Schon in der zwölften Schwangerschaftswoche sind Feinstaubpartikel in der Plazenta nachweisbar.

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Feinstaub, der während der Schwangerschaft von der Mutter eingeatmet wird, gelangt über die Lunge in die Blutbahn und womöglich auch zum Fötus, zeigen aktuelle Untersuchungsergebnisse. Belgische Forscher von der Hasselt-Universität haben Kohlenstoffpartikel auf der kindszugewandten Seite der Plazenta nachgewiesen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachjournal "Nature Communications".

Die Wissenschafter um Tim Nawrot untersuchten nach der Entbindung das Plazentagewebe von zehn Müttern, deren Wohnort einer hohen Luftverschmutzung ausgesetzt war, und verglichen es mit zehn Plazentaproben von Müttern, die in einem Gebiet mit geringerer Luftverschmutzung lebten.

Schon in der zwölften Woche

Die Menge der Kohlenstoffpartikel in den Plazenten korrelierte mit der Stärke der Luftverschmutzung, der die Mutter während der Schwangerschaft ausgesetzt war. Darüber hinaus konnten die Wissenschafter in einer kleineren Stichprobe von Plazenten nach Fehlgeburten feststellen, dass sich die Kohlenstoffpartikel bereits in der zwölften Schwangerschaftswoche nachweisen lassen.

Es ist die erste Studie, die zeigt, dass die Plazentaschranke von Partikeln dieser Art durchdrungen werden kann. Pro Kubikmillimeter fanden sich tausende der winzigen Partikel im Gewebe der analysierten Plazentaproben.

"Es ist die verletzlichste Zeit im Leben, alle Organe befinden sich in der Entwicklung", sagt Studienautor Nawrot. Zum Schutz zukünftiger Generationen müsse die Belastung reduziert werden.

Mehr Fehlgeburten

Schon zuvor wurden die Auswirkungen von Luftverschmutzung auf die Entwicklung von Babys während der Schwangerschaft in Korrelationsstudien gezeigt. Eine hohe Belastung durch verbrennungsbedingte Partikel, etwa Kohlenstoffpartikel, hängt demnach zusammen mit einem geringeren Wachstum des Fötus, einem geringeren Geburtsgewicht und mit einem höheren Risiko für Fehlgeburten. Auch wirkt sich die Feinstaubbelastung auf die Lungenentwicklung und -funktion von Neugeborenen aus, wie Wissenschafter vom Inselspital in Bern in der Schweiz berichteten.

"Wir wissen seit langem, dass Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung oder Zigarettenrauch einen Einfluss auf das Wachstum des Fötus haben. Wir wissen auch, dass dies Langzeiteffekte haben kann, die bis ins Erwachsenenalter nachweisbar sind", sagt Torsten Plösch von der Universitätsfrauenklinik Groningen in den Niederlanden.

Potenzielles Risiko

Er gibt allerdings zu bedenken, dass die Studie der belgischen Kollegen zwar erstmals zeige, dass Kohlenstoffpartikel auch im realen Leben potenziell den Fötus erreichen können, dass dies tatsächlich geschieht, sei aber nur eine Vermutung. Es lässt sich lediglich ableiten, dass die Feinstaubpartikel die Funktion der Plazenta und damit indirekt das Wachstum des Fötus stören. Einen gesundheitsschädlichen Einfluss der Feinpartikel auf die Entwicklung der Ungeborenen beweist die Studie nicht.

"Die Autoren haben zum Beispiel nicht im Nabelschnurblut gemessen, ob dort Partikel angekommen sind oder ob sie irgendwelche Interaktionen mit Zellen der Plazenta eingehen. Es wurde nicht untersucht, ob die Partikel von Immunzellen erkannt werden oder irgendwelche Reaktionen auslösen", so Plösch. Insofern zeige die Studie ein potenzielles Risiko für negative Langzeitfolgen auf, das man in Zukunft genauer untersuchen sollte.

Studienautor Nawrot gibt zu: "Es ist schwer, praktische Ratschläge zu erteilen, weil jeder atmen muss." Er rät allerdings, stark befahrene Straßen zu meiden. Schon wenige Meter weiter könne die Belastung niedriger sein. (red, 19.9.2019)