Bei zwei Abstürzen einer Boeing 737 Max kamen 346 Menschen ums Leben.

Foto: Reuters/ Mike Blake

Chicago/Washington – Rund sechs Monate nach Inkrafttreten des weltweiten Flugverbots für Boeings 737 Max hat die US-Verkehrssicherheitsbehörde (NTSB) dem Flugzeugbauer Boeing und der Flugaufsicht FAA attestiert, falsch eingeschätzt zu haben, wie Piloten auf Warnmeldungen bei Fehlfunktionen reagieren würden, hieß es in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht.

Die FAA müsse sich bei der Zulassung von Flugzeugen auf eine realistischere Sicht auf das zu erwartende Pilotenverhalten stützen, heißt es in dem Bericht. Bei den beiden Abstürzen von 737-Max-Maschinen, bei denen im Oktober 2018 in Indonesien und im März dieses Jahres in Äthiopien insgesamt 346 Menschen ums Leben gekommen waren, habe sich gezeigt, "dass die Besatzungen nicht so reagiert haben, wie Boeing und die FAA dachten", erklärte NTSB-Chef Robert Sumwalt. In der Realität seien die Piloten mit mehreren Alarm- und Warnmeldungen konfrontiert gewesen.

Menschen reagieren nicht wie Maschinen

Bevor die FAA die nach zwei Abstürzen gesperrten Flugzeuge des Modells 737 Max wieder abheben lasse, müsste genau ausgewertet werden, wie Piloten auf eine Fehlfunktion des Stabilisierungssystems MCAS reagieren könnten, betonte NTSB-Direktorin Dana Schulze. Bei der Zertifizierung müsse die Schnittstelle zum Menschen stärker beachtet werden. Maschinen reagierten auf gleiche Bedingungen immer gleich. "Menschen sind nicht so. Wir bitten die FAA nur, diesen Faktor bei der Zertifizierung von Flugzeugen wissenschaftlicher zu berücksichtigen."

Die FAA erklärte, diese Empfehlungen sorgfältig prüfen zu wollen. "Wir haben noch viel zu tun", sagte FAA-Vizechef Dan Elwell bei einer Anhörung im Kongress. Es steht noch nicht fest, wann Boeing den entscheidenden Zertifizierungstestflug absolvieren kann. Nach diesem bräuchte die FAA noch einen Monat für eine Freigabe. Die europäische Flugsicherheitsbehörde Easa will zusätzlich selbst die Zertifizierung überprüfen. Bisher übernahmen die FAA und Easa ihre Zulassungen für Boeing- und Airbus-Maschinen gegenseitig.

Unglücke stehen im Zusammenhang mit dem Stabilisierungssystem

Ermittler vermuten, dass die Unglücke mit dem speziell für die Boeing 737 Max entwickelten Stabilisierungssystem MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) in Zusammenhang stehen. Es drückt bei einem drohenden Strömungsabriss die Nase des Flugzeugs automatisch nach unten, auch wenn die Piloten gegensteuern.

Die Abstürze haben Boeing in eine beispiellose Krise gestürzt und viel Kritik an dem US-Flugzeugbauer laut werden lassen. Für die Boeing 737 Max gilt seit März ein weltweites Flugverbot. (APA, 25.9.2019)