Ist es moralisch verwerflich das eigene Kind mit Methoden aus dem Hundetraining zu erziehen?

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"Sitz!", ruft die Hundetrainerin in der Fernsehshow "Train Your Baby Like a Dog". Der Befehl wird nicht nur vom Hund, sondern auch von ihrem dreijährigen Sohn ohne Zögern befolgt. "Braver Junge!" Angesichts dieser Bilder ist es wenig verwunderlich, dass das Realityformat schon vor dem Start im August für ordentlich Diskussionsstoff sorgte. Eine Mutter, die ihr Baby wie einen Hund erzieht und diese abstruse Form von Pädagogik nun auch anderen Eltern nahelegen möchte, sorgt bei vielen für Entsetzen. Die Onlinepetition, die die sofortige Absetzung der Sendung fordert, wurde bereits von mehr als 35.000 Menschen unterzeichnet: "Ein Kind ist kein Hund."

Der Trailer der Fernsehshow sorgte bereits im Vorfeld für Diskussionsstoff.
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Immer eine Subjekt-Objekt-Beziehung

Ist es wirklich falsch, die Art, wie man einen Hund erzieht, auf ein Kind umzulegen? Familienberaterin und Buchautorin Sandra Teml-Jetter hat dazu eine ganz klare Antwort: "Durch Erziehungsmethoden dieser Art entsteht eine traumatische Bindung, die nichts mit Liebe zu tun hat." Dabei würden Eltern vor allem eine Abhängigkeitsbeziehung im Gehorsam kultivieren – und das nur durch Angst und Manipulation erreichen. Selbst wenn man als Mutter oder Vater das Gefühl hat, die Kinder würden nicht zu Schaden kommen: Am Ende ist es immer eine Subjekt-Objekt-Beziehung, in der es darum geht, den Willen eines Menschen zu brechen.

Eltern sind keine Kinderbesitzer

Hundetrainerin und "Train Your Baby Like a Dog"-Star Jo-Rosie Haffenden sieht das anders. Sie findet, dass Hunde und Kinder mehr Gemeinsamkeiten haben, als die meisten denken. Am Beispiel ihres Sohnes beweist sie, dass ihre Methoden bei beiden funktionieren. Etwa in Form des "Clicker-Trainings": Macht ein Hund etwas gut, wird er belohnt, meist mit einem Leckerli. Zeitgleich ist ein Klickgeräusch zu hören. Schon bald setzt das Tier das Klicken mit einer Belohnung in Verbindung; es ist auf das Geräusch konditioniert. Eine Methode, die scheinbar auch bei Babys und Kindern funktioniert.

Die Familienberaterin sieht das kritisch: "Das Kind kann nur zwischen den Optionen Bestrafung oder Belohnung wählen – und dem, was es will, wird kein Raum gegeben." Teml-Jetter betont, dass Eltern Orientierung geben müssen – genau wie Hundebesitzer ihren Tieren. Der wesentliche Unterschied sei jedoch, dass Eltern eben keine Kinderbesitzer sind. Dazu entwickeln Hunde im Lauf ihres Lebens kein Frontalhirn, während dies bei Kindern langsam und beständig schon der Fall ist. Dies ermöglicht es Menschen, zu reflektieren oder Alternativen abzuwägen. "Wollen wir den Babys und Kindern derlei wirklich methodisch abtrainieren?" Im Gegensatz zu Hunden ziehen Kinder eines Tages von zu Hause aus. Die Folgen solcher Erziehungsmethoden könnten erst später in Partnerschaften, im Job oder bei den eigenen Kindern zu spüren sein.

Die eigene Erziehung verlernen

Am Ende des Tages müssen sich Eltern fragen, welche Art von Beziehung sie zu ihren Kindern haben möchten. Eine auf Augenhöhe – oder die (natürlich durchaus bequeme) Variante, bei der das Kind blind gehorcht? "Erziehung hat sich verändert. Eltern sind heute viel bereiter, sich parallel zu ihren Kindern auch selbst neu zu erziehen – oder, besser gesagt, ihre eigene Erziehung zu verlernen und Beziehungen zu gestalten", so Teml-Jetter. Dazu sei es nötig, uns selbst zuzuwenden, uns neu kennenzulernen und herauszufinden, was wir wollen und was nicht. (Nadja Kupsa, 19.9.2019)

Sandra Teml-Jetter ist psychologische Beraterin für Eltern, Paare und Familien und Co-Autorin des Buches "Mama, nicht schreien!" wertschaetzungszone.at
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