Aus einem geplanten Kurzbesuch wurde eine Reise ohne Rückkehr – dafür aber mit gravierenden wissenschaftlichen und weltpolitischen Folgen. Im Sommer 1939 war Otto Robert Frisch einer Einladung an die Universität Birmingham gefolgt, um über die Möglichkeit einer künftigen Arbeitsstelle zu sprechen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September änderte Frischs Lage unmittelbar – die Ausreise aus Großbritannien schien nun zu riskant.

Der aus einer Wiener jüdischen Familie stammende Frisch lebte zwar schon seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 im Exil, die vergangenen fünf Jahre hatte er bei Niels Bohr in Kopenhagen gearbeitet. Als gebürtiger Österreicher hatte er aber seit dem sogenannten "Anschluss" 1938 einen deutschen Pass. Welche Konsequenzen dies nach Hitlers Überfall auf Polen haben würde, war im Chaos des Kriegsbeginns unklar.

Otto Robert Frisch um 1950.
Foto: Picturedesk

Kernspaltung und Kettenreaktion

Frisch blieb in Birmingham und erhielt zunächst eine Stelle als Hilfsdozent. Seine Lage war prekär: Als nunmehr deutscher Staatsangehöriger wurde er als "feindlicher Ausländer" eingestuft, was leicht zu einer Internierung hätte führen können. Das konnten seine Vorgesetzten an der Universität verhindern. An der geheimen Entwicklung der Radarortung, auf die sich seine britischen Kollegen angesichts der drohenden deutschen Luftangriffe konzentrierten, durfte er sich aber ebenso wenig beteiligen wie andere Ausländer. Und so befasste sich Frisch trotz schlechter technischer Ausrüstung mit Fragen der Spaltung von Atomkernen – bei deren Entdeckung er nur ein Jahr zuvor selbst gemeinsam mit seiner Tante Lise Meitner eine wichtige Rolle gespielt hatte. Daneben spielte er, wann immer er konnte, Klavier.

Mit seinem Kollegen Rudolf Peierls, der Deutschland 1933 verlassen und nun eine Professur in Birmingham innehatte, diskutierte Frisch über die "aufregende Möglichkeit einer Kettenreaktion", wie er später in seiner Autobiografie berichtete. Die Tatsache, dass die Spaltung von Atomkernen durch den Beschuss von Neutronen ausgelöst wird und dabei wiederum weitere Neutronen freigesetzt werden, zog sofort die Aufmerksamkeit der Physiker auf sich. Den Bau einer Atombombe hielt Frisch zunächst aber für nicht machbar, Peierls ließ sich davon überzeugen. Noch folgten sie der Ansicht Bohrs, "dass eine wirklich heftige Explosion ausgeschlossen war, selbst wenn es gelang, genügend große Mengen Uran für eine selbsterhaltende Kettenreaktion zusammenzubringen".

Von links nach rechts: William Penney, Otto Robert Frisch, Rudolf Peierls und John Cockcroft nach der Auszeichnung mit der "Medal of Freedom" für ihre Teilnahme am Manhattan-Projekt 1946.
Foto: Los Alamos National Laboratory

Zerstörerische Entdeckung

Doch Frischs Experimente und Peierls' Berechnungen zeichneten zu ihrem Entsetzen bald ein anderes Bild: Nicht nur schien eine explosive Kettenreaktion in Uran-235 möglich; die dafür erforderliche Menge des Uranisotops war ersten Schätzungen der beiden Physiker zufolge weitaus geringer als erwartet. "Wir begannen, einander anzustarren, und es wurde uns bewusst, dass sich eine Atombombe vielleicht doch bauen ließe", erinnerte sich Frisch Jahrzehnte später an den denkwürdigen Moment.

Angetrieben von der Sorge, in Nazideutschland könnte bereits an einer solchen Waffe von unvorstellbarer Zerstörungskraft gearbeitet werden, schlugen Frisch und Peierls Alarm. Sie kannten das hohe Niveau der deutschen Physik aus eigener Erfahrung, und alle Forschungsarbeiten, auf denen ihre beunruhigende Entdeckung beruhte, waren zugänglich und bekannt.

Warnung vor der "Super-Bombe"

Im Herbst verfassten sie unter größter Geheimhaltung das später nach ihnen benannte "Memorandum über die Eigenschaften einer radioaktiven Super-Bombe", in dem sie die britische Regierung auf die Gefahr einer deutschen Atomwaffe aufmerksam machten. Rückblickend löste das nur 1428 Wörter umfassende Dokument selbst eine Kettenreaktion aus, an deren Ende die Entwicklung und – zum großen Bedauern von Frisch und Peierls – der Abwurf von Atombomben über Japan 1945 stand. Trotz seines entscheidenden Beitrags zur Atombombe ist der gebürtige Wiener Frisch bis heute weitgehend unbekannt geblieben.

Otto Robert Frisch kam am 1. Oktober 1904 als einziges Kind von Justinian und Auguste Frisch, geborene Meitner, zur Welt. Beide stammten aus liberalen jüdischen Familien, in denen Religion keine große Rolle spielte, dafür aber Bildung und Kultur. Frischs große Leidenschaften, die ihn ein Leben lang begleiteten – Wissenschaft und Musik – waren ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt: Die Mutter, genannt Gusti, war Konzertpianistin und Komponistin, sie studierte als erstes Mädchen am Wiener Konservatorium Kompositionslehre. Gusti war eine ältere Schwester der Kernphysikerin Lise Meitner, in deren große Fußstapfen Otto Robert Frisch 1922 trat, als er das Physikstudium an der Universität Wien aufnahm. Sein Vater Justinian war Jurist, Maler und Buchdrucker, später arbeitete er für den Verlag Bermann-Fischer in Wien und Stockholm.

Zurückhaltende Tante

Nach der Promotion bei Karl Przibram nahm Frisch zunächst Arbeit in der Privatwirtschaft in Wien an. Wenig später bewarb er sich für eine akademische Stelle in Berlin. Da sich seine Tante Lise Meitner schon längst einen Namen in der preußischen Hauptstadt gemacht hatte, wurde sie im Bewerbungsprozess über ihre Meinung zu ihrem Neffen befragt. "Ich kann wirklich nicht meine Meinung sagen", antwortete sie laut Frischs Erinnerung in ihrer gewohnt trockenen, sachlichen Art, "er ist mein Neffe, und mein Urteil könnte voreingenommen sein." Er bekam die Stelle auch ohne Empfehlung.

Frischs Tante, die Kernphysikerin Lise Meitner.
Foto: Picturedesk / Science Photo Library

Und obwohl Meitner darauf beharrte, dass Frisch selbst seinen Weg finden müsse, pflegten Tante und Neffe ein enges Verhältnis. Mit der Zeit ergaben sich auch immer wieder wissenschaftliche Zusammenarbeiten. Die bedeutsamste war mit Sicherheit die theoretische Deutung der Kernspaltungsexperimente von Otto Hahn und Fritz Straßmann, die allen vieren in unterschiedlichen Konstellationen Nominierungen für Physik- und Chemienobelpreise einbrachte. Ausgezeichnet wurde schließlich Otto Hahn allein.

Vom Bombenbau zur Abrüstung

Im Gegensatz zu seiner Tante beschäftigte sich Frisch von Anfang an mit der militärischen Nutzung der Kernspaltung. 1943 ging er als Teil einer britischen Physikerdelegation nach Los Alamos im US-Bundesstaat New Mexico, um sich am Manhattan-Projekt, dem Atomwaffenprogramm der USA, zu beteiligen. Als der Bombenbau im Sommer 1945 in die Zielgerade ging, war Frisch unter jenen Forschern, die sich gegen einen Kriegseinsatz der Waffe aussprachen. "Er war dafür, die Bombe über unbewohntem Gebiet abzuwerfen, um ihre Wirkung zu demonstrieren", sagt seine Tochter Monica Frisch zum STANDARD. "Später setzte er sich für die nukleare Abrüstung und die Friedensbewegung ein."

Vorbereitungen zum ersten Atombombentest der Welt am Trinity-Testgelände.
Foto: AP

Für Frisch und seine Familie stellte der Zweite Weltkrieg eine enorme Zäsur dar. Lise Meitner war 1938 aus Berlin nach Stockholm geflohen. Während Frisch und Meitner schon im Exil waren, mussten sie sich um gemeinsame Verwandte, die in Wien dem Antisemitismus der Nazis ausgeliefert waren, sorgen. So hatten sich Frischs Eltern bereits monatelang um eine Einreisebewilligung nach Schweden bemüht, als Justinian Frisch im Zuge der Novemberpogrome verhaftet und ins KZ Dachau deportiert wurde. Nach Monaten der Ungewissheit kam er 1939 wieder frei, die Frischs konnten gerade noch nach Schweden entkommen. Einige Jahre darauf übersiedelten sie wie später auch Lise Meitner nach England, um näher bei Otto Robert sein zu können.

Warnschild am Ort der ersten Kernwaffenexplosion der Welt am 16. Juli 1945 im US-Bundesstaat New Mexico. Otto Robert Frisch beteiligte sich aus Sorge, die Deutschen entwickelten eine Atombombe, am Manhattan-Projekt. Später setzte er sich für die nukleare Abrüstung ein.
Foto: Getty

Professur in Cambridge

Otto Robert Frisch 1978, im Jahr vor seinem Tod, in Cambridge.
Foto: privat

Nach dem Krieg verlagerte sich Frischs Lebensmittelpunkt nach Cambridge, wo er am Trinity College eine Professur erhielt. 1951 heiratete er die ebenfalls gebürtige Wienerin Ulla Blau, das Paar bekam zwei Kinder – Monica und Tony. Österreich spielte für deren Eltern nach dem Krieg keine große Rolle, wie Monica Frisch erzählt. "Ich erinnere mich nicht daran, dass sie viel über Wien sprachen. Beide waren sehr jung, als sie die Stadt verließen."

Zum vermutlich letzten Mal besuchte Frisch seine Geburtsstadt 1976, als ihm die Universität Wien das Goldene Doktordiplom verlieh. Otto Robert Frisch starb am 22. September 1979, kurz vor seinem 75. Geburtstag, an den Folgen eines Unfalls in Cambridge. (David Rennert, Tanja Traxler, 22.9.2019)