DER STANDARD

Vor wenigen Tagen hatten die Touristen in der Wiener Herrengasse noch viel mehr zu schauen als sonst: Unweit von Fiakern und Hofburg und neben dem Looshaus hatte der deutsche Architekt Van Bo Le-Mentzel sein Tiny House, dessen Hauptraum nur 6,4 Quadratmeter groß ist, geparkt.

Von den Passanten gab es viele ungläubige Blicke. Manche schauten unverblümt beim Fenster hinein, einige wenige wagten es sogar, durch die offenstehende Haustür einzutreten. Hier saß Architekt Le-Mentzel mit seinem Laptop und bereitete sich auf seinen Vortrag vor. Er war in Wien, um bei der Branchenveranstaltung "The Real 100" zu sprechen. An neugierige Blicke ist er längst gewöhnt: "Die meisten sagen dann, dass das Haus sehr viel größer wirkt, als sie sich vorgestellt haben."

Mehrstöckiges Wohnhaus

Bei der Abendveranstaltung bezeichnete sich Le-Mentzel später als "Feind von Mikroapartments", so wie sie in Städten wie Hongkong mittlerweile massenhaft als Investmentprodukt gebaut werden. "Die machen krank", sagte er. Er träumt von einer anderen Version des kompakten Wohnens – und zwar nicht in Form eines Tiny Houses, so wie er es in Wien aufstellt, sondern eines mehrgeschoßigen Mehrgenerationenhauses, in dem die kleinsten Wohneinheiten 6,4 Quadratmeter groß sind und pro Monat nur 100 Euro kosten.

Foto: Ayham Yossef

Der Unterschied zu anderen Mikrowohnprojekten: Die – vollwertigen – Einheiten sind um einen Co-being-Space angeordnet, in dem Raum für Gemeinschaft ist. Weil jeder Bewohner an diesem Raum vorbei muss, soll der Space auch belebter ausfallen als die Gemeinschaftsräume in anderen Projekten.

Das Wohnen auf wenig Platz ist auch eine soziale Frage, so Le-Mentzel, der von sich sagt, dass er lieber Politiker als Architekt wäre. "Irgendwann wird Wohnen zu den Grundbedürfnissen zählen, die geschützt werden", ist er überzeugt. 100-Quadratmeter-Wohnungen für sieben Milliarden Menschen seien aber nicht möglich. "Das macht die Erde nicht mit."

Städtebauliche Vision

Daher müsse man darüber nachdenken, sich zu reduzieren – und in der Stadt intelligenter zu leben. Seinem Publikum präsentierte Le-Mentzel in Wien seine städtebauliche Vision, bei der unterschiedliche Nutzungskategorien übereinandergestapelt werden: Ein Grundstück wird ebenerdig mit Funktionen wie einem Einkaufszentrum oder einem Museum bebaut.

Foto: Ayham Yossef

Über dieses fünf Meter hohe Geschoß kommt eine ein Meter dicke Erdschicht, darüber wird durchmischt und in leistbaren Typenhäusern gewohnt. Auf dieser oberen Ebene sind riesige Parks vorgesehen, die mit Brücken verbunden sind. So soll ein Wohnen im Grünen in der Stadt möglich werden. Dass das – noch – eine Utopie ist, räumte der Architekt sogleich ein. "Aber es gibt sicher auch in Österreich Flächen, auf denen man solche Utopien andenken könnte."

Nun ist Le-Mentzel dabei, ein Netzwerk an Architekten aufzubauen und Gespräche mit Bürgermeistern zu führen: "Es geht jetzt darum, die verrückten Ideen so zu lenken, dass sie baubar werden." An Kritik ist er gewohnt: Legebatterien, Gefängnis, sogar Hundehütten wurden seine Ideen schon genannt. "Dabei sind diese Dinge ja sogar größer als das, was wir machen." Allerdings sei die Größe nicht für die Qualität entscheidend: "Ich hatte die schönsten Momente im Urlaub im Zelt. Und das ist noch kleiner." (27.9.2019)