Pauschalreisen, mit denen Thomas Cook groß geworden ist, treffen nicht mehr jedermanns Geschmack.
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Für Thomas Cook, den ältesten Touristikkonzern der Welt, stellt die nunmehrige Insolvenz eine Art Déjà-vu-Erlebnis dar – allerdings mit existenziell anderem Ausgang. Schon vor acht Jahren ächzte das Unternehmen unter einem hohen Schuldenberg und konnte nur durch Notkredite eines Bankenkonsortiums vor dem Aus gerettet werden. Zwei Jahre später schossen die Aktionäre weiteres Kapital zu, das inzwischen längst aufgebraucht ist. Nur der Schuldenberg wollte kaum schrumpfen.

Warum ist der britische Reisekonzern in der Zwischenzeit nicht mehr nachhaltig auf die Beine gekommen? Kurz gesagt handelt es sich um das Zusammenspiel mehrerer Faktoren und Entwicklungen, das dem für Pauschalreisen bekannten Tourismusunternehmen zugesetzt hat. Dazu zählt etwa, dass vor allem bei jungen Menschen ein Trend zu mehr Individualität und Flexibilität im Urlaub besteht. Darunter leidet im Gegenzug auch die Nachfrage nach Pauschalreisen. Den gesamten Urlaub mit Rundumbetreuung in derselben Unterkunft zu verbringen hat bei vielen Menschen stark an Anziehungskraft verloren.

Airbnb oder Camping statt Hotel

Was Thomas Cook in dieser Situation zusätzlich zu schaffen gemacht hat, ist der steile Aufstieg von Billigairlines in Kombination mit dem Trend zu Privatunterkünften, wie sie etwa auf Airbnb oder anderen Plattformen angeboten werden. Das ist besonders für Junge interessanter als Hotelzimmer, die einander meist gleichen wie ein Ei dem anderen. Aber auch Camping ist als Alternative in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden.

Dazu kommt noch die immer stärkere Konkurrenz durch Buchungsportale wie Booking.com. Diese bringen klassische Reiseanbieter einerseits ums Geschäft und befeuern auf der anderen Seite einen aggressiven Preiskampf bei Flugtickets und Unterkünften.

Brexit und hausgemachte Probleme

Allerdings treffen diese teilweise disruptiven Entwicklungen nicht nur auf Thomas Cook zu, sondern auch auf die Mitbewerber. Bei den Briten kamen jedoch noch einige Sonderfaktoren sowie hausgemachte Probleme dazu, die letztlich zum Aus geführt haben. Dazu zählten zunächst auch die Unsicherheiten über den bereits zweimal verschobenen Brexit hinzu. Als Thomas Cook zum Halbjahr einen Milliardenverlust präsentierte, warnte man vor weiterem Gegenwind. Es gebe "wenig Zweifel", dass sich der Brexit negativ auf die Buchungen auswirke.

Das schwache Pfund und die Unsicherheiten rund um den Brexit ließen viele Briten ihren Urlaub in der Heimat verbringen.
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Ebenfalls dem EU-Austritt der Briten ist die anhaltende Schwäche des britischen Pfunds zuzuschreiben. Das bedeutet, dass Urlaubsreisen ins Ausland für Bürger des Königreichs teurer wurden. Und wer aus diesem Grund lieber auf der eigenen Insel urlaubt, wird Thomas Cook dazu nicht benötigen.

Hausgemachte Probleme

Dazu kommen hausgemachte Schwierigkeiten von Thomas Cook. Angesichts der hohen Schulden, unter denen der Konzern seit Jahren stöhnt, erscheint es finanziell fragwürdig, dass 2017 sowie im Vorjahr noch Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet wurden. Nach einer Reihe an Gewinnwarnungen bezeichneten im Mai dieses Jahres die Analysten der Citigroup die Thomas-Cook-Aktie bereits als "wertlos".

Allerdings ruhten damals die Hoffnungen auf einem weißen Ritter namens Fosun. Der chinesische Konzern, der unter anderem auch beim Club Med sowie dem Vorarlberger Strumpferzeuger Wolford beteiligt ist, war 2015 eingestiegen und ist mit 18 Prozent größter Aktionär von Thomas Cook. Gemeinsam sollte zuletzt ein Rettungspaket, das dem Konzern frisches Kapital in die Kasse gespült hätte, den Reiseanbieter ein weiteres Mal vor der Insolvenz bewahren. Ironischerweise scheiterte das Vorhaben diesmal an den Banken, die vor acht Jahren Thomas Cook noch gerettet hatten. (Alexander Hahn, 24.9.2019)