Immer wieder plagen sich User von Windows 10 nach Updates mit kleinen und großen Ärgernissen. Ursache dafür ist wohl, dass Microsoft die interne Testabteilung zusammengeschrumpft hat.

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Orange eingefärbte Bildschirme, kaputter Sound in Spielen, ausgefallene WLAN-Verbindungen. Nach Monaten relativer Ruhe plagen sich nun wieder zahlreiche Windows 10-Nutzer mit unbeabsichtigten Folgen von Windows-Updates.

In der Vergangenheit gab es auch schon deutlich schwerere Folgen nach der Auslieferung kleinerer und größerer Aktualisierung. Mitunter sagen sich User auch schon damit konfrontiert, ihr System neu installieren zu müssen. Doch was ist passiert, dass man sich in den letzten Jahren immer wieder mit solchen Ärgernissen auseinandersetzen muss? Ein ehemaliger leitender Entwickler von Microsoft, Jerry Berg, der 15 Jahre lang für den IT-Riesen tätig war, erklärt auf seinem Youtube-Channel nun, wo das Problem wohl begraben liegt.

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Viele Tester, große Hardwarevielfalt

Einst hatte Microsoft ein umfangreiches Team für die Qualitätstests seiner Software. Es nutzte eine Reihe unterschiedlich konfigurierter Computer, um diverse Hardwarezusammensetzungen zu testen – etwa mit Nvidia-, AMD- und integrierten Grafikchips. Oft nutzten Tester auch eigene Arbeitsmaschinen ("selfhost") für solche Tests.

Dadurch ergab sich eine große Hardwarevielfalt, dank der selbst seltenere Fehler, die nur auf bestimmten Konfigurationen auftreten, häufig entdeckt werden konnten. Dementsprechend kam es selten zu groben Problemen auf Seiten der Nutzer, wenn man Updates auslieferte.

Microsoft schrumpfte Testteam ein

Nachdem Microsoft die technische Grundlage von Windows, Windows Mobile und der Xbox zusammenlegte – alle nutzen mittlerweile den gleichen Windows-Kernel – führte man auch die einst separaten Testteams zusammen und löste den Großteil davon auf. Plötzlich war eine Rumpftruppe, die großteils aus der ehemaligen Windows Mobile-Testabteilung bestand, für die Inspektion verantwortlich.

Dank der personellen Reduktion hatten die einzelnen Mitarbeiter nun natürlich weniger Zeit, neue Updates auf vielen verschiedenen Systemen zu testen. Stattdessen rüstete man auf Virtualisierung um und viele Angestellte verzichteten zunehmend auf Selfhosts. Die Hardware-Diversität während der internen Tests nahm dadurch drastisch ab und damit auch die Quote der bei internen Tests entdeckten Fehler.

Insider als Lückenfüller

Die Lücke füllen sollte das während der Entwicklung von Windows 10 gestartete "Insider-Programm". Hier ermöglicht Microsoft es, experimentierfreudigen Privatnutzern, bereits vorab Zugang zu neuen Updates und Features zu bekommen. Im Gegenzug erhält man Feedback von Besitzern von Rechnern mit unterschiedlichsten Hardwarezusammensetzungen.

So jedenfalls die Theorie. Jedoch sind die Windows Insider in der Regel keine geschulten Tester, die ausführliche Fehlerberichte erstellen, dank denen die Entwickler Problemen schnell auf die Spur kommen können. Gearbeitet werden muss also hauptsächlich mit Telemetriedaten. Diese geben etwa Aufschluss darüber, wie Windows verwendet wird. Die Zusammenhänge zwischen Mustern im Nutzerverhalten und Fehlern im Betriebssystem müssen die Microsoft-Mitarbeiter allerdings oft selber herausfinden.

Das kann dazu führen, dass ein Problem, das nur bei einem Teil der Insider ernsthaften Ärger verursacht, als kleiner Bug unterschätzt wird. Die tatsächliche Tragweite offenbart sich dann eben mitunter erst, wenn eine Aktualisierung für die Allgemeinheit frei gegeben wird. Während Teilnehmer des Insider-Programms bewusst Vorabversionen installieren und ob des Risikos möglicher Fehler Bescheid wissen, trifft es hier dann Nutzer, die ihr Windows-System beispielsweise für ihre tägliche Arbeit brauchen.

Lehren

Berg hofft, dass man bei Microsoft vielleicht auf sein Video aufmerksam wird und die eigenen Prozesse überdenkt. Sich bei Softwaretests vorrangig auf freiwillige Betatester zu verlassen mag zwar günstiger kommen, allerdings sorgt es auch dafür, dass Windows-Updates immer wieder wie ein Roulettespiel wirken. (red, 23.09.2019)