Während einer Wahlveranstaltung in Jerusalem kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen den Anhängern verschiedener Parteien.

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STANDARD: Im Mai sind die Koalitionsverhandlungen in Israel an der Frage gescheitert, wie man die Ultraorthodoxen in die Armee eingliedert. Nimmt die religiöse Spaltung zu?

Sznaider: Das ist eine Scheindebatte. Natürlich gibt es auch Spannungen zwischen den Orthodoxen und dem aufgeklärten Milieu. Aber das sind soziale und kulturelle Spannungen, welche die israelischen Gesellschaften begleiten, die ja vielschichtig und plural sind.

STANDARD: Worum geht es dann?

Sznaider: Die eigentliche Spannung herrscht zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung. Die Frage der Staatsbürgerschaft, der politischen Ungleichheit, das ist das Einzige, was die Bevölkerung wirklich spaltet. Die arabische Bevölkerung hat zwar politische Rechte. Allerdings definiert sich der Staat als jüdisch. Dadurch werden automatisch diejenigen, die keine Juden sind, vom Ideal des Staates ausgeschlossen. Da liegt die große Spannung, die man auch bei der Verabschiedung des Nationalstaatsgesetzes vergangenen Sommer hat miterleben können.

STANDARD: Davon ist kaum noch die Rede. Vor allem Avigdor Lieberman von Unser Haus Israel führt diese "Scheindebatte". Wieso?

Sznaider: Das ist das Paradoxe: Die Frage nach der Gleichberechtigung der arabischen Bevölkerung, aber auch die Zweistaatenlösung, der Rückzug aus den besetzten Gebieten: Das sind keine Themen mehr im Wahlkampf. 80 Prozent bis 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung sind sich in diesem Punkt einig. Darum hat Benjamin Netanjahu auch die Annexion von Teilen des Westjordanlandes versprochen – weil darüber Konsens besteht. Wer regt sich noch über die Annexion auf, die ja de facto schon lange in Kraft ist? Man hat auch keine Proteste von Benny Gantz gehört. Warum auch? Das heißt, das Feld ist offen für Themen der zweiten Kategorie. Man sucht sich soziale und kulturelle Konflikte. Was natürlich nicht heißt, dass die Akteure diese total ernst nehmen. Lieberman positioniert sich als neue Führungsfigur und nutzt die antireligiösen Sentiments gerade unter den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion.

STANDARD: Warum zerfällt die Gesellschaft trotz Spannungen nicht?

Sznaider: Nicht trotz, wegen! Hier werden soziologische Gesetze des 19. Jahrhunderts auf den Kopf gestellt. Es gibt keine Leitkultur. Was die Menschen zusammenhält, ist die gegenseitige Abneigung, ein ständiger Konkurrenzkampf, um die wahre Definition des Israeli-Seins. Wenn man Modernität definiert als die verschiedensten Beschreibungen derselben Wirklichkeit, die ausgehalten werden müssen, dann ist Israel eine der modernsten Gesellschaften, die ich kenne.

STANDARD: Wie schafft es Netanjahu, in dieser Gesellschaft bis heute an der Macht zu bleiben?

Sznaider: Das hat zunächst mit dem politischen System zu tun: Er bekommt ja nie mehr als ein Viertel oder ein Drittel der Stimmen. Das israelische System macht Koalitionen notwendig, in denen er immer als Premier hervorgeht. Für seine Wähler steht er für Autorität und Stärke. Israel ist ein schwer regierbares Land, von Feinden umzingelt. Hinzu kommt ein Mangel an Alternativen.

STANDARD: Netanjahu hat auch zahlreiche Kritiker.

Sznaider: Klar, das aufgeklärte Milieu, zum Beispiel an den Unis, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Liberalismus, liberale Demokratie, das sind Dinge, von denen man nach dem Zweiten Weltkrieg glaubte, dass sie Teil einer neuen Wahrheit sind. Netanjahu hat sie seit langem über den Haufen geworfen. (Lissy Kaufmann, 16.9.2019)