Symbol Sanduhr: In der zweiten Oktoberwoche sind Blockaden von Washington (im Bild) über London bis Berlin und auch Wien angesagt.

Foto: AP/Jacquelyn Martin

Zwei junge Leute, die ihre – privilegierte – akademische Ausbildung nicht nutzen, um Geld oder Status zu erreichen, sondern ihre Kraft einsetzen, um für die Zukunft zu arbeiten: Sie wollen einen Umbau alter politischer Strukturen, wobei Bürgerkomitees immer mitreden sollen: "Extinction Rebellion" heißt die Bewegung, die spätestens seit April des Vorjahres, als sie tagelang die Londoner City mittels friedlicher Proteste lahmlegte, international Aufmerksamkeit erregt.

In Österreich gewinnt die Gruppierung, die ausschließlich auf "lächelnde, friedliche Aktionen" setzt, gerade Momentum. Was sie von anderen unterscheidet: Alle sind willkommen, keine Parteizugehörigkeit, keine Milieu- oder Alterszugehörigkeit setzen Grenzen. Ob Veganer oder Fleischtiger, das ist nicht die Schnittmenge für diese "Rebellists", denn, so der Claim: Schmerz und Vernichtung durch den Ökokollaps werden uns alle treffen. Und diesen sehen sie bevorstehen, sollte sich nicht schnell die sogenannte kritische Masse zusammenfinden, die massiven Wandel erzwingt. Dabei wird akademisch, soziologisch, argumentiert: 3,5 Prozent auf der Straße, an die 50 Prozent Aufmerksame – dann sei der Kipppunkt für den Systemwandel da.

Die paar Hundert Menschen, die jetzt in Österreich dabei sind und sich etwa im sogenannten Die-in auf die Straße legen, lassen sich auch bewusst verhaften, um ihr Thema zu kommunizieren. Und nehmen Verwaltungsstrafen in Kauf.

Organisiert sind sie von Washington über London bis Berlin und Wien via Manifest, aber ohne greifbare Hierarchie – das würde ja auch eine Entfernung aus der öffentlichen Wahrnehmung zu einfach machen: Sperr die Organisatoren ein, und weg ist es.

Wir haben zwei Extinction Rebellists gefragt, warum sie tun, was sie tun. Dass sie als "Spinner" abgetan werden, stört sie nicht. Sie sagen, dass sie sich zur Verfügung stellen müssen.

Paul (32), Ökologe:

"Schon als Kind haben mich die Zusammenhänge der Natur zutiefst fasziniert – von den ganz großen im Weltall bis zu den kleinsten Bausteinen des Lebens. Das hat zu meinem Ökologiestudium geführt. Ich arbeite allerdings Teilzeit in der Gastronomie in Wien, weil ich meine Zeit und Energie hauptsächlich für Extinction Rebellion einsetzen will. Die ökologische Katastrophe beschäftigt und bedrückt mich schon lange. Als der Weltklimarat dann im Oktober 2018 den Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel veröffentlichte, war mir klar: Um zu überleben, müssen wir viel radikaler werden und den Irrweg des derzeitigen Systems verlassen. Kurz darauf erschien Extinction Rebellion auf der Bildfläche, und ich habe gewusst: Da gehöre ich hin!

Nein, wir sind nicht die nächste linksradikale Studentenbewegung. Wir sind nicht radikal, wir sind realistisch. Wenn wir ab 2020 nicht schaffen, das blinde, dekadente System umzubauen, dann wird unbeschreiblich viel Leid und Schmerz alles dahinraffen. Der Ökokollaps wird uns alle betreffen, deswegen schließen wir niemanden aus, wir wollen das Movement der Movements sein. Friedlich, respektvoll, freundlich. Gewaltfrei wie alle großen Bewegungen, Gandhi, Mandela. Der Holzwirt aus Tirol neben dem Rabbi neben der Studentin neben dem Hackler aus Simmering, Leute aus allen Parteien. Und alle lassen sich lächelnd wegtragen von der Exekutive. Weil alles auf dem Spiel steht und weil die Menschen zurückgelassen werden.

Alle sind bei uns willkommen, die gewaltfrei agieren, weil alles wurscht sein wird, wenn wir die ökologische Katastrophe nicht aufhalten. Aktuell sind wir rund 400, und ich, mit meinen Kärntner Wurzeln, freue mich über Zustrom aus den Bundesländern für die Aktionswoche ab 7. Oktober.

Ja klar, eine gewisse Opferbereitschaft haben wir alle. So lange, bis wir erreicht haben, dass Bürgerversammlungen (Citizen-Assembly) statt bestehender politischer Systeme installiert sind – der Ökokollaps ist größer als die Politik. Wir brauchen Fortschritt und Wandel aus der Zivilbevölkerung. Wir müssen verstehen, dass wir in Symbiose mit allen Lebewesen existieren, und wir müssen uns deshalb zusammentun. Es wird nicht alles zu retten sein, aber wir sind voller Hoffnung."

Julia (21), Psychologiestudentin

"Vor zwei Jahren habe ich intensiver begonnen, mich mit dem Klimawandel und seinen Folgen auseinanderzusetzen. Wie sehr wir durch Futteranbau für Tiere, die wir essen, die Treibhausemissionen weiter treiben und Ressourcen sowie Böden in anderen Ländern ausbeuten. Das trifft auf alle Bereiche zu, in denen wir nicht nachhaltig wirtschaften, ohne Blick nach links und rechts, ohne Blick auf unsere Zukunft. Tatsache ist für mich, dass der Planet, so wie wir ihn kennen, in ein paar Jahren nicht mehr existieren wird, wenn wir weitermachen wie bisher und weiter alle Ökosysteme zerstören. Und damit natürlich unsere Lebensgrundlage.

Mir ist klargeworden, dass Änderungen im Konsumverhalten von mir als Individuum zwar notwendig sind, aber nicht reichen. Es muss ein großer Systemwandel in Richtung Nachhaltigkeit passieren, und genau deswegen bin ich bei Extinction Rebellion. Dass mir bei Protesten Verwaltungsstrafen drohen, ist mir klar. Aber seit ich dabei bin und nicht mehr so ohnmächtig, geht es mir besser, bin ich glücklicher." (Text und Protokolle: Karin Bauer, 2.10.2019)