Netanjahu (hier mit weiteren Likud-Kandidaten) kämpft bei der Wahl um sein politisches Überleben.

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Wenn es eng wird für Premier Benjamin Netanjahu, macht er gerne das, was er am besten kann: reden. Dann wagt er die Flucht nach vorn, tritt für dramatisch inszenierte Sonderankündigungen vor Journalisten und Kameraleute. So auch am Montagabend im Außenministerium in Jerusalem.

Wieder einmal geht es um den Iran, den Erzfeind Israels – Netanjahus Lieblingsthema. Wieder einmal versucht er, sich als Sicherheitsgarant des jüdischen Staates zu präsentieren. Israel habe erneut eine geheime Atomwaffenanlage im Iran entdeckt, in der Nuklearwaffen getestet worden seien, erklärt er. Doch Netanjahu, ansonsten ein talentierter Redner, der mit seiner tiefen Stimme und seinem selbstsicheren Auftreten das Spiel mit Kameras und Publikum beherrscht, wirkt schwach. Immer wieder schaut er auf seinen Zettel, liest ab. Details bleibt er den Zuhörern schuldig.

Schlechte Umfragewerte

Und das just zu einem Zeitpunkt, an dem Netanjahu versucht, seine Wiederwahl am kommenden Dienstag zu sichern. Die Umfragewerte für das rechte Lager stehen schlecht. Wahlkampfhilfe aus dem Ausland bleibt diesmal bislang aus. Obendrein droht ihm die Anklage in drei Korruptionsfällen, seine Anhörung findet Anfang Oktober statt. Und so setzt er tags darauf zum nächsten Sprung an, tritt noch einmal für ein "Sonderstatement" vor die Kameras, das live übertragen wird. Und diesmal ist es zweifelsohne eine Wahlkampfveranstaltung: Netanjahu verspricht, im Fall seiner Wiederwahl Teile des Westjordanlands zu annektieren: "Dies ist eine Demokratie. Ich werde nichts ohne ein klares Mandat tun. Deshalb bitte ich Sie um dieses Mandat, um diesen Schritt zu gehen."

Laut einer Umfrage des israelischen Demokratie-Instituts sind 48 Prozent der Israelis für solche Pläne, nur 28 Prozent dagegen. Beobachter wie Konkurrenten aber enttarnen Netanjahus Auftritt als verzweifelten politischen Spin.

Er kämpft, mit allen Mitteln. Es geht um sein politisches Überleben. Für "Bibi", wie sie ihn in Israel gerne nennen, ist das bitter. Er ist ein Machtmensch, strebt seit jeher nach Einfluss und Anerkennung. Das Amt des Premiers ist ihm nicht genug: Er ist derzeit auch Verteidigungs- und Gesundheitsminister, Minister für Soziales und Diaspora-Angelegenheiten. Netanjahu ist überzeugt, dass keiner den Job so gut machen kann wie er.

Und bislang sahen das viele Wähler genauso. Netanjahu, von 1996 bis 1999 schon einmal an der Macht, regiert seit 2009 ununterbrochen. Im Juli überholte er sogar Staatsgründer David Ben Gurion als den am längsten amtierenden Premierminister des Landes. Beobachtern zufolge hatte es Bibi auf diesen Titel abgesehen.

Die Rolle des Rekordbrechers gefällt ihm. Die des Strauchelnden weniger. Doch in den vergangenen Wochen und Monaten musste er gleich mehrere Niederlagen hinnehmen. Im Mai gelang es ihm nicht, eine Regierung auf die Beine zu stellen. Sein einstiger Verbündeter Avigdor Lieberman wollte bei den Koalitionsverhandlungen seinen Gesetzesentwurf zur Eingliederung der Ultraorthodoxen in die Armee durchboxen. Die Verhandlungen scheiterten. Mit Lieberman verlor Netanjahu einen wichtigen politischen Partner. Der wiederum hat seine Umfragewerte seither verdoppelt und könnte nun sogar zum Königsmacher werden.

Keine Hilfe aus den USA

Bislang konnte Netanjahu, ein geschickter Diplomat, auf Wahlhilfe von außen pochen: Kurz vor der Wahl im April erkannten die USA als bislang einziger Staat die im Sechstagekrieg eroberten und später annektierten Golanhöhen als Teil Israels an. Diesmal aber kämpft Netanjahu allein. Donald Trump hat sogar Bereitschaft zu Gesprächen mit Irans Präsident Hassan Rouhani signalisiert – ein Albtraum für Netanjahu. Seit Jahren warnt er vor dem Mullah-Regime, das immer wieder ankündigt, Israel auslöschen zu wollen.

Und dann ist da noch der anhaltende Raketenbeschuss vonseiten der Hamas. "Bibi" ist ein Hardliner, geprägt von Vater Benzion, einem zionistischen Revisionisten, der die Zwei-Staaten-Lösung ablehnte und überzeugt war von Israels biblischem Recht auf das Westjordanland. Doch der Lage am Gazastreifen wird er nicht Herr. Diese Woche musste er bei einer Wahlkampfveranstaltung im Süden des Landes wegen Raketenalarms die Bühne verlassen.

Der Premier ist in Bedrängnis, verloren aber ist er noch nicht. Er gilt als Stehaufmännchen, als einer, der bis zuletzt kämpft – und im Endspurt noch ein Ass aus dem Ärmel schütteln könnte. (Lissy Kaufmann aus Tel Aviv, 14.9.2019)