Richard Yu von Huawei bei der Präsentation von Mate 30 und Mate 30 Pro.

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Huawei weiß wie man gute Hardware baut: Mit seinen Smartphones hat der chinesische Hardwarehersteller in den vergangenen Jahren die Smartphone-Welt ganz gehörig durcheinandergewirbelt. Und auch das neueste Spitzenmodell klingt zunächst wie ein ausgemachter Bestseller im nahenden Weihnachtsgeschäft. Das Mate 30 Pro verbessert die ohnehin schon hervorragende Kamera des P30 Pro weiter, kann etwa mit Videoaufnahmen mit 7.680 Bildern pro Sekunde aufwarten. Auch der Akku und der Hauptspeicher fallen großzügig aus, garniert wird das ganze mit einem topaktuellen Prozessor von Huawei selbst.

Auftritt Huawei

Und doch hatte die Präsentation des Mate 30 (Pro) am Donnerstag zum Teil absurde Züge. Endlos referierte das Unternehmen über jedes kleine Hardwaredetail, um dann nach mehr als einer Stunde so manchen Beobachter ratlos zurückzulassen. Zwar nannte man brav Euro-Preise für das Gerät, ohne jedoch auch nur irgendwie auf die Frage der regionalen Verfügbarkeit einzugehen. Hinter vorgehaltener Hand vernahmen dann Medienvertreter aber das, was im Vorfeld schon gerüchteweise die Runde machte: Die neuen Huawei-Smartphones werden vorerst nicht in Europa verkauft werden. Und dies aus gutem Grund: Aufgrund des US-Handelsbanns kommen sie komplett ohne Google-Dienste und auch ohne offizielle Android-Lizenz. Das bedeutet, dass auf diesen Geräten viele Apps von Haus aus nicht laufen werden, die die Nutzer von einem Smartphone erwarten. Der breiten Masse an Usern würde man also so keinen Gefallen machen, Huawei müsste sich auf eine Beschwerdewelle einstellen, die das Potential böte, die Marke nachhaltig zu schädigen – und dieses Risiko will man recht augenscheinlich nicht eingehen.

Der Traum von Google-freien Smartphone und die bittere Realität

Aber wo liegt eigentlich genau das Problem? Ein Google-freies Smartphone, das klingt doch per se nach nichts schlechtem. Immerhin sind die umfangreichen Datensammlungen des US-Konzerns wohl dokumentiert, die Kritik daran ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich lauter geworden. Wäre das Mate 30 damit nicht die erste Wahl für all jene, die von all dem genug haben? Eine Perspektive, die nicht komplett von der Hand zu weisen ist, und doch sind Huaweis neue Smartphones für die breite Masse in dieser Form – zumindest derzeit – komplett unbrauchbar. Um zu erklären, warum dem so ist, muss etwas tiefer ins Detail gegangen werden.

Die Mobile Services

Wenn von Wegfall all der "Google Mobile Services" bei Huawei die Rede ist, geht es nicht bloß um all die Apps wie Gmail, die Google-Suche, den Browser Chrome oder Youtube und Maps. Nein – Huawei verliert auch den Zugriff auf den Play Store und – sogar noch unerfreulicher – auf Instrastrukturdienste wie die Google Play Services. Diese werden von einem Großteil sämtlicher Android-Apps genutzt, sind sie nicht vorhanden, stürzen diese schlicht beim Start ab.

Bliebe natürlich die Möglichkeit, dass die Nutzer diese Dienste nachträglich manuell auf dem Mate 30 (Pro) einrichten, so mancher wird dies von Community-Android-Varianten bereits kennen. Und tatsächlich zeigen erste Hands-On-Videos, dass dies auch auf dem Mate 30 möglich ist. Doch während dies eine nette Perspektive für Tech-Profis ist, die breite Masse an Nutzern wäre damit wohl überfordert. Bliebe für Huawei die Möglichkeit diesen Prozess über irgendeine Form von Installationsskript zu vereinfachen. Doch damit könnte sich Huawei erst recht wieder neuen Ärger einfangen. Immerhin würde man damit de facto die offizielle Android-Lizenzierung unterlaufen. Dass Google bei Community-Firmware in dieser Hinsicht ein Auge zudrückt ist das eine, aber alleine schon aus geschäftlichen Überlegungen ist es unvorstellbar, dass der Android-Hersteller dies auch bei einem Weltkonzern wie Huawei zulässt – egal wie gut sich die beiden Unternehmen verstehen, wie man immer wieder betont. Immerhin könnte dies dann bald andere Hersteller inspirieren ähnlich vorzugehen und so die Android-Lizenz zu umlaufen.

Blockade

Zudem: Nur weil man es geschafft hat, die ganzen Infrastrukturdienste von Google auf einem Gerät zu installieren, heißt das noch nicht, dass sie dort auch dauerhaft funktionieren werden. Google könnte die Nutzung von außen leicht blockieren. Genaugenommen tut man dies bereits: Seit dem Vorjahr bekommen Geräte ohne offizielle Lizenz einen Warnhinweis, wenn darauf die Play Services laufen. Diesen zu umgehen, klappt nur auf einem Weg, nämlich indem die Nutzer ihr Gerät manuell bei Google registrieren. Das ist allerdings nur für die User von Custom ROMs gedacht, dass Google hier zusieht, wie Mate 30-User dies massenhaft vornehmen, darf aus den zuvor bereits genannten Gründen ausgeschlossen werden.

Huaweis Plan ist ein langfristiger

All das zeigt gut, warum sich Huawei gleich gar nicht auf solche Spielchen einlässt, sondern lieber eine andere Strategie gewählt hat. Mittels finanziellen Anreizen will man App-Entwickler dazu bringen, ihre Apps so anzupassen, dass sie auch mit den "Huawei Mobile Services" (HMS) laufen – also Huaweis Pendant zu den Google Mobile Services. Das Problem dabei: Selbst wenn man einmal davon absieht, dass die HMS derzeit die Google-Funktionalität noch nicht lückenlos abdecken, so bedeuten entsprechende Anpassungen einen erheblichen Mehraufwand für App-Entwickler. Und zwar nicht bloß einmalig – auch die Wartung wird damit mühsamer.

Sind die Apps einmal angepasst, sollen sie dann in Huaweis eigene AppGallery hochgeladen werden. Zugriff auf den Play Store hat man ja nicht, und ersten Berichten zufolge läuft dieser selbst bei manueller Installation sämtlicher Google-Komponenten nicht auf dem Mate 30. Hier folgt dann aber das nächste Problem: Bei strikter Auslegung des US-Handelsbanns könnte schon das Hochladen einer eigenen App in den Huawei Store als geschäftliche Zusammenarbeit gewertet werden. Das heißt: Vor allem größere US-Unternehmen werden sich vorerst hüten, ihre Programme auf diesem Weg zu verbreiten.

Eindeutige Zahlen

Nun könnte man natürlich sagen: "Wer braucht schon US-Apps?" und das mag auf individueller Ebene auch durchaus zutreffen. Die Statistik spricht aber eine andere Sprache, und zwar eine eindeutige: Die Toplisten der weltweit am meisten genutzten Apps werden von US-Softwareherstellern dominiert. Und es darf bezweifelt werden, dass die breite Masse an Smartphone-Käufern sonderlich erfreut wäre, wenn sie auf einem neu gekauften High-End-Smartphone weder Instagram noch WhatsApp oder Facebook und Youtube verwenden können – oder auf die erheblich schlechter mit dem Gerät integrierten Web-Versionen zurückgreifen müssen.

Die Alternative all die betreffenden Apps und Google-Dienste manuell zu installieren ist für das Gros an Nutzern allerdings noch unrealistischer. Denn was hier gerne vergessen wird: Es ist nicht einfach damit getan, eine App einmal manuell zu installieren. Da es ohne Play Store auch keine automatischen Updates gibt, müssen auch diese wieder manuell nachgereicht werden, um zu verhindern, dass es früher oder später zu Problemen kommt oder man ganz ausgesperrt bleibt.

Langfristig sieht es anders aus

Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Langfristig könnte die aktuelle Entwicklung durchaus positive Effekte haben. Schafft es Huawei App-Entwickler in Massen dazu zu bringen, seine Mobile Services zusätzlich zu jenen von Google zu unterstützen, könnte sich die Android-Variante des chinesischen Herstellers zu einer interessanten Alternative entwickeln. Und das wäre durchaus wünschenswert, immerhin zeigt das aktuelle Beispiel gut, wie abhängig die Smartphone-Welt derzeit von den Launen der US-Politik – oder einzelner seiner Protagonisten – ist. Ob man damit besser bedient ist, wenn die eigenen Daten nach China statt zu Google fließen, ist natürlich noch einmal eine ganz andere Frage – aber das hängt auch davon ab, wie sich dieses System schlussendlich entwickelt.

Trotzdem: Derzeit ist das Mate 30 mit seinem Google-losen Android keine realistische Option für Märkte jenseits von China, wo Smartphones ohnehin immer schon ohne Google-Dienste ausgeliefert werden. Insofern tut Huawei gut daran, auf einen großen Launch in Europa zu verzichten, eventuell findet man ja geeignete Testkanäle, um die Akzeptanz für so ein System behutsam auszuloten. Angesichts der Komplexität des Problems und der daraus resultierenden Konsequenzen hoffen aber wohl sowohl Huawei als auch Google auf eine ganz andere Perspektive: Nämlich, dass die US-Politik ein Einsehen hat, den Handelsbann fallen lässt, und Huawei schlicht die fehlenden Google-Dienste als Update nachliefern kann. (Andreas Proschofsky, 20.9.2019)