Auf Jobsuchende und die rund 4.500 AMS-Berater kommen 2020 einige Änderungen zu.

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Im Windschatten des laufenden Wahlkampfes ist es ruhig geworden rund um das Arbeitsmarktservice (AMS). Dabei steht die Arbeitsmarktpolitik in Österreich vor einem Umbruch – und die Weichen dafür werden ab heute, Dienstag, gestellt.

Da holte sich der Vorstand des Arbeitsmarktservice grünes Licht für den Einsatz des Algorithmus ab 2020 holen, mit dessen Hilfe die Jobchancen von Arbeitslosen künftig bewertet werden sollen. Die Strategie absegnen musste der Verwaltungsrat, in dem Regierungsvertreter, Arbeitgeber und Arbeitnehmer sitzen. Die von AMS-Chef Johannes Kopf forcierte Strategie wurde abgesegnet, wobei die Arbeitnehmer sich der Stimme enthielten.

Einteilung nach Merkmalen

Zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass ein Algorithmus vom AMS eingesetzt werden soll, was zu kontroversiellen Debatten und Kritik am Projekt führte. Anhand von dutzenden Merkmalen teilt das Programm Arbeitslose in drei Kategorien ein: in jene mit hohen, mittleren und niedrigen Chancen am Jobmarkt.

Dabei werden verschiedene Daten automatisch berücksichtigt. Neben dem Alter sind das etwa das Geschlecht, die Staatsbürgerschaft, die Erwerbskarriere, der Wohnort und die Ausbildung. Heftige Kritik am Modell kam auf, weil etwa Frauen in Österreich etwas schlechtere Chancen am Jobmarkt haben, was in die Bewertung durch den Algorithmus einfließt. Auch ausländische Staatsbürger haben schlechtere Karten, für Frauen mit Betreuungspflichten gilt das Gleiche – aber nicht für Männer. Auch wer in Wien wohnt, bekommt einen Abzug, weil die Jobsituation hier angespannter ist.

Neue Spielregeln

Das Modell beruht auf historischen Daten und hat laut den Programmierern eine Trefferquote bei Prognosen von 85 Prozent. Kritiker sprachen von Diskriminierungsgefahr, weil viele der Kriterien, auf die abgestellt wird, vom Individuum nicht beeinflussbar sind. Das Programm ist bereits 2019 eingesetzt worden: AMS-Betreuer sehen bei Kundenkontakten seit Jahresbeginn, wie der Algorithmus die Chancen bewertet. Ab 2020 soll das System fix implementiert werden. Sprich: Welche Beurteilung jemand bekommt, spielt auch eine Rolle dabei, welche AMS-Förderung angeboten wird.

Mit dem neuen Programm will die staatliche Jobagentur effizienter werden. Die Idee: Menschen mit ausgezeichneten Chancen, in der Top-Gruppe, brauchen keine Förderung, weil sie allein wieder Arbeit finden. Auf Menschen mit mittlerer Perspektive soll künftig fokussiert werden, weil hier erwartet wird, dass jeder investierte Euro am meisten bewirkt.

Nicht mehr alle Instrumente zur Auswahl

Bei Menschen mit schlechten Jobaussichten – das ist der Knackpunkt – soll künftig anders gefördert werden. Für diese Gruppe kommen nicht mehr alle Instrumente infrage, etwa die vom AMS finanzierten Facharbeiterintensivausbildungen oder die Beschäftigung in sozialökonomischen Betrieben. Die Facharbeiterausbildungen dauern 14 bis 18 Monate. Dabei erlernen Arbeitslose einen Beruf, wie etwa Elektrotechniker, mit Abschlussprüfung – das Ganze ist entsprechend teuer.

Künftig will die Jobagentur für Menschen mit schlechter Perspektive vor allem auf niederschwellige Betreuungsangebote setzen. Die Betroffenen sollen in eigenen Einrichtungen psychosozial stabilisiert werden. In diesen Sozialzentren, die von AMS-Partnern betrieben werden, gibt es Angebote für gemeinsames Bewegen, Musizieren sowie Sozialtreffs. Daneben gibt es Angebote für individuelle Beratung. Der Clou: Für alle, die in diesen neuartigen Beratungszentren unterkommen, gilt das typische Zwangssystem des Arbeitsmarktservice nicht. Die Betroffenen müssen sich nicht laufend bewerben, keine Termine wahrnehmen, bis auf eine erste Informationsveranstaltung über die Angebote in diesen Sozialzentren.

Konzept österreichweit evaluiert

In den vergangenen Monaten hat das AMS dieses Konzept österreichweit getestet und evaluieren lassen. Fazit: Die Arbeitslosen fühlen sich weniger unter Druck gesetzt und erstaunlich viele, gut ein Drittel, finden dennoch einen Job. Im Idealfall entstünde daraus eine Win-win-Situation, weil Menschen, die überfordert sind, nicht mehr in teure Qualifizierungsprogramme gesteckt werden und die Jobagentur Geld dort einsetzt, wo es mehr Sinn macht.

Wenn der Verwaltungsrat am Dienstag grünes Licht gibt, dann müssen die genauen Spielregeln des neuen Systems noch in die verbindlichen AMS-Richtlinien gegossen werden. So muss festgelegt werden, wie lange Menschen in den Sozialzentren ohne Zwang betreut werden. Das soll bis Jahresende geschehen.

Arbeitnehmer uneins

Bei den Arbeitnehmern sieht man das neue System gespalten: Dass es mehr niederschwellige Angebote für schwer vermittelbare Menschen geben soll, bewertet man positiv. Zugleich will man über die Richtlinien sicherstellen, dass Arbeitslose mit schlechter Perspektive von allen Fördermaßnahmen außer den beiden erwähnten profitieren können. Die Arbeitgeber befürworten das neue Modell. (András Szigetvari, 17.9.2019)