mit acht Zylindern unter der Motorhaube und einer Länge von knapp sechs Metern durch die Stadt.

Verlust der Welt

Dabei versteht der leidenschaftliche Radfahrer Draschan "Angeberei jeder Art als Prinzip sehr gut". Seine eigenen Konsumgelüste befriedigt er passend zu seinem demografischen Umfeld mit handgeschmiedeten Luxusrädern aus Titan oder Rennrädern aus Carbon, was er aber nur mit zahlreichen Bildern auf sozialen Medien dokumentiert und nicht durch aggressives Um-die-Kurve-Fahren.

"In einer so großen, unpraktischen Kiste" wie einem SUV hingegen sei man sozial, visuell und akustisch eingeschränkt: "Es kommt einem die Welt abhanden. Ich aber will sinnlich, ekstatisch, genussvoll im Moment leben! Wind, Regen, Luft! Mit den Ohren die Umgebung wahrnehmen, jedes Knacken, jedes Geräusch. Die Muskeln glühen lassen & high nach Hause kommen."

Die grimmige Frontansicht eines neuen SUVs.
Foto: Reuters / Wolfgang Rattay

Thomas Vašek beschreibt die "zunehmende Abgeschottetheit" im Auto, das immer "um den Fahrer herum gebaut" werde, am Beispiel des Navis: "Es rationalisiert die Erfahrung des Urbanen, nimmt uns die Selbstständigkeit und beraubt uns der Interaktion: ,Wo ist das nächste Wirtshaus?‘, konnte man sich früher durchfragen. Heute ist das undenkbar." Auch er schreibt: "Wir erobern die Autobahn – und verlieren dabei die Welt."

Mehr PS

Besuch im Autohaus Wiesenthal im 10. Wiener Gemeindebezirk, wo Autoverkäufer Tomislav Glibusic zu mindestens einem Drittel SUVs verkauft. "Die meisten Käufer wollen durchaus ein sportlicheres Auto, das einem Minivan oder Kombi entspricht, aber optisch mehr hermacht."

Sportlich heißt: mehr PS. Durchschnittlich bringen Neuwagen heute 153 PS auf die Straße, 1995 waren es noch 95. Ein typischer SUV-Käufer sei daher seiner Erfahrung nach auch "der ältere Herr, der sich nicht alt fühlen möchte, der noch mit dabei sein will".

Darüber hinaus beobachtet Glibusic den allgemeinen Trend, immer "das Neueste" haben zu müssen, auch beim Auto. "Man will einfach technisch dabei sein und mitreden können."

Darum sei das Thema "Infotainment" immer wichtiger, die "User-Experience" mit zwei Bildschirmen, dem Navi, der Einparkhilfe mit 180 Grad-Kameras, der Spracherkennung, dem Auffahrassistenten, dem Verkehrsanzeigenassistenten, dem Abstandsregeltempomat usw. Fahrer und Auto bilden dann ein "Quasi-Objekt", zitiert Vašek den französischen Philosophen Bruno Latour.

Lebensraum 2.0

Kein Wunder, dass in unseren Straßen immer häufiger welche in ihren Autos herumsitzen, die es sich darin tatsächlich wie in einem Wohnzimmer eingerichtet haben und gemütlich mit ihrem Handy spielen, Film schauen, die Umwelt bei voll aufgedrehter Freisprechanlage an ihren Telefonaten teilhaben lassen – und dabei den Motor laufen lassen.

Aber wehe, man spricht einen darauf an! In Berlin soll es Gegenden geben, wo Verkehrspolizisten in zweiter Spur Parkende erst gar nicht mehr notieren, weil sie sofort von deren Besitzern attackiert werden. Beim Auto wird es schnell persönlich.

Ein typischer SUV-Käufer sei daher auch "der ältere Herr, der sich nicht alt fühlen möchte, der noch mit dabei sein will".
Foto: Imago / UPI Photo / John Angelillo

Glibusic begleitet mich zu einem schwarzen AMG G 63 (4672 mm, in der "Final Edition" ab 310.233 Euro, Wartezeit sechs Monate Minimum), der auf dem alten Puch G aufbaut und beliebt auch "bei Rappern und Fußballern" ist, wie man im Internet nachlesen kann. Erst kürzlich wurde der deutsche Kicker Mesut Özil darin von mit Messern bewaffneten Räubern auf ihrem Moped durch London gejagt, erfolglos.

Sein Mannschaftskollege Sead Kolašinac verjagte sie, dem Spartacus gleich, mit bloßen Händen. Glibusic öffnet für mich die Türe des Wagens und schließt sie wieder, sie klingt blechern im Unterschied zu den gedämpften Geräuschen bei anderen Autos. Ein Klang wie früher, könnte man sagen. "Genau so etwas wollen die Käufer!", sagt er. "Das besondere Etwas.

Inszenierte Übernahme

Dass nach wie vor kaum einer in seinem Auto ein Transportmittel von A nach B sieht, merkt Glibusic bei jeder Autoübernahme, die in seinem Haus richtiggehend inszeniert werde und durchaus emotional sein könne: Das Auto ist dann abgedeckt wie ein Geschenk, und manchmal hat der Käufer "sein" Auto noch nicht gesehen, sodass es zu einem gefühlvollen "ersten Mal" kommt. Das Auto ist das "verlängerte Selbst", was wir spätestens dann merken, wenn wir von einem Fahrer zu seinem Auto gebeten werden: "ICH stehe da drüben."

Nachdem am Berliner Ku’damm infolge eines illegalen Autorennens ein unschuldiger Verkehrsteilnehmer zu Tode gekommen war, hatte der Verursacher vor Gericht einzig die Sorge, dass ihm der Führerschein abgenommen werden könnte. Einsicht oder gar Reue zeigte er nicht, die Gefängnisstrafe nahm er locker.

Der Philosoph und überzeugte Rennradfahrer Peter Sloterdijk, schreibt Vašek, sieht im Fahrer und seinem Auto eine Einheit, "einen Zentauren". Das Auto ist für ihn "eine moderne Weltreligion, in der es einzig darum geht, sich immer schneller zu bewegen, ohne je an ein Ziel zu gelangen".

Er nennt es gar "das rollende Sakrament, das uns teilhaben lässt an dem, das schneller ist als wir selbst". Das Auto ist für ihn Rausch- und Regressionsmittel zugleich, Mittel zur Weltflucht ebenso wie zur Eroberung. Schützende Höhle und gefährliche Waffe. Eine solch enge und gewinnbringende Verbindung darf natürlich niemals enden. Darum bietet Autoverkäufer Glibusic seinen Kunden über den Autokauf hinaus auch markenbindende Golfturniere an oder für die Damen das Programm "She is Mercedes".

Trotz aller Bemühungen der Konzerne, trotz immer breiterer Reifen und immer größerer Radabstände wissen oder spüren aber vielleicht auch die Frauen in diesem Programm, was Thomas Vašek in seinem Buch über den Mann und sein Auto schreibt: "Jeder weiß, das Ende der Raserei ist nahe. Die Tage des geradeaus blickenden Schrumpfhelden, der mit dem Gaspedal seine Potenz demonstriert, sind gezählt. Angesichts von Klimawandel und Umweltverschmutzung wirkt das Automobilgesicht des Rasers nicht mehr frisch und modern, sondern verzerrt und fratzenhaft."

Fratzenhaft wie die Front eines Bugatti Spartacus, der uns vielleicht bald auf der Autobahn begegnen wird. Im Rückspiegel und mit dem deutlichen Vorsatz, uns zu fressen, wenn wir ihm nicht sofort ausweichen. (Manfred Rebhandl, 14.9.2019)