Die Bewegung Fridays for Future fordert die Politik zum Handeln auf, um die Klimaerwärmung zu begrenzen.

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Jonathan Safran Foer, "Wir sind das Klima!". 22,– Euro / 330 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019

Cover: Kiepenheur & Witsch

"Tiere essen" hieß sein erstes Sachbuch und Bestseller, das vom in Brooklyn, New York lebenden Schriftsteller Jonathan Safran Foer bereits im Jahr 2009 erschienen ist und sich damals schon mit den Problemen der industrialisierten Tierproduktion und den Folgen für den Klimawandel auseinandergesetzt hat. Jetzt hat der 1977 geborene und zum umtriebigen Umwelt-Aktivisten gewordene Autor noch eines drauf gesetzt und stellt mit seinem neuen Buch "Wir sind das Klima" einerseits die richtigen Fragen und und zieht andererseits die richtigen Schlüsse: Es gibt jene, die etwas gegen die steigende Klimaerwärmung tun und jene, die nichts tun – und oft nur reden. Aber diese Zeiten sind vorbei: Jeder und jede muss etwas tun! Das hat er dem STANDARD beim Gespräch in New York erzählt.

STANDARD: Was hatten Sie heute zum Frühstück?

Foer: Reste. Fladenbrot mit Zatar-Gewürzen, das ich in der Damascus Bakery, einem meiner Lieblingsgeschäfte hier in Brooklyn, gekauft habe, dazu Olivenpaste. K östlich!

STANDARD: Keine Tierprodukte also. Dem Untertitel Ihres neuen Buches zufolge haben Sie damit schon einmal ein bisschen den Planeten gerettet. "Vegan bis zum Abendessen" lautet Ihr Rezept, um die globale Erwärmung in den Griff zu bekommen. So einfach – ist das Ihr Ernst?

Foer: Es mir vollkommen klar, dass enorme Veränderungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene nötig sind, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Wir müssen weg von fossilen Brennstoffen, brauchen CO2-Steuern und einen anderen Umgang des Westens mit Entwicklungsländern. Ressourcen müssen komplett umverteilt, die Weltwirtschaft überhaupt umgedacht werden. Eigentlich brauchen wir eine Revolution. Aber Revolutionen setzen sich aus den Taten Einzelner zusammen. Ich halte es schlicht für unmoralisch, wenn wir als Individuen weiterhin in gemütlicher Resignation verharren und sagen: "Meine Handlungen sind viel zu bedeutungslos, um irgendetwas zu bewirken", und unsere Verantwortung auf Systeme abschieben, denen gegenüber wir uns für machtlos erklären.

STANDARD: Sie haben bereits in Ihrem Bestseller "Tiere essen" für eine vegetarische, wenn möglich vegane Ernährung plädiert. Was hat Sie dazu veranlasst, in "Wir sind das Klima!" die Rettung der Welt in Angriff zu nehmen?

Foer: Der Tod meiner Großmutter. Dieses Ereignis brachte mich dazu, über die Entscheidungen nachzudenken, die Menschen treffen. Meine Großmutter floh aus dem polnischen Dorf, in dem sie aufgewachsen war, kurz bevor die Nazis kamen. Der Rest ihrer Familie, ihre Freunde blieben. Die meisten von ihnen wurden ermordet. Meine Großmutter war nicht klüger als sie, auch nicht unbedingt mutiger. Alle wussten, dass die Nazis im Anzug waren. Aber im Gegensatz zu ihren Verwandten und Bekannten beschloss meine Großmutter zu handeln. Wir alle wissen, dass wir unseren Planeten und uns selbst zerstören, wenn wir unseren Lebensstil nicht ändern. Trotzdem verhalten wir uns noch immer wie Zuschauer eines Dramas anstatt wie Akteure darin.

STANDARD: Ist es nicht etwas heikel, die Klimakrise, Tofuwürstchen und den Holocaust in einen Topf zu werfen?

Foer: "Wir alle wissen, dass wir unseren Planeten und uns selbst zerstören, wenn wir unseren Lebensstil nicht ändern. Trotzdem verhalten wir uns noch immer wie Zuschauer eines Dramas."
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Foer: Mir geht es um die Frage: Wie werden wir zu Menschen, die sich nicht bei etwaigen Gefühlen aufhalten, sondern etwas unternehmen? Wir müssen Entscheidungen treffen, die uns im Augenblick wie ein Opfer erscheinen, sich längerfristig aber als überlebensnotwendig erweisen werden. Von allen Möglichkeiten, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren, ist die, vor dem Abendessen keine Tierprodukte zu konsumieren, für einen Einzelnen am einfachsten zu realisieren.

STANDARD: "Wir sind das Klima!" ist eine Mischung aus Bekenntnis, Manifest und Anekdotensammlung, garniert mit zahlreichen Daten sowie einem Quellenverzeichnis, das fünfzig Seiten umfasst. Fürchten Sie, ohne Statistiken nicht ernst genommen zu werden?

Foer: Das ist keine persönliche Eitelkeit. So unterschiedlich die Prognosen, Studien und Modelle sind, auf die ich mich berufe, sie laufen alle auf dasselbe hinaus: In den nächsten 100 Jahren wird die Temperatur auf unserem Planeten aufgrund menschlicher Aktivitäten zwischen zwei und sechs Grad Celsius steigen, was schwerwiegende Folgen für unsere Umwelt und unser Leben haben wird. Den Punkt, an dem dieser Prozess unumkehrbar wird, legen manche früher, manche später an. Aber dass eine Katastrophe irgendwann unabwendbar ist, wenn wir nichts mehr unternehmen, wird in wissenschaftlichen Kreisen kaum mehr bestritten.

STANDARD: Also empfehlen Sie uns Salat statt Steaks.

Foer: Methan und Stickoxide sind nach dem CO2 die häufigsten Treibhausgase. Allerdings schließt Methan auf zwanzig Jahre gerechnet 86-mal mehr Hitze in der Atmosphäre ein als CO2. Der Treibhauseffekt von Stickoxid ist sogar 310-mal so stark wie der von CO2. Die Nutztierhaltung ist für 37 Prozent der Methanemissionen verantwortlich und für 65 Prozent der Stickoxidemissionen. Wenn wir individuell also etwas bewirken und den Ausstoß von Treibhausgasen möglichst schnell möglichst massiv einschränken wollen, ist die Umstellung auf eine Ernährung, die hauptsächlich auf Pflanzen basiert, unsere beste Chance.

STANDARD: Sie haben das Publikum, das zu Ihren Lesungen erscheinen und Ihr Buch kaufen wird, bereits auf Ihrer Seite. Wie aber wollen Sie damit Leute erreichen, die wie Präsident Trump den Klimawandel als Erfindung der Chinesen bezeichnen und jegliche davon ausgehenden Gefahren in Abrede stellen?

Foer: Zunächst gilt es die Klimadebatte zu entpolitisieren. Ich glaube nicht, dass den Linken mehr an der Umwelt liegt als den Rechten. Kennen Sie Ben Shapiro?

STANDARD: Ein erzkonservativer Kommentator und Podcast-Moderator.

Foer: Shapiro ist der Inbegriff von jemandem, den man für einen Klimawandelleugner halten könnte. Er lud mich in seine Show ein, und ich fand, das Gespräch verlief hervorragend. Er räumte ein, dass sich die Erde stärker und schneller erwärmt als je zuvor und dass die Menschen zum Teil dafür verantwortlich sind. Er stimmte mir zu, dass wir unser Verhalten ändern müssen. Zu meiner großen Überraschung ging er sogar so weit, zu erklären, er werde in Zukunft weniger Fleisch essen, und sein Publikum dazu anzuhalten, dasselbe zu tun.

STANDARD: Dafür hat er bestimmt eine Menge Kritik geerntet.

Foer: Möglich. Aber wenn zwei Leute mit derart gegensätzlichen Weltanschauungen wie Shapiro und ich zusammenfinden können, dann können es alle. Ich verstehe die Frustration von Konservativen, die sich in der Klimadebatte als Ignoranten oder sogar Bösewichte dargestellt sehen und die in die Defensive gehen. Wir haben eine falsche Dichotomie zwischen jenen geschaffen, die den Klimawandel leugnen, und jenen, die ihn als Tatsache akzeptieren. Denn der wirkliche Graben liegt zwischen jenen, die etwas dagegen tun, und jenen, die nichts tun. Mit Klimamärschen, T-Shirts und Autoaufklebern mit den richtigen Slogans beruhigen wir unser schlechtes Gewissen. Aber wenn wir es dabei belassen, sind wir nicht besser als jene, die bestreiten, dass der Klimawandel überhaupt stattfindet.

STANDARD: Ihnen wäre ein Ben Shapiro, der morgens auf sein Rührei verzichtet, also lieber als ein Publikum, das Ihr neues Buch beklatscht und sich nach der Lesung ein paar Hamburger gönnt?

Foer: Folgen hat, was wir tun oder lassen, nicht, was wir dabei empfinden oder welcher Partei wir angehören.

STANDARD: Alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten haben Maßnahmen gegen die globale Erwärmung versprochen. Wer ist Ihr Favorit?

Foer: Für mich stellt sich die Frage: Wer ist in der Lage, einen von der Politik unabhängigen Konsens herbeizuführen und so diese Maßnahmen auch wirklich durchzusetzen? Ich bin nicht an radikaler Rhetorik interessiert. Debatten darüber, ob wir im Jahr 2040 oder 2050 CO2-neutral sein sollen, führen zu nichts. Die kleinsten Schritte sind oft die radikalsten, und wer den ersten davon macht, wird meine Stimme erhalten. Jemanden wie Shapiro, der Umweltschutzgesetze generell ablehnt, dazu zu bringen, seine Ernährung umzustellen – das ist radikal.

STANDARD: Vielleicht sollten Sie selbst kandidieren.

Foer: Mein Mittel ist das Schreiben. Damit kann ich am meisten bewirken.

STANDARD: Wie wichtig ist Ihnen die Trennung zwischen Ihrer belletristischen und Ihrer aktivistischen Arbeit?

Foer: Ich weiß nicht, wie ich beides vermischen könnte. Ich dachte, Sie würden mich fragen, ob ich mit meinem aktivistischen Schreiben fortfahren wolle.

STANDARD: Werden Sie das?

Foer: Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht. Ich bin mir nicht sicher. Aber im Augenblick scheint es mir wichtig, dem Aktivismus mehr Zeit zu widmen als allem anderen.

STANDARD: Die Krise unseres Planeten eigne sich nicht für gute Geschichten, schreiben Sie in "Wir sind das Klima!". Viele Ihrer Kollegen sind offenbar anderer Meinung. Apokalyptische Umweltromane haben derart Konjunktur, dass dafür sogar ein neuer Gattungsbegriff geprägt worden ist: "cli-fi", für "climate fiction", "Klimaliteratur".

Foer: Motivieren diese Romane uns zum Handeln?

STANDARD: Sollten sie das?

Foer: Es ist das Einzige, was zählt.

STANDARD: Ist das wirklich die Aufgabe der Literatur?

Foer: Na ja, nicht unbedingt ... Ich meine, die Literatur ist nicht dazu da, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Und verschiedene Schriftsteller haben verschiedene Absichten und Bedürfnisse. Nun haben wir aber mit der Erderwärmung ein Problem, das gelöst werden muss. Und die Lösung dieses Problems ist wichtiger als Unterhaltung. Wichtiger als eine gute Geschichte. Ich glaube dazu am meisten beitragen zu können, indem ich Sachbücher schreibe.

STANDARD: Wieso sollte Ihr Buch mehr bewirken als die unzähligen Bücher, Artikel, Fernseh- und Radioberichte, die es zu diesem Thema bereits gibt?

Foer: Ich schreibe immer das Buch, dass ich selbst gern lesen würde. Ich habe viele, zum Teil sehr gute Bücher über den Klimawandel gelesen. Sie haben mich schockiert und verängstigt, aber keines hat mich dazu gebracht, mein Leben zu verändern. Mein Buch basiert auf zutiefst persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen. Ich hoffe, dass ich damit meine Leser auf einer Ebene erreiche, die über rein intellektuelles Verstehen hinausgeht. Außerdem ist es ja kein Wettbewerb. Wenn jemand sagt: "Ich werde eine tolle Geschichte über den Klimawandel erzählen" – prima! Die Welt wird dadurch bereichert. Wir brauchen eine Vielfalt von Herangehensweisen und Motivationen. Das Entweder-oder-Stadium haben wir längst hinter uns: entweder Romane oder Sachbücher, entweder eine CO2-Steuer oder Eigenverantwortung. Wir benötigen alles, und zwar dringend. (Sacha Verna, 15.9.2019)