Strache 2017 auf Ibiza: "Schau, wenn sie die Zeitung wirklich übernimmt ...".

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Die schwarzhumorige Entschuldigung der "Krone" bei der FPÖ am Wahlabend schaffte es am Sonntag mit tausenden Likes und Retweets selbst in die deutschsprachigen Social-Media-Charts. "Sorry", twitterte der offizielle Account der "Kronen Zeitung" (@krone_at) am Abend der schweren FPÖ-Verluste die Ibiza-Szene und ein Zitat Heinz-Christian Straches aus dem bunten Abend in der Finca, wie die "Krone" Wahlergebnisse pusht.

Ibiza-Träume

"Wenn dieses Medium auf einmal uns pusht, dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34 Prozent", träumte Strache vor versteckten Kameras 2017 davon, dass eine russische Oligarchennichte die "Kronen Zeitung" übernimmt und "zack, zack, zack" auf FPÖ-Linie bringt.

"Sorry", twitterte die "Krone" am Wahlabend an die FPÖ.

Die "Krone" reagierte irritiert, auch wenn sie seit Jahrzehnten viele Themen und Zugänge mit der FPÖ teilt, und ging auf deutliche Distanz. Am Tag nach Bekanntwerden des Ibiza-Videos titelte sie mit "FPÖ am Ende!".

Am Sonntag verlor die FPÖ gegenüber ihrem Nationalratswahlergebnis 2017 8,7 Prozentpunkte, 17,3 Prozent sind es nun laut vorläufigem Endergebnis, noch ohne Wahlkartenstimmen.

Der Tweet dürfte nach – unbestätigten – STANDARD-Recherchen recht spontan in der Onlineredaktion entstanden sein, ohne tiefergehende Abklärung, ob das nun gerade exakt in die Blattlinie passt. Der Tweet – und vor allem das große Echo darauf – dürfte aber spätestens Montag auf Gefallen auch in den höheren Etagen gestoßen sein.

Wunde und Macht

Mit dem Tweet bohrt die "Krone" nicht allein in den Wunden der FPÖ, sie beansprucht auch wie eh und je ihren wesentlichen Einfluss auf das Wahlergebnis. Gegen die orkanartigen Spesenenthüllungen über Heinz-Christian Strache in den Tagen vor der Wahl hätte allerdings auch eine "Krone" nur schwer pushen können.

Aus dem 2017 herbeigeträumten "Krone"-Einstieg der angeblichen russischen Oligarchennichte wurde nichts. Dafür stieg Ende 2018 – über die Beteiligung der deutschen Funke-Gruppe – Immobilienmilliardär René Benko ein, der die Miteigentümerfamilie Dichand nachhaltig irritierte.

Das Ibiza-Video (in dem Strache auch über einen Besuch auf Benkos Yacht erzählt) passte im Mai 2019 gerade perfekt in den gerade gegen Benko ausgerufenen Kampf um "Unabhängigkeit" der "Krone" gegenüber Investoren mit Agenda. Benkos Nähe zu ÖVP-Chef Sebastian Kurz relativierte zumindest vorübergehend sogar die Begeisterung des Kleinformats für den Chef der Türkisen.

Schon gehört?

Friedensverhandlungen Benko/Dichand

Inzwischen laufen – DER STANDARD berichtetet bereits Anfang August – Verhandlungen zwischen den Dichands und Benko über einen Weg, wie sie künftig bei der "Krone" zusammenarbeiten und welche Vorrechte den Dichands bleiben. Bisher haben sie etwa das Sagen in der Redaktion und bei ihrer personellen Besetzung.

Klimaschutz am Wahlwochenende

Die "Krone" setzt – wie schon mehrfach seit Hainburg – unter Chefredakteur Klaus Herrmann verstärkt auf Grün-Themen, von Plastik-Sammelkampagne bis Klimaschutz. Am Samstag vor der Wahl, nach den Earth-Strike-Demos, titelte sie "Wir haben Angst um unsere Erde" und zeigte "Die Gesichter des größten Klimastreiks aller Zeiten" auf ihrer Titelseite.

Nur ein Thema hatte noch – relativ klein – Platz auf Seite eins am Samstag: "FPÖ-Skandal – Spesenaffäre: Mehr Schaden als Ibiza?" kündete das Kleinformat vom "Brodeln" bei der FPÖ.

"Krone"-Chefredakteur Herrmann erklärte im STANDARD-Interview nach dem Ibiza-Video: "Wir werden sicher noch behutsamer und vorsichtiger vorgehen und noch mehr abwägen. Das ist uns auch durch unsere Bestandsaufnahme über die ersten 60 Jahre bewusst geworden. Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten nicht genug mit uns selbst beschäftigt. Wir waren immer erfolgreich – und dieser große Tanker ist immer auf seinem Kurs weitergefahren. Jetzt muss man sicher Kurskorrekturen vornehmen, bedachter und bewusster und vielleicht auch noch anständiger sein."

Michael Jeannée, von "Politico" gerade als Auftragskiller ("Hitman") der Zeitung beschrieben, verteidigte Herrmann damals: "Michael Jeannée ist ein bei vielen Lesern sehr beliebter Kolumnist. Er repräsentiert durchaus nicht immer die Meinung der Redaktion – er ist Teil der Vielfalt der Meinungen der 'Krone'-Redaktion, wie sie im Impressum als Blattlinie steht. Ja, wir diskutieren über Inhalte, und er geht auch noch einmal in sich und dreht noch eine Runde über seiner Kolumne. Und ja, ich teile nicht immer seine Einschätzungen. Aber er ist ein wichtiger Bestandteil der 'Krone'." (fid, 30.9.3019)