Es gibt angenehmere Situationen in einem Politikerleben, sogar in Wahlkampfzeiten. "Kein Bock auf Naturkatastrophen", stellt ein handgemachtes Pappschild neben der Bühne unmissverständlich klar. Vor dem Podium wächst ein Feuerball in die Höhe. "Stop denying the earth is dying" ist ein weiterer Spruch, der auf dem Schilderwald in der Technischen Universität Wien zu lesen ist. Mittendrin, geladen zur Großen Klimaprüfung: die Spitzenkandidaten der Parteien beziehungsweise Jörg Leichtfried als Vertretung von SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner sowie Ex-Umweltministerin Elisabeth Köstinger als Sebastian-Kurz-Ersatz. "Schüler Hofer ist erkrankt", erklärt Grünen-Chef Werner Kogler später die Abwesenheit von FPÖ-Chef Norbert Hofer – nicht dass noch jemand auf die Idee kommt, er schwänze.

Jörg Leichtfried (SPÖ), Elisabeth Köstinger (ÖVP), Beate Meinl-Reisinger (NEOS), Peter Pilz (JETZT) und Werner Kogler (Die Grünen) im Rahmen der Veranstaltung "Klimaprüfung" der Plattform "FridaysForFuture".
Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

Freitag ist, und anstatt dafür auf die Straße zu gehen, dass die Politik im Kampf gegen die Erdüberhitzung endlich in die Gänge kommt, haben die Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung die Verantwortlichen diesmal zum Klimacheck bestellt.

Für die Rolle der Prüfenden hat sich ein Viererkollegium, bestehend aus zwei Wissenschafterinnen und zwei Wissenschaftern, zusammengefunden, moderiert wird das Ganze von Corinna Milborn vom Nachrichtensender Puls 24. Der Saal ist gefüllt mit jungen Menschen, die nach konkreten Antworten statt rhetorischen Allgemeinplätzen lechzen.

Viererkollegium

Das Prinzip des populärwissenschaftlichen Formats: zwei Runden, je vier Minuten pro "Prüfling", dann übernehmen Helga Kromb-Kolb (Boku Wien), Josef Kirchengast, Karl Steininger (beide Uni Graz) und Sigrid Stagl (WU Wien) die Bewertung von Gesagtem und im Parteiprogramm Niedergeschriebenem. Fortschrittlich einigt man sich auf eine verbale Beurteilung beziehungsweise Farbkärtchen. Es bleibt nicht dabei.

Kogler erklärt, eine ökosoziale Steuerreform sei "das Herzstück von allem". Er werde ärgerlich, wenn eine solche vom politischen Gegner "mit Steuererhöhungen assoziiert wird", petzt der Grünen-Chef. Und weiter in Richtung SPÖ und deren Argumentation, vor einer Verteuerung des Individualverkehrs brauche es den Ausbau der Öffis: "Man kann nicht aus den Versäumnissen der Vergangenheit das nächste Unterlassungstätertum legitimieren." Auch Jetzt-Kandidat Peter Pilz will "Klima- und Gerechtigkeitspolitik" gemeinsam denken: "Das gehört zusammen."

Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger referiert, für die Pinken sei der Dialog mit der Wissenschaft "kein einmaliger Vorgang heute". Entsprechend gut kommen ihre Vorhaben dann bei der "Prüfungskommission" an.

Köstinger betont die Wichtigkeit eines Klimakabinetts. Sie muss lernen, dass die Bedeutung, welche die ÖVP dem Wasserstoff zuschreibt, von der Wissenschaft nicht geteilt wird: ein "Nischenprodukt", das zur Erreichung der Klimaziele wenig beitragen wird, urteilt Kromb-Kolb. Überhaupt fehle bei den Türkisen "das Verständnis für die Dringlichkeit".

Trotzdem, auch SPÖ-Mann Leichtfried bleibt dabei: Man müsse die politischen "Schritte nacheinander tun, so wie sie möglich sind". Das und die im roten Wahlprogramm versprochenen Klimaschutzmaßnahmen bringen ihm letztlich nur einen Dreier ein. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft mit Peter Pilz: Auch hier reicht's nur für ein Befriedigend. Die teilweise guten Maßnahmen im Jetzt-Konzept bräuchten aber einen integrativeren Ansatz, urteilt Klimaforscher Kirchengast. Pilz sieht das anders: "Tuts einmal die Realität bewerten", erklärt er dem Auditorium. "90 Prozent von dem, was in den Parteiprogrammen steht", passiere nicht. Pilz: "Ihr werdet noch ganz schön viel demonstrieren müssen."

Als Klassenbeste, aber nicht als Musterschüler, gehen nach Ansicht der Experten Grüne und Neos von der Bühne. Die FPÖ schafft es in Abwesenheit lediglich auf einen Vierer – "freundlich" bewertet. Kein Grund zu verzagen: Die Wissenschafter bieten allen Parteien Unterstützung beim Nachbessern ihrer Positionen an. Damit Österreich doch noch einen Klimaplan vorlegen kann, der in Einklang mit den Pariser Klimazielen steht, hat man außerdem auf über 200 Seiten konkrete Empfehlungen aufbereitet. (Karin Riss, 13.9.2019)