Wenn sich Politiker treffen, um über das Klima zu reden, dann sprechen sie meist über den Ausbau von Solaranlagen und Windrädern, über Förderungen für Elektroautos und öffentlichen Verkehr. Schon etwas seltener reden sie darüber, den Flugverkehr in die Schranken zu weisen. Und noch viel seltener Thema sind die Treibhausgasemissionen, die unser Essen auf seinem Weg vom Acker auf den Teller verursacht.

Dabei ist die Nahrungsmittelherstellung maßgeblich am Ausstoß klimaschädlicher Emissionen beteiligt: Je nach Berechnung verursacht sie zehn bis 19 Milliarden Tonnen an Treibhausgasen jährlich. Das sind fast 37 Prozent der globalen Emissionen. Und es werden mehr: Obwohl die landwirtschaftlich genutzte Fläche seit den 1960er-Jahren kaum größer geworden und in den letzten 20 Jahren sogar gesunken ist, sind die Treibhausgasemissionen des Agrarsektors geradezu explodiert (siehe Grafik). Mehr Emissionen auf weniger Platz – wie kann das sein?

Als "landwirtschaftliche Fläche" ist in den Zahlen der Welternährungsorganisation (FAO) eine ziemliche Bandbreite inkludiert, sagt Stefan Frank vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalysen (IIASA) in Laxenburg bei Wien: von der Hightech-Maisfarm in den USA über Sojaplantagen in Brasilien bis hin zum begrenzten Land eines Bauern in Lesotho, der nur wenige Ziegen besitzt. Ob man auf einem Hektar Getreide anbaut oder tausende Rinder zusammenpfercht, ist für die Flächenstatistik zunächst einmal unerheblich. Für das Klima ist es das aber selbstverständlich nicht.

Die Rinderhaltung verursacht besonders große Mengen an Treibhausgasen.
Foto: Reuters/AGUSTIN MARCARIAN

Denn ein Großteil der landwirtschaftlichen Emissionen kommt heute aus der Viehhaltung. Mit "enterogene Fermentation" umschreiben Forscher wie Stefan Frank in vornehmer Fachsprache das, was Kühe und andere Wiederkäuer als Fürze in die Atmosphäre entlassen: Methan, ein Gas, das das Klima 28-mal stärker belastet als CO2. Von den sechs Milliarden Tonnen Treibhaus gasen, für die die Landwirtschaft verantwortlich ist, stammen zwei Drittel aus den Mägen von Wiederkäuern.

Abgaswerte von Kühen verbessert

In den letzten Jahrzehnten haben Rinder ihre Abgaswerte zwar verbessert. Sind für ein Kilo Rindfleisch 1970 noch 32 Kilogramm CO2-Äquivalent angefallen, sind es heute "nur" noch 25 Kilo. Wer einen Liter Milch trinkt, muss sich heute noch für 900 Gramm statt wie damals für 1,5 Kilo Treibhausgase verantwortlich fühlen. Das liegt an speziellen Züchtungen, die mehr Fleisch und Milch geben, an besserem Futter und optimierten Abläufen.

Auch Getreide, Eier und andere Lebensmittel werden heute effizienter produziert als früher. Dieser Effekt wird allerdings durch die unglaublichen Mengen, die weltweit produziert werden, zunichtegemacht. Müssen wir also alle weniger essen, um das Klima zu retten? Nicht unbedingt.

"Es gibt einige Regionen, in denen sehr treibhausgasintensiv gewirtschaftet wird", sagt Frank. Vielerorts wird etwa zu viel gedüngt, was dazu führt, dass Lachgas aus dem Boden entweicht, das 300-mal klimaschädlicher als CO2 ist. Würden Landwirte den Düngemitteleinsatz besser auf das Pflanzenwachstum abstimmen, könnten nicht nur Emissionen eingespart werden, sondern auch Geld. "Präzisionslandwirtschaft" nennt man es, wenn Pflanzen einzeln gepflegt werden.

Trockenlegung no Moor

"Die großen Brocken sind aber in der Viehhaltung zu holen", sagt Frank. Nachfrageseitig könne hier gegengesteuert werden, indem man eine Ernährungsweise fördert, die weniger auf tierischen Proteinen basiert. Aber auch direkt auf den Höfen lässt sich CO2 sparen: Mit Futtermittelzusätzen etwa könnten die Methanemissionen von Rindern reduziert werden; es gibt bereits einige erfolgreiche Versuche, bei denen Algen ins Futter gemischt werden.

Werden für Ackerflächen Regenwälder niedergebrannt oder abgeholzt, sind die CO2-Emissionen besonders hoch.
Foto: Reuters/RICARDO MORAES

Natürlich bringt es wenig, wenn präzise gedüngtes Soja oder perfekt gefütterte Rinder dort stehen, wo davor ein Regenwald war: Wenn Wälder gerodet oder Sumpfgebiete trockengelegt werden, gelangen große Mengen CO2 in die Atmosphäre. Darauf zu verzichten und stattdessen bestehende Flächen nachhaltig zu nutzen wäre laut Frank "eine sehr wichtige und auch günstige Maßnahme". Denn CO2, das in Kohlenstoffsenken – ein wissenschaftlicher Ausdruck für Wälder und Moore – gespeichert ist, muss man nicht aufwendig andernorts einsparen.

Um all das zu erreichen, ist vor allem die Politik gefragt. In der wissenschaftlichen Community wird eine CO2-Steuer schon lange als probates Mittel angesehen, um die Emissionen zu senken, sagt Frank. Entwickelten Regionen wie Europa könne man eine CO2-Steuer auf Lebensmittel durchaus zumuten. Und laut aktuellen Studien hätte schon ein geringer CO2-Preis ab 20 US-Dollar große Wirkungen auf die Landwirtschaft.

"Aber die Landwirtschaft ist ein heikler Sektor", sagt Frank, "mit komplett anderen Maßstäben als etwa die Energiebranche", wo es "ein paar Hundert" Großkonzerne gebe, die für einen Großteil der Emissionen verantwortlich sind und daher leichter reguliert werden könnten. In der Landwirtschaft hingegen arbeiten weltweit 2,5 Milliarden Menschen. Viele von ihnen sind von Ackerbau oder Viehzucht abhängig und leben häufig in Subsistenzwirtschaft. Diese Menschen wären von einer CO2-Steuer stark betroffen.

Statt einer weltweiten Steuer plädiert Frank hier für einen Mix aus Maßnahmen, die Landwirtschaft in weniger entwickelten Regionen mit Produktstandards und Subventionen in Richtung Effizienz und damit Emissionsreduktion zu leiten.

Landwirtschaft erfüllt außerdem auch andere Zwecke als jenen, hungrige Menschen sattzumachen – sie erzeugt etwa kulturellen Nutzen oder fördert die Wahrung von Biodiversität. Oft ist sie auch ein Tourismusfaktor: "Es ist natürlich nicht zielführend, Kühe von österreichischen Almen zu komplett zu vertreiben, um Bäume für den Klimaschutz zu pflanzen", sagt Frank. "Aber auf gewissen Flächen wäre es durchaus sinnvoll und attraktiv."

Mehr Effizienz schön und gut, aber was ist mit den zusätzlichen Milliarden Menschen, die bis 2050 satt werden wollen?

Mit mehr Erträgen aus nachhaltiger Intensivierung und Ernährungsumstellung lässt sich auch das lösen, sagt Frank. In einer Studie rechnete er mit Kollegen vor, dass der Welthunger bis 2030 bekämpft und dabei die Treibhausgasemissionen sogar gesenkt werden können. Vorausgesetzt, mehr als zwei Milliarden Menschen schrauben ihren Konsum zurück und weniger Lebensmittel werden verschwendet.

Denn laut FAO sieht ein Drittel des weltweit produzierten Essens nie einen Menschen von innen. "Die Frage der Welternährung ist kein Produktions-, sondern ein Verteilungsproblem", sagt Frank. (Anika Dang und Philip Pramer, 30.9.2019)