Die französische Burg Guédelon wird in reiner Handarbeit errichtet – damit die Bauarbeiten möglichst lange dauern.

Foto: Reuters/Jacky Naegelen

Arbeiter transportieren Steine, ganz so wie man es wohl im Mittelalter gemacht hat.

Foto: Reuters/Jacky Naegelen

Auch eine Tretmühle kommt als Kranmaschine zum Einsatz.

Foto: Reuters/Jacky Naegelen

Es sind die unterschiedlichen Bauphasen, die manche Touristen zu wiederholten Besuchen anstiften.

Foto: Reuters/Jacky Naegelen

Hackelt hier jemand, oder sind die Handwerker nur zum Tratschen gekommen? Der Steinmetz, der Zimmerer und der Maurer auf dieser Baustelle im Burgund scheinen mit wirklich jedem, der vorbeischaut, ein Gespräch zu beginnen. Doch sie tun das nur, weil das Teil einer recht speziellen Aufgabe ist, der sie zwischen März und November in Treigny nachgehen: Rund 40 Menschen arbeiten seit 22 Jahren am Neubau der Burg Guédelon im Stil des frühen 13. Jahrhunderts. Dabei sind sie angehalten, sich möglichst viel Zeit zu lassen. Manchen wäre es sogar am liebsten, die Baustelle würde nie fertig werden. Besucher werden dazu eingeladen, die Handwerker von der Arbeit abzuhalten und viele Fragen zu stellen.

In Auftrag gegeben hat Guédelon 1228 ein Adliger namens Guilbert, Vasall einer Herrenfamilie im Burgund. Ludwig IX. war zwei Jahre zuvor gekrönt worden, war aber noch zu jung für den Thron, weshalb Bianca von Kastilien an seiner statt das Reich regierte. Guilbert selbst war ein typischer burgundischer Kleinadliger, stets knapp bei Kasse, weshalb seine Burg eher be scheiden ausfallen musste. So weit die Fake-Historie zur Festung Guédelon.

Hypothetische Geschichte

Guilbert hat es nie gegeben, ebenso wenig seinen Auftrag zum Burgbau. Doch die Geschichte soll den hypothetischen Kontext beschreiben, in dem die Burg Guédelon im Mittelalter entstanden wäre. Die Ring mauer, die beiden wuchtigen Ecktürme, der Palas mit seinen Wandmalereien, die imposanten Kreuzrippengewölbe, die Kapelle – all das haben allein im Jahr 2018 gut 300.000 Menschen besucht, Wissenschafter, Historiker und Touristen aus aller Welt.

Die Arbeiter in ihrer grobleinernen Kleidung dürfen unter der Aufsicht eines wissenschaftlichen Beirats nur jene Werkzeuge und Methoden anwenden, die man im 13. Jahrhundert schon kannte – inklusive einer Kranmaschine, die an ein Hamsterrad erinnert. Jeder Stein wird von Hand gebrochen, jeder Balken selbst gezimmert, jeder Nagel geschmiedet, jedes Seil auf überlieferte Art mit einer Lehre gedrillt. Pferdefuhrwerke transportieren die großen Gewichte. Sogar die Wandfarben werden aus natürlichen Pigmenten hergestellt, die aus der Umgebung stammen. Die Frauen und Männern, die hier inmitten dichter Eichenwälder arbeiten, die der Landschaft des Puisaye ihren düster-geheimnisvollen Charakter verleihen, sehen aus, als ob sie einem Dorf unbeugsamer Gallier entstammten.

Unerwünschtes Bauende

Als der Bau 1997 begann, setzte Michel Guyot, Schlossherr in der Region und Gründer des experimentellen Archäologieprojekts, das Jahr 2023 für die Fertigstellung fest. Dieser Zeitpunkt ist nun in greifbare Nähe gerückt, und tatsächlich sind die meisten Gebäude begehbar. Womit auch das eigentliche Problem des Projekts offen zutage tritt: Am besten wäre es für alle Beteiligten, wenn die Burg niemals fertig werden würde. Als lebendige Baustelle mit permanentem Gewusel ist der Ort für Wissenschafter und Touristen gleichermaßen faszinierend. Die vollendete Rekonstruktion einer mittelalterlichen Festungsanlage hätte dagegen wohl niemals denselben Reiz.

Auch Sarah Preston, die Sprecherin des Projekts, das sich längst durch Eintrittspreise und Souvenirverkäufe selbst finanziert, will noch nicht so recht an ein Bauende im Jahr 2023 glauben: "Wir haben damals 25 Jahre Bauzeit angekündigt, ohne zu wissen, wie lange es wirklich dauert." Sie bestätigt, dass das fertige Schloss wohl deutlich weniger Besucher anlocken werde. Es sind die unterschiedlichen Bauphasen, die manche Touristen zu wiederholten Besuchen anstiften. Sie wollen sehen, wie es vorangeht mit dem Neubau der einzigen Burg des 21. Jahrhunderts. "Für mindestens zehn Jahre gäbe es hier noch etwas zu tun", sagt Preston, die seit 2006 in Guédelon arbeitet. Sie hört sich erleichtert an.

Ein Dorf bauen

Und nach diesen zehn Jahren? Wäre die Burg Guédelon immerhin "die einzige auf der Welt, für die es in jeder Bauphase eine Dokumentation gibt, meint Preston und ergänzt: "Danach könnten wir noch Steinhäuser rundherum bauen, ein Dorf und eine Kirche." In diesem abgelegenen Wäldchen des Burgund scheint Zeit wirklich gar keine Rolle zu spielen. (Torsten Schöll, 30.9.2019)