Der Bad Boy an Bord des Forschungsschiffes DSSV Pressure Drop hört auf den Namen Skaff. "Mein erklärter Liebling", sagt Victor Vescovo und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Dieser Tauchroboter ist ein echter Satansbraten, denn er hat sich immer selbst in Schwierigkeiten gebracht. Einmal ist er für zwei Tage auf dem Meeresboden stecken geblieben, einmal ist er einfach so wieder aufgetaucht. Als habe er einen eigenen Willen." Dabei streichelt der schlaksige Amerikaner beinahe zärtlich über die fast mannshohe, weiß-graue Kiste neben ihm.

Der Tauchroboter Skaff wird zu Wasser gelassen: Der "Lander" hat den Abenteurer Victor Vescovo auch auf den Boden des Marianengrabens begleitet.
Foto: Reuters/Discovery Channel/Reeve Jolliffe/

Jetzt, da seine Expedition vorüber ist, kann er über solche mitunter gefährlichen Vorfälle lachen. Der gebürtige Texaner, lichter, weißer Vollbart, die blonden Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, hat ein Faible fürs Extreme. Er bestieg die sieben höchsten Gipfel der Welt, hat auf Skiern Nord- und Südpol erreicht. Zehn Monate, von Dezember 2018 bis September 2019, war er jetzt auf dem Meer unterwegs. In dieser Zeit ist er als erster Mensch zu den fünf tiefsten Stellen getaucht. Der 53-Jährige steht damit auf der gleichen Stufe wie der Polarforscher Roald Amundsen oder der erste Mann auf dem Mond, Neil Armstrong. In unseren Breitengraden scheint das allerdings kaum jemand mitbekommen zu haben.

Selfmade-Millionär und Abenteurer: Er bestieg schon die sieben höchsten Gipfel der Welt, hat auf Skiern Nord- und Südpol erreicht.
Foto: Tamara Stubbs

Vescovo ist ein Selfmade-Millionär, ein kluger Kopf. Er ist Stanford-Absolvent, war am MIT (Massachusetts Institute of Technology) und macht sich offensichtlich nichts aus Ruhm. Stattdessen spricht er über eine Maschine wie von einem guten Freund. Kann man es ihm verübeln? Skaff ist einer von drei autonomen "Landern", die Vescovo während seiner Reise begleitet haben und deren Aufgabe es war, den Meeresboden zu erkunden, bevor der Abenteurer selbst mit seinem U-Boot Limiting Factor in die Finsternis abtauchte. Da entwickelt man wohl eine gewisse Zuneigung zu leblosen Dingen, auf deren Zuverlässigkeit man angewiesen ist.

Kinderzeichnung

Auch der Limiting Factor, LF gerufen, schreibt er menschliche Züge zu. "Sie sieht aus, als ob sie ständig überrascht wäre", hält er fest und weiß die Lacher auf seiner Seite. Tatsächlich kann man die Bullaugen des Titan-U-Boots wie zwei vor Erstaunen weit aufgeris sene Augen interpretieren. Beim Anblick dieses seltsamen, 4,3 Meter breiten und 3,7 Meter hohen, weiß lackierten Unterwassergefährts verstummt jedenfalls augenblicklich die Titelmelodie aus "Das Boot", die das Kopfkino schon beim Gedanken an ein U-Boot triggert: LF hat überhaupt nichts mit den zigarrenförmigen U-Booten zu tun, die man aus Filmen kennt. Sie wirkt eher wie die missglückte Kinderzeichnung eines Koffers mit Gesicht.

Victor Vescovo erklärt sein U-Boot. Detail: Auf dem Roboterarm wurde eine für extreme Tauchgänge konzipierte Taucheruhr von Omega montiert (siehe Artikel unten).
Foto: Omega

Warum sieht das Ding so seltsam aus? Patrick Lahey, Präsident von Triton Sub, der Firma, die das U-Boot gebaut hat, erklärt: "Von der Seite sieht es aus wie eine riesige Ellipse – diese Form macht es möglich, dass man relativ schnell unter Wasser vorankommt: 1,5 Meter pro Sekunde. Es ging uns darum, Victor schnell zum ‚Einsatzort‘ zu bringen und auch genauso schnell wieder nach oben." Wie die gesamte Expedition, Gesamtkosten rund 50 Millionen US-Dollar, wurde das U-Boot von Vescovo, der sein Geld als Private-Equity-Manager machte, aus Eigenmitteln finanziert.

Ein "Meilenstein des U-Boot-Baus": Die Limiting Factor sieht ganz anders aus, als die U-Boote, die man aus Filmen kennt.
Foto: Reeve Jolliffe

Das U-Boot wurde von der internationalen Seefahrtsbehörde DNV_GL für ausgedehnte, wiederholte Tauchgänge mit Passagieren in außergewöhnlichen Tiefen zertifiziert. "Das gab es vorher nicht", betont Lahey, der die Limiting Factor als Meilenstein des U-Boot-Baus bezeichnet. Drei Jahre wurde daran gearbeitet. Anders als die Deepsea Challenger, mit der James Cameron 2012 den Marianengraben besuchte, kann die LF wiederverwendet werden. Der Titanic-Regisseur konnte sein U-Boot nach dem Einsatz einmotten.

Besuch bei der Titanic

Apropos Titanic: Vescovo ließ es sich nicht nehmen, das Wrack des Ozeandampfers zu besuchen. Wenn man schon mal in der Gegend ist ... Eine Gemeinsamkeit mit der Deepsea Challenger gibt es aber: die Enge. Der Einstieg in die LF ist nur 46 mal 36 Zentimeter groß, maximal zwei Personen finden in ihr Platz.

Die Limiting Factor taucht unter.
Foto: Reuters/Discovery Channel/Reeve Jolliffe/

Pi mal Daumen sinkt das U-Boot rund 2.500 Meter pro Stunde ab. Vier Stunden braucht es, um in das 10.928 Meter unter dem Meeresspiegel gelegene Challengertief im Marianengraben, den tiefsten Punkt der Erde, abzutauchen, und noch einmal vier Stunden, um wieder raufzukommen. "Mein längster Tauchgang dort währte zwölf Stunden", sagt Vescovo. "Jede Minute des Abstiegs dauert gefühlte drei Minuten, jede Minute auf dem Meeresboden scheint nur zehn Sekunden zu dauern. Beim Auftauchen dehnt sich jede Minute auf gefühlte 20 Minuten."

Wissen aus der Tiefe

Was macht man in der Zwischenzeit? Er habe gelesen, sich Filme und Dokus auf dem Handy angesehen, verpflegte sich mit Thunfischsandwiches, Cola und Chips. Jede Viertelstunde wurde mit der Oberfläche kommuniziert. Hatten Sie Angst? "Angst kann man überwinden: Man muss Routinen üben, immer wieder alles durchgehen, alle Notfallpläne abgespeichert haben", sagt der Abenteurer. Aber was tun, wenn nicht nur die Zeit drängt, sondern auch die Blase drückt? "Dafür gibt es eine Flasche", erklärt Vescovo ganz nüchtern, um dann zu scherzen: "Oder wie Piloten sagen: einen ‚range extender‘."

Das Ende einer Reise: Die DSSV Pressure Drop lag im September in London vor Anker.
Foto: Omega

Wir betreten das Labor der Pressure Drop, die Mitte September in London vor Anker lag. "The 5 Deeps – In Profundo: Cognito" – "Wissen aus der Tiefe", das Motto der gesamten Expedition – steht über dem Eingang. "Ich kann gar nicht fassen, wie sauber es hier ist, geradezu lächerlich", entfährt es Vescovo. Er hat das Schiff mit den neuesten Forschungstechnologien ausstatten lassen, unter anderem mit dem "besten zivilen Sonar, das es für Geld zu kaufen gibt". Eine sinnvolle Investition. Denn es stellte sich heraus, dass viele der Karten, auf denen die tiefsten Stellen des Atlantiks, des Indischen Ozeans, des Pazifiks, des Arktischen und des Südlichen Ozeans, also überall dort, wo die "five deeps" liegen, oftmals nicht stimmten. Deshalb musste neu ver messen werden. Die aktualisierten Karten sollen nun der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden – ebenso die gesammelten Forschungsdaten.

Geschichte schreiben

Die Crew, "eine große dysfunktionale Familie" (Vescovo im "Economist"), bestand neben erfahrenen Seeleuten auch aus Forschern aus diversen Fachgebieten. So hat zum Beispiel der Chef-Wissenschafter, Alan Jamieson, ein Standardwerk über den Lebensraum Tiefsee geschrieben. Der Eindruck, dass es sich bei dem Abenteuer nur um den Egotrip eines Millionärs handelt, stellt sich spätestens an dieser Stelle als Vorurteil heraus. Wobei: Vescovo hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihn der Gedanke, dorthin zu gehen, wo noch nie jemand war, immer schon gereizt hat. Er wollte Geschichte schreiben.

Die Limiting Factor kurz vor dem Tauchgang im Marianengraben.
Foto: Reeve Jolliffe

Vescovo überließ die LF nach seinen Tauchfahrten den Wissenschaftern. Sammelte aber selbst auch Proben und filmte die Umgebung, die er durch die Bullaugen im hellen Schein der LED-Lampen seines U-Boots sah. Zu seinem Erstaunen stellte sich die Welt in einer Tiefe von tausenden Metern anders dar, als er vermutet hatte. Er berichtet von leuchtenden Rot- und Gelbtönen, die von Bakterien stammten, die sich von Schwefel "ernähren". Er sah Seegurken "grasen", gespenstische, durchscheinende Wesen, etwa eine Seescheide, die den Kopf eines Hundes zu haben schien. Offensichtlich eine neue Spezies, eine von vielen, die er und die Lander in den schwarzen Tiefen filmten – und auch mitnahmen.

Nahtlos

Nach dem langen Auftauchvorgang sei er immer fix und fertig gewesen. Eine Belastungsprobe auch für das Team – das manchmal 20-Stunden-Schichten schieben musste, oft mehrere Tage hintereinander. "Wir alle waren Teil eines Systems: Lander, U-Boot, die Crew, ich … Räder einer nahtlos funktionierenden Maschine", fasst es Vescovo zusammen. Nach dem Auftauchen musste es dann schnell gehen. Im Labor erfolgten Bestandsaufnahme, Kategorisierung, Fotos, erste Untersuchungen – dann mussten die Proben rasch in den Kühlschrank.

Bei den Tauchgängen in der unerforschten Finsternis wurden neue Spezies wie diese unbekannte Seescheiden-Art
gefunden.
Foto: Five Deeps

Denn die Kreaturen kommen aus einer eiskalten Umgebung, der Druck dort unten ist enorm: Hundert Meter unter Wasser ist der Wasserdruck zehnmal höher als an der Oberfläche, bei 2.000 Metern ist der Druck bereits stark genug, um ein Navy-U-Boot zu zerquetschen. Die Temperatur auf dem Meeresboden wiederum liegt nur knapp über dem Gefrierpunkt. Das heißt, wenn die Spezies an die Oberfläche kommen, beginnen sie buchstäblich zu kochen, weil Druck- und Temperaturunterschied so extrem sind.

Die Tauchgänge der Limiting Factor im Überblick
Foto: Five Deeps

"Jeder Meeresboden ist anders beschaffen. An der tiefsten Stelle vor Puerto Rico etwa haben wir Seegras ge funden. Das ist deswegen interessant, weil dieses Seegras Nahrung für die Lebewesen dort unten ist", erklärt Alan Jamieson. Man habe zudem Tonnen an (Film-)Material gesammelt. Es auszuwerten werde Jahre dauern. "Das Perverse ist", meint Jamieson nicht ohne Bitterkeit, "wir wissen mehr über den Mars als über das Leben in den Weltmeeren." Das soll sich nun ändern.

Melancholie

Dementsprechend spürt man Stolz an Bord der Pressure Drop. Aber auch eine Spur von etwas Schwermütigem, nach rund zehn Monaten auf See und drei Jahren Vorbereitungszeit, im Sinne des Astronauten Buzz Aldrin, der von der Melancholie sprach, wenn alles erreicht zu sein scheint. Victor Vescovo hat bereits Pläne: Er möchte sich den Pazifischen Feuerring, den Vulkangürtel, der den Pazifik umringt, genauer ansehen. Das Weltall überlässt er lieber den Selbstdarstellern unter den Milliardären – Richard Branson oder Elon Musk. Zumindest vorerst. (Markus Böhm, RONDO, 14.10.2019)

Die Reise nach London wurde von Omega unterstützt.