Madame Calment bei ihrer 120. Geburtstagsfeier. Die Französin lebte danach noch fast zweieinhalb weitere Jahre.
Foto: Reuters/Jean-Paul Pelissier

"Bis 120", lautet ein bekannter jüdischer Geburtstagswunsch. Die Französin Jeanne Calment übertraf dieses Alter deutlich. 122 Jahre und 156 Tage war Calment, als sie 1997 starb. Ihr Rekordalter wurde jedoch immer wieder in Zweifel gezogen. Schweizer und französische Forscher räumten nun mit Verschwörungstheorien rund um Calment auf und bestätigen mithilfe mathematischer Modelle die Möglichkeit eines so hohen Alters.

Auch über 20 Jahre nach ihrem Tod hält Jeanne Calment den Rekord als bisher langlebigster Mensch. Forscher um den russischen Mathematiker Nikolay Zak hatten 2018 erneut eine Debatte über die Glaubwürdigkeit dieser Angaben angefacht: Sie hielten den Rekord für statistisch unmöglich und stellten die Hypothese eines Identitätstauschs zwecks Steuerbetrugs auf. Demnach habe 1934 Calments Tochter Yvonne die Identität der Mutter übernommen, um die Erbschaftssteuer zu umgehen. Yvonne war offiziell 1934 an Tuberkulose gestorben.

Mathematisches Modell

Forscher der Universität und des Universitätsspitals Genf lieferten nun jedoch mit Kollegen aus Frankreich historische und epidemiologische Beweise für das hohe Alter der Jeanne Calment. Mit einem mathematischen Modell belegten sie zudem, dass Menschen tatsächlich über 120 Jahre alt werden können. Die Studie ist in den "Journals of Gerontology" erschienen.

Beteiligt an der Arbeit war auch Jean-Marie Robin vom Institut National de la Sante et de la Recherche Medicale (INSERM) und dem Ecole Pratique des Hautes Etudes (EPHE) in Frankreich. Er hatte bereits 1998 historische Nachweise für Calments hohes Alter in einem Fachartikel präsentiert und die Frau auch vor ihrem Tod mehrmals getroffen, um ihren Status als ältester Mensch zu bestätigen.

Die "Verschwörungstheorie" des russischen Teams habe seine Arbeit infrage gestellt, so Robin. Daher analysierte er mit seinen Kollegen die historischen und demografischen Belege noch einmal von Grund auf. Das Team um François Herrmann von der Uni Genf und dem HUG fokussierte dabei insbesondere auf die mathematische Hypothese, auf die sich das russische Team gestützt hatte. "Ist es möglich, 122 Jahre alt zu werden? Diese Frage fasst die ganze Kontroverse um Jeanne Calment zusammen", sagte Herrmann. Daher entwickelten er und sein Team ein mathematisches Modell basierend auf demografischen Daten.

Statistisch möglich

Sie rekonstruierten damit die Lebensdauer aller Menschen in Frankreich, die 1875 geboren wurden, dem Geburtsjahr von Calment. Das gleiche taten sie für alle 1903 geborenen Franzosen – der jüngste Jahrgang, von dem es keine Überlebenden mehr gibt. Basierend auf diesen Daten berechneten sie die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person das Alter von 100, 101, 102 und so weiter erreicht.

Diese Wahrscheinlichkeiten nutzten sie, um die maximale Überlebensdauer zu berechnen und kamen auf 119 bis 123 Jahre. Rund eine Person unter zehn Millionen Hundertjährigen könne 123 Jahre erreichen, fasste Herrmann das Ergebnis zusammen. Die Wahrscheinlichkeit für ein derart langes Leben sei damit zwar äußerst klein, aber keine statistische Unmöglichkeit.

Zum Zeitpunkt ihres Todes war die nächstälteste noch lebende Person zehn Jahre jünger als Calment. "Eine deutliche Lücke, die Frau Calment zu einer Anomalie macht", sagte Herrmann. Seither habe jedoch eine Person das Alter von 119 Jahren erreicht und fünf weitere wurden 117 Jahre alt. "Die Lücke wird kleiner", so Herrmann. Calment sei ihrer Zeit einfach ein wenig voraus gewesen.

Was die Französin zu einem solch hohen Alter verhalf, könnte eine Mischung aus günstigen Erbanlagen und Glück gewesen sein, sagte Robin. Viele ihrer Vorfahren hätten ebenfalls sehr lang gelebt, auch ihr Bruder. Die Familie war zudem wohlhabend und gebildet, zwei sozioökonomische Faktoren, die Langlebigkeit auch heute stark begünstigen. Calments einziger Enkel starb jung und ohne Nachkommen bei einem Autounfall. Somit sei es unmöglich, die Langlebigkeit dieser Familie weiter zu untersuchen, so die Wissenschafter. (red, APA, 16.6.2019)