London gilt als Stadt, die Vielfalt zu schätzen weiß. Manche sehen das durch den Brexit gefährdet.

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Ein typisches Stiegenhaus im Künstlerviertel Mar Mikhael, das zu den stilvolleren in Beirut gehört.

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"Mr. Hudson unterwegs". Deutschsprachige Ausgabe. Gestalten-Verlag 2019. Hardcover. 312 Seiten / € 30,80. EAN: 9783899553222

Web: www.mrhudsonexplores.com

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Pauschalurlaub auf der Insel Mykonos, Flusskreuzfahrt in der homosexuellen Gruppe oder Gay-Pride-Package für Barcelona – wer sich auf manchen Portalen für schwule Reisen umsieht, kann nur zu dem einen Schluss kommen: Wäre die Welt des gleichgeschlechtlichen Wegfahrens wirklich so einfach gestrickt, würden auch alle österreichischen Familien mit Kindern alle Jahre nach Jesolo fahren.

Der Niederländer Bastiaan Ellen hat einige gute Gründe, an dieser Vereinfachung zu zweifeln – der beste: Er bekleidete jahrelang leitende Funktionen in internationalen Tourismusunternehmen. In dieser Zeit hat der mittlerweile als Onlinemarketing-Experte tätige Geschäftsmann Erfahrungen gesammelt, welchen stetigen Veränderungen das Reiseverhalten unterworfen ist oder warum etwa eine Stadt in einem Jahr noch als lässig gilt und im nächsten schon nicht mehr. Mit seinem Ehemann lebte er unter anderem in Amsterdam, London, Zürich und Madrid. Betrachtete er etwa London vor kurzem noch als Zentrum der Kreativität und Innovation, ortet er in der Stadt seit dem drohenden Brexit die schleichende Ablehnung einer zuvor gelebten Vielfalt.

Keine Klischees

Apropos Diversität. Deren Anerkennung sei für jüngere Generationen vielerorts zum Normalfall geworden, meint Ellen. Er glaubt, man schere sich insgesamt weniger um Vorurteile und gehe entspannter mit Homosexualität oder Gender-Fragen um. Am Beispiel Tel Aviv erklärt: Dort gebe es in dem Sinn gar keine Schwulenszene mehr, vermutet Ellen, weil die Stadt als Ganzes so queer sei, dass sich etwa Gay-Bars erübrigen. Das habe auch Auswirkungen auf das Reiseverhalten und die Branche: Die Nachfrage nach klischeehaften Angeboten für Schwule wird geringer.

Vor diesem Hintergrund schuf Ellen das schwule Online-Reiseportal "Mr. Hudson explores", benannt nach dem englischen Seefahrer und Entdecker Henry Hudson – angeblich ein echter Gentleman. Das Portal sammelt und kuratiert stilvolle Reisetipps für Leser, die eben nicht an der Pride-Parade in Tel Aviv teilnehmen oder eine Schwulensauna in Stockholm kennenlernen wollen, weil sie so wie Ellen ein seriöses Eheleben führen. Es sind Reiseideen für Schwule, die nichts von Gay-Travel-Angeboten halten.

Gespür für Trends

Einem Klischee ist Ellen bei der Zusammenstellung seiner Online-Reiseführer aber treu geblieben: Schwule teilen angeblich mehr als Heteros die Wertschätzung für Ästhetik und hätten ein besonderes Gespür für Trends. Die vorwiegend urbanen Guides lassen deshalb alles aus, was mit Schmuddel- oder Partysex zu tun hat, und bemühen sich lieber um das Auffinden trendiger Adressen für Genießer oder für Kunstinteressierte. Bliebe nur noch die Frage: Was unterscheidet "Mr. Hudson explores" dann von bewährten Styleguides wie etwa den praktischen Büchlein aus dem Wallpaper-Verlag?

Derartige Guides, aktuelle Blogs und übrigens auch die Reiseveranstalter würden sich sehr stark an einer weiblichen Klientel orientieren, meint Ellen. Weil es fast immer die Frauen sind, die in Heterobeziehungen die Entscheidungen bei der Wahl des Reiseziels treffen. Die Tipps zum Shoppen oder Ausgehen seien demnach ganz auf Kundinnen ausgerichtet. Wenn Mr. Hudson dagegen etwas für seine Leser entdeckt, dann tue er das aus seiner stilvollen schwulen oder queeren Perspektive. Man merkt schon, Ellen ist nicht nur Marketingexperte für andere, sondern auch Profi in der Selbstvermarktung von Mr. Hudson.

Topaktuell

Einen klaren Vorteil bietet dieser Reiseblog seinen Lesern (und vermutlich auch ganz vielen Leserinnen) tatsächlich gegenüber anderen: Mehr als 30 Experten (und Expertinnen), darunter ein Creative Director, auffallend viele Designerinnen und auch ein paar Journalisten, recherchieren Inhalte und Adressen, die anderswo nicht so einfach zu finden sind, und halten diese immer topaktuell. Weil die Autoren häufig vor Ort sind, mit offenen Augen durch ihre Städte gehen und nicht wie üblich von anderen Blogs abschreiben, entstehen dabei sehr außergewöhnliche Städteporträts. Beispiel gefällig?

Mr. Hudson lässt es sich etwa nicht nehmen, auch einmal nach Beirut auf Urlaub zu fahren. In der ständig von Konflikten gebeutelten, aber schwulenfreundlichsten Stadt der gesamten arabischen Welt entdeckt er dann schicke Unterkünfte wie das Baffa House. Über lediglich vier geschmackvoll eingerichtete Zimmer verfügt diese private Unterkunft, deren Entstehung mit einer romantischen Heteroliebesgeschichte verknüpft ist: Nach dem Ersten Weltkrieg kam der italienische Ingenieur Francesco Baffa Volpe nach Beirut, um den Mar-Mikhael-Bahnhof zu planen. Er verliebte sich in eine Libanesin, blieb im Land und errichtete mit ihr in der Nähe des Bahnhofs eine Art Liebesnest: das heutige Baffa House im nunmehrigen Kreativviertel Mar Mikhael. In dieser Privatunterkunft ist bereits die nachfolgende Generation am Ruder, und doch haben sich die wirklich wichtigen Dinge nie geändert. Noch immer serviert Mama Baffa persönlich den Gästen das Frühstück.

Noch eine Frau

Wer sich in Beirut für zeitgenössische Architektur interessiert, den schickt Mr. Hudson ebenfalls zu einer Frau. Die 2016 verstorbene Architektin Zaha Hadid studierte Mathematik an der Amerikanischen Universität von Beirut und gestaltete später auf diesem Campus das Issam-Fares-Institut, eine Eliteschule für internationale Politik. Das Gebäude zählt zu den spannendsten neuen Architekturen, die die Stadt zu bieten hat, und die Dachterrasse mit Blick über das Mittelmeer ist auch für die Öffentlichkeit zugänglich.

Wenn es ans Shoppen geht, hält sich Mr. Hudson an das, was der Blog als Konzept verspricht: überall auf der Welt auch ein paar lohnende Adressen für Männer parat zu haben. In Beirut empfiehlt er etwa den libanesischen Designer Nemer Saadé, auf den auch Musiker wie Usher, Adam Lambert oder Slash von Guns N' Roses aufmerksam geworden sind, oder den 1926 gegründeten Traditionsherrenschneider Jawdat Ejjeh & Sons.

Schafft das Team um Bastiaan Ellen also den Spagat, stilvolle Lifestyle-Cityguides zusammenzustellen, die Männer als Klientel nicht vernachlässigen? Sicher, aber das ist nicht die eigentliche Leistung. Die vielen Heteros, die in "Mr. Hudson unterwegs" blättern – der Guide ist heuer erstmals als deutschsprachiges Buch erschienen – werden auf den Untertitel schauen und fragen: "Der stilvolle Reiseführer für schwule Männer" – und warum soll das nichts für mich sein? (Sascha Aumüller, RONDO, 1.10.2019)