In China blickt man sorgenvoll in die wirtschaftliche Zukunft.

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Peking – In China verdichten sich die Hinweise auf ein immer stärker abflauendes Wachstum. Die besonders massiv unter dem Handelskonflikt mit den USA leidende Industrie steigerte ihre Produktion im August um 4,4 Prozent – so schwach wie seit über 17 Jahren nicht mehr. "Es wird für China sehr schwer werden, ein Wachstum von sechs Prozent und mehr beizubehalten", sagte Ministerpräsident Li Keqiang in einem am Montag auf der Regierungs-Webseite gov.cn veröffentlichten Interview mit russischen Medien.

Im ersten Halbjahr hatte die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt noch um 6,3 Prozent zugelegt. Die Regierung strebt ein Plus von sechs bis 6,5 Prozent für das Gesamtjahr an. Im vorigen Jahr gab es mit 6,6 Prozent das kleinste Plus seit fast drei Jahrzehnten.

Konjunktur bisher allgemein stabil

Li sprach von einer "komplizierten internationalen Situation und der relativ hohen Ausgangsbasis", die dieses Ziel schwerer erreichbar mache. China leide unter dem Druck des wachsenden Protektionismus und Unilateralismus, sagte Li mit Blick auf die amerikanischen Strafzölle auf Waren des Exportweltmeisters. In den ersten acht Monaten habe sich die Konjunktur aber allgemein stabil entwickelt.

Analysten rechnen damit, dass sich die chinesische Wirtschaft im zu Ende gehenden Sommerquartal noch einmal abkühlen wird, nachdem die Wachstumsrate im zweiten Vierteljahr auf 6,2 Prozent und damit auf den schlechtesten Wert seit 27 Jahren gesunken war.

Chinas Ministerpräsident Li Keqiang ist skeptisch, ob sich das Wachstumsziel erreichen lässt.
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"Der August ist normalerweise der Monat, in dem die Exporteure ihre Aufträge für das Weihnachtsgeschäft vorbereiten", sagte der Ökonom Nie Wen vom Hwabao Trust in Schanghai. "Aber die Zahlen zeigen, dass die Industrie nicht sehr optimistisch ist, was die chinesisch-amerikanischen Handelsgespräche betrifft." Sie halte sich daher mit dem Aufbau von Lagervorräten zurück.

Auch aus anderen Wirtschaftsbereichen kommen Hinweise für eine langsamere Gangart. So wuchsen die Umsätze im Einzelhandel im August nur noch um 7,5 Prozent, während Analysten mit einem Anstieg auf 7,9 Prozent gerechnet hatten. Die Investitionen stiegen von Januar bis August nur noch um 5,5 Prozent, nachdem es in den ersten sieben Monaten noch zu einem Plus von 5,7 Prozent gereicht hatte. Experten rechnen damit, dass die Zentralbank ihre Geldpolitik abermals lockern könnte, um die Konjunktur anzuschieben.

Schweinepest wütet weiter

Noch schlimmer trifft es die Schweinebauern: Die Zahl der Schweineherden in der Volksrepublik ist im Vergleich zum August 2018 um 38,7 Prozent gefallen, zeigen die Daten des Landwirtschaftsministerium. Grund ist die Afrikanische Schweinepest, die seit über einem Jahr in China wütet.

Die Folgen sind verheerend: Der Verkaufspreis für ein Kilo Schweinefleisch lag Anfang September gleich um 78 Prozent höher als im vergangenen Jahr. Der stellvertretende Landwirtschaftsminister Yu Kangzhen bezeichnete gegenüber Reportern die Situation noch immer als "ernst".

Die Preise für ein Kilogramm Schweinefleisch sind in China innerhalb eines Jahres um 78 Prozent gestiegen.
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Auch in Europa breitet sich der Erreger, der sowohl Wild- als auch Hausschweine befällt, weiter aus, besonders Polen, Bulgarien und die Ukraine sind betroffen. Österreich ist von dem für Menschen ungefährlichen Erreger bisher verschont geblieben. (Reuters, red, 16.9.2019)