Dieses NASA-Satellitenbild zeigt die Rauchschwaden nach einem Angriff auf die weltweit größte Ölverarbeitungsanlage in Saudi-Arabien. Die Rauchfahnen sich bis zu 150 Kilometer weit über Saudi-Arabien.

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Mehr als die Hälfte der Ölproduktion Saudi-Arabiens ist nach einem Angriff auf zentrale Ölanlagen des Königreiches bis auf weiteres lahmgelegt. Bei Drohnenattacken auf Produktionsstätten des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco in Abkaik und Khurais im Osten des Landes wurden am Samstag Einrichtungen mit einer täglichen Förderkapazität von 5,7 Millionen Barrel Rohöl zerstört – fünf Prozent der weltweiten Nachfrage. Brancheninsider rechnen mit Wochen als Tagen, bis sich die Produktion normalisiert. Die in Brand geschossenen Ölanlagen erleuchteten in der Nacht zum Sonntag weithin den Himmel, dichte Rauchschwaden breiteten sich kilometerweit aus, wie auf Satellitenbilder zu sehen war.

DER STANDARD

Preisanstieg

In den ersten Handelsminuten nach den Angriffen waren die Preise für Öl um bis zu 20 Prozent gestiegen, bevor sie sich kurz danach wieder etwas beruhigten.

Zuletzt verteuerte sich ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent um 6,60 Dollar oder knapp elf Prozent auf 66,82 Dollar – und damit auf den höchsten Stand seit Mitte Juli. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) legte um 5,34 Dollar oder knapp zehn Prozent auf 60,19 Dollar zu. Auch diese Sorte war zuletzt Mitte Juli so teuer.

Huthi-Rebellen bekannten sich

Zu den Attacken bekannten sich die Huthi-Rebellen im Jemen. Sie seien mit insgesamt zehn Drohnen durchgeführt worden. Die schiitischen Huthis kündigten eine Ausweitung ihrer Angriffe auf Saudi-Arabien an, die eine "legitime Antwort" auf das militärische Vorgehen Saudi-Arabiens im Jemen seien. Dort führt seit 2015 eine von den Saudis geführte Allianz aufseiten der Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi Krieg gegen die Huthis, die große Gebiete im Westen des Landes inklusive der Hauptstadt Sanaa kontrollieren. Zehntausende Menschen kamen seit Beginn des Konflikts bei Kampfhandlungen oder durch Hunger und Seuchen ums Leben. Dem Iran wird vorgeworfen, die Huthis mit Waffen zu beliefern, was beide bestreiten.

In den Einrichtungen des Staatskonzerns Aramco in Abkaik und Khurais ist nach einer Drohnen-Attacke am frühen Samstagmorgen ein Feuer ausgebrochen.
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Vorwurf gegen Teheran

Die USA machen jedenfalls den Iran für die Angriffe auf die Ölanlagen verantwortlich. US-Außenminister Mike Pompeo erklärte, es gebe keinen Beweis, dass die Attacke vom Jemen aus durchgeführt wurde, und warf Teheran einen "beispiellosen Angriff auf die weltweite Energieversorgung" vor. Er forderte via Twitter alle Staaten auf, "die Attacken Irans öffentlich und unmissverständlich zu verurteilen". Der Iran würde für seine Aggression zur Rechenschaft gezogen, drohte Pompeo.

Das Ausmaß und die Präzision der Drohnenangriffe auf saudi-arabische Ölfabriken würden zeigen, dass sie von Westen nach Nordwesten und nicht von Jemen nach Süden abgefeuert wurden, teilten hochrangige US-Regierungsbeamte am Sonntag mit und verwiesen auf Satellitenbilder. Sie hätten zusätzliche Beweise, die sie in den nächsten Tagen veröffentlichen würden.

Das iranische Außenministerium wiederum wies die Beschuldigungen als "unsinnig und unhaltbar" zurück. Ministeriumssprecher Abbas Musawi erklärte, Washington sei auf eine Politik der "maximalen Lügen" umgestiegen, weil die "Politik des maximalen Drucks" gescheitert sei. Musawi vermutete, die USA würden mit den Schuldzuweisungen "ganz andere Ziele" verfolgen. Amir Ali Hajizadeh, Kommandant der Luftwaffe der Revolutionsgarden, warnte, der Iran sei für einen Krieg gerüstet. US-amerikanische Militärbasen und Flugzeugträger im Umkreis von 2000 Kilometern seien in der Reichweite iranischer Raketen, lautete die unverhohlene Drohung Hajizadehs.

US-Präsident Donald Trump versicherte dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman die Unterstützung der Vereinigten Staaten. Trump genehmigte die Freigabe von Öl aus US-Reserven. Einzelne irakische Medien sahen den Ausgangspunkt der Angriffe im Irak, wo von Iran unterstützte paramilitärische Gruppierungen mehr Einfluss gewinnen. Bagdad wies dies am Sonntag zurück und erklärte, gegen jeden vorzugehen, der den Irak als Basis für derartige Aktivitäten nutzen wolle.

Noch am Samstag griffen Kampfflugzeuge der von Saudi-Arabien geführten Militärallianz Lager der Huthis in der jemenitischen Provinz Saada an, wie der von der Miliz betriebene Sender Masirah TV meldete.

Saudi-Arabien kalmiert

Der saudische Energieminister Prinz Abdelaziz bin Salman bezeichnete gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur SPA die Produktionsausfälle jedoch als vorübergehenden Effekt, der mit vorhandenen Reserven kompensiert werden könne. Der Iran könnte eventuelle Ausfälle in jedem Fall problemlos ausgleichen, da hier die Lager wegen der US-Sanktionen voll sind. Deren Aufhebung ist aber nicht realistisch.

Dieser Ausschnitt aus einem Video zeigt die brennende Anlage kurz nach dem Angriff am frühen Samstagmorgen.

Saudi Aramco, der Betreiber der angegriffenen Förderanlagen, steht derzeit kurz vor dem Börsengang – dem größten aller Zeiten. Riads Börse büßte am Sonntag jedenfalls zeitweise 2,3 Prozent ein. Auch andere Aktienindizes am Persischen Golf gaben wegen der Angriffe nach. Bis zum Jahresende will Saudi Aramco ein Prozent an der Börse platzieren, ein weiteres soll 2020 folgen. Bei einer Bewertung des Ölkonzerns mit zwei Billionen Dollar ist jedes Prozent von Saudi Aramco zwanzig Milliarden schwer.

In den vergangenen Monaten wurden immer wieder vom Jemen aus Ziele in Saudi-Arabien angegriffen. Auch in der strategisch sensiblen Straße von Hormus kam es immer wieder zu Zwischenfällen mit Tankschiffen. Dies schürt die Sorgen vor einer militärischen Eskalation am Persischen Golf. (vos, red, 15.9.2019)