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Die Pleite des Reisegiganten Thomas Cook hat hunderttausende Touristen weltweit gestrandet zurückgelassen und in Großbritannien die größte Heimholaktion seit Ende des Zweiten Weltkrieges ausgelöst. Das Unternehmen habe "mit sofortiger Wirkung seine Geschäftstätigkeit eingestellt", teilte die britische Luftfahrtbehörde CAA kurz nach 2 Uhr in der Nacht zum Montag mit.

Sofort starteten von der Regierung gecharterte Flugzeuge in dutzende Destinationen in Europa und Nordafrika, der Karibik und den USA, um dort Thomas-Cook-Kunden aufzusammeln; für die teure Rettungsaktion Operation Matterhorn werde der Staat 150 Millionen Pfund bereitstellen, versicherte Premierminister Boris Johnson in New York.

100 Flugzeuge, 199 Hotels

Der Jahresumsatz des Traditionsunternehmens lag 2018 bei umgerechnet 10,9 Milliarden Euro, das Unternehmen beschäftigte zuletzt rund 22.000 Mitarbeiter und bediente 19 Millionen Kunden in 16 Ländern. Dem Konzern gehören 100 Flugzeuge und 199 Hotels. Er entschuldige sich "bei unseren Millionen von Kunden, tausenden Angestellten und Partnern, die uns viele Jahre unterstützt haben", sagte CEO Peter Fankhauser am Montag.

Flughafen-Mitarbeiter helfen gestrandeten Thomas-Cook-Kunden.
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Das letzte Kapitel in der 178 Jahre alten Unternehmensgeschichte hatte 2007 mit der Fusion der Thomas Cook AG und der My Travel Group begonnen. In einer Phase von Turbulenzen im Gefolge des globalen Finanzcrashs gaben sich binnen kurzem drei Konzernchefs die Klinke in die Hand. Vor fünf Jahren rückte der Schweizer Fankhauser vom Posten des Finanzchefs zum Konzernleiter auf.

Knallharte Konkurrenz

Thomas Cook gelang offenbar der Übergang ins Internetzeitalter nicht, in dem Reisebüros eine zunehmend geringere Rolle spielen. In wichtigen Destinationen kämpfte das Unternehmen gegen knallharte Konkurrenz, im vergangenen Jahr führte die Hitzewelle in Nordeuropa zu einem eklatanten Buchungsrückgang. Hinzu kamen der bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens und die damit verbundene Unsicherheit, die viele Kunden von langfristigen Buchungen abschreckte. Die Brexit-Turbulenzen hätten "das Fass zum Überlaufen gebracht", analysiert der Vermögensverwalter Alliance Bernstein.

Cook hat die Rollläden hinuntergelassen.
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Krisengespräche zwischen dem mit Schulden von 1,7 Milliarden Pfund belasteten Reiseveranstalter, dem an größerer Beteiligung interessierten chinesischen Großaktionär Fosun und den Gläubigerbanken hatten über den Sommer kein Ergebnis erbracht. Die Rede war von einem Rettungspaket in Höhe von insgesamt annähernd einer Milliarde Pfund. Zuletzt bettelte das Unternehmen bei der konservativen Minderheitsregierung um eine Staatshilfe von 250 Millionen Pfund (283 Millionen Euro), dies lehnte Wirtschaftsministerin Andrea Leadsom ab. Die Kosten für die Rückholaktion wurden am Montag in London auf annähernd 600 Millionen Pfund beziffert.

Gestrandete Urlauber

Britische Medien konzentrierten ihre Berichterstattung am Montag auf die kurzfristigen Probleme gestrandeter Urlauber. Katastrophale langfristige Auswirkungen hat die Pleite für die Menschen in den Reiseländern, die vom Tourismus abhängen. Allein auf die griechische Insel Kreta beförderte das Unternehmen in diesem Jahr bisher rund 400.000 Erholungssuchende, 70 Prozent der Tourismusbetriebe auf Kreta haben Verträge mit Thomas Cook, die Situation auf vielen anderen Ferieninseln sieht ähnlich aus. Als "Erdbeben der Stärke 7" bezeichnete Michalis Vlatakis vom griechischen Tourismusverband die Situation: "Und der Tsunami kommt erst noch."

Britische Passagiere werden aus Malta heimgeholt.
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Anders als viele seiner reisenden Landsleute im 21. Jahrhundert gehörte der gelernte Tischler und zeitweilige Baptistenprediger Thomas Cook der Abstinenzbewegung an. Sympathisierende Mitbürger waren 1841 die ersten Kunden des damals 32-Jährigen: Auf dem Weg zu einer Veranstaltung der Anti-Alkohol-Bewegung reisten 500 Überzeugte von Leicester nach Loughborough im englischen Mittelland mit einem von Cook gecharterten Zug.

Die innovative Geschäftsidee trug blitzschnell Früchte. Schon 1850 transportierte Thomas Cook mehr als 150.000 unternehmungslustige Briten zur Großen Industrieausstellung in London, bald kamen Gruppenreisen nach Europa und Ägypten hinzu. Das Unternehmen trug auch zur Popularisierung des Schweizer Hochgebirges als Urlaubsziel der britischen Oberschicht bei. In Anlehnung daran und als Symbol für die Herausforderungen der komplizierten Aufgabe heißt nun die Heimholaktion für Touristen des pleitegegangenen Unternehmenes Operation Matterhorn. (Sebastian Borger aus London, 23.8.2019)