Foto: S. Fischer-Verlag

Seit Tagen tobt der Sturm, Schneefahnen ziehen über den Ostgrat des Nanga Parbat. Whiteout. Bei Eiseskälte und mit den Kräften am Ende hocken ein paar Bergsteiger im Zelt von Lager IV. Sie schweigen, draußen jault der Wind, der Zeltstoff knattert. Sie warten auf ihre Kollegen, die am Grat unter dem Silbersattel im Bereich von Lager VII auf über 7.000 Metern feststecken. Hoch oben mit dabei: Wilhelm "Willo" Welzenbach, der beste Alpinist seiner Zeit. Er war der Erste, der senkrechte Eiswände kletterte, in nur 15 Jahren rund 1.000 Gipfel, darunter 72 Viertausender, bestieg und 50 Erstbegehungen meisterte. Seine Vorträge, wie jener am 11. November 1925 vor dem Österreichischen Alpenklub in Wien, zogen tausende Menschen in ihren Bann.

Schon 1929 plante der am 10. November 1900 geborene Sohn eines Münchner Reichsbahnbeamten, den Nanga Parbat zu besteigen. In Zeiten der Wirtschaftskrise wurde dem Stadtbaurat allerdings kein Urlaub gewährt, so musste Welzenbach die Planungen an Willy Merkl, einen später von den Nationalsozialisten stilisierten Helden, abgeben. Damit begann die Tragödie, die 1934 ihren Lauf nahm, als Welzenbach an einer deutschen Expedition zu dem 8.125 Meter hohen Berg im Himalaja teilnahm.

Tagelang ohne Essen, Wasser, Schlafsack und Unterlage, hat der erkrankte und sich in höchster Not aufopfernde Welzenbach, dessen lange Beine aus dem Zelt ragen, wie viele seiner kaum besser ausgerüsteten Kollegen und Sherpas bei den extremen Bedingungen keine Chance. Auch weil Paul Bauer, ein früherer Weggefährte Welzenbachs, seine Pläne als Konkurrent hintertreibt. Bauer sympathisiert mit den Nationalsozialisten und wird später NSDAP-Mitglied. Welzenbach hingegen gilt als Kosmopolit und Gentleman. 1938 findet just Bauer die erstarrten Körper der früheren Expedition am Nanga Parbat, dem deutschen Schicksalsberg. In der Jackentasche Welzenbachs steckt ein letzter Brief, der zum Testament des wohl bedeutsamsten Bergsteigers der Zwischenkriegszeit wird.

Welzenbach war promovierter Bauingenieur, er forschte über Schneeablagerungen und -bewegungen. Seine Dissertation hatte Einfluss auf die Absicherung der Verkehrswege in den Bergen. Der starke Eiskletterer war der Erste, der 1924 bei der Erstbegehung der Nordwestwand des Großen Wiesbachhorns in der Glocknergruppe einen Eishaken verwendete, und er entwickelte auch eine neue Schwierigkeitsskala, einen Eishammer und ein Biwakzelt.

Reinhold Messner hat die teils gefledderten Akten Welzenbachs durchgearbeitet und "mit Neugierde und zum Teil auch mit Erschütterung und Trauer" an dem Buch geschrieben. Er ließ Originaldokumente wie Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Pläne und Fotos einfließen. Sein Werk ist eine packende Rekonstruktion einer Intrige und die Hommage an einen Bergsteiger, dem es nicht wie Bauer um nationalsozialistische Tugenden, sondern um Lebensfreude und Selbstausdruck ging. (Thomas Hirner, 21.9.2019)