Fotos mit den Größen der Partei. Die Ausstellung "70 Jahre Volksrepublik China" soll aber vor allem Präsident Xi Jinping (re.) huldigen.

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Peking wirbt in der Ausstellung mit seiner neuen Führungsrolle, etwa bei Waffentechnik und Raumfahrt ...

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... sowie bei der künstlichen Intelligenz, in der Entwicklung modernster Kommunikation, beim Bahnverkehr oder bei weltumspannenden Initiativen wie der "Neuen Seidenstraße".

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Vier goldfarbene Schriftzeichen stehen über dem roten Eingangsportal: "Zouxiang Fuxing" ("Weg zur nationalen Wiedergeburt"). In der Pekinger Großausstellung "70 Jahre Volksrepublik China" werden vor allem die Erfolge der letzten sieben Jahre bis 2019 glorifiziert – seitdem ist Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping an der Macht.

Unter ihm, so die subtil vermittelte Botschaft, komme Peking überall eine neue Führungsrolle zu, ob bei der künstlichen Intelligenz, in der Entwicklung modernster Kommunikation, beim Bahnverkehr, bei Waffentechnik und Raumfahrt oder bei weltumspannenden Initiativen wie der "Neuen Seidenstraße". Die Welt bewundere China und buhle um die zweitgrößte Wirtschaftsmacht.

ORF-Korrespondent Josef Dollinger hat die Parade in Peking beobachtet.
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Bilder von Xi zusammen mit Barack Obama, mit Europas Wirtschaftsführern, mit Russlands Präsident Wladimir Putin werden gezeigt. Nur Donald Trump fehlt trotz vieler Begegnungen. Im erbitterten Handelskrieg mit den USA ist nicht ausgemacht, was Xi und Trump noch verbindet. Zumindest scheint es nicht so viel zu sein, dass es für ein Foto reicht.

Patriotismus

Das ist nicht das einzige Manko der gigantischen Ausstellung, deren Bedeutung nicht nach außen, sondern nach innen zielt und den Patriotismus der Chinesen wecken soll.

Alles, was in den sechs Jahrzehnten vor Xis Machtübernahme in China passierte, von den Anfängen unter Staatsgründer und Kulturrevolutionär Mao bis zum Umschwung unter Reformer Deng Xiaoping, dient in der Ausstellung dazu, den Auftritt von Xi im aktuellen Schlussakt in noch glänzenderes Licht zu rücken. Er verwirklicht, was alle vor ihm immer nur erreichen wollten. 2017 setzte Xi dafür in der Partei durch, dass er sein Amt auf Lebenszeit ausüben darf.

Die neue Ausstellung, besonders die personenkultähnliche Ein-Mann-Show, die sie über Xis Handlungen seit 2012 inszeniert, unterteilt die 70-jährige Entwicklung der Volksrepublik in eine Zeit vor und eine nach Xis Amtsantritt. Früher wurden andere Vergleiche gezogen, trennte die Zäsur in ein China "vor und nach der Befreiung 1949". Später wurde daraus "vor und nach der Reform und Öffnung 1979".

80-minütige Militärparade

Nun ist es die "neue Ära des Sozialismus" unter Xi, der damit China wieder zur Weltmacht werden lässt, verkündet täglich die Propaganda. Am Dienstag wird der 65-Jährige vor aller Welt dafür auch die neuen militärischen Muskeln seiner Armee demonstrieren. 15.000 Mann werden in einer 80-minütigen Militärparade marschieren, die zugleich 160 Flugzeuge und 580 Waffensysteme vorstellt. Peking hat verraten, dass es bereit ist, State-of-the-Art-Ausrüstung zu enthüllen.

Enttäuscht werden alle, die sich von Chinas Führung die Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit erhoffen. Das Gegenteil ist der Fall. Parallel zur Ausstellung erschien diese Woche auch eine neue offizielle Darstellung zur Geschichtsschreibung Chinas für die 70 Jahre von Oktober 1949 bis September 2019. Autoren sind die ZK-Forschungsinstitute für Parteigeschichte und Dokumente. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichte diese Chronik auf 53 Seiten.

Alte Sprache der Dogmatiker

Vor dem Hintergrund der Unruhen in Hongkong, der schwierigen Wirtschaftsprobleme in China selbst, des zermürbenden Handelskriegs mit den USA und des Widerstands gegen die Reideologisierung des Landes durch Xi fällt Peking in die alte Sprache seiner Dogmatiker zurück. So wird etwa die blutige Niederschlagung der Studentenunruhen vom 4. Juni 1989 durch die Armee wieder als "Befriedung eines konterrevolutionären Aufruhrs in Peking" gerechtfertigt. Maos mörderische Massenkampagnen werden völlig verschwiegen oder relativiert. So wurden mehr als eine halbe Million chinesischer Intellektueller und Wissenschafter in der Anti-Rechts-Bewegung Maos nach 1957 verfolgt, jahrelang strafverbannt und Unzählige in den Selbstmord getrieben. Die Partei selbst verurteilte Jahre später ihre verhängnisvolle Politik und ließ alle Opfer rehabilitieren. Nun schreibt sie: "Der Gegenschlag gegen die Rechtselemente war korrekt und notwendig. Er wurde nur schwerwiegend übertrieben."

Verschwiegen werden auch die einst vonseiten der Partei eingestandenen zehn Millionen Opfer, (es waren mindestens 30 Millionen), die wegen Maos Volkskommunenwahnsinns 1960 verhungerten. Ungenannt bleiben auch die offiziell genannten 100 Millionen Verfolgten und drei Millionen Getöteten, die Opfer von Maos zehnjähriger Kulturrevolution wurden. Hinter der Geschichtsverfälschung steckt Kalkül. Chinas Führer sprechen sich nach 70 Jahren von jeder vergangenen Schuld frei und wollen unbelastet und selbstherrlich den Weg des Landes in die Zukunft bestimmen. Debatten nicht erwünscht.

Proteste in Hongkong

In der Sonderverwaltungszone Hongkong fanden die Feierlichkeiten unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Abgeriegelt von der Öffentlichkeit verfolgten geladene Gäste im Messezentrum eine Zeremonie, die in die geschlossenen Räume übertragen wurde. Eine Ehrengarde hisste die Nationalflagge an der goldenen Bauhinien-Statue, einem Wahrzeichen der früheren britischen Kronkolonie. Zwei Hubschrauber mit einer großen chinesischen und einer kleineren Hongkonger Fahne flogen über den Hafen entlang der Hongkonger Skyline.

Hubschrauber überflogen Hongkong mit einer großen chinesischen und einer kleineren Hongkonger Fahne.
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Indessen zogen trotz eines Demonstrationsverbots tausende Menschen zu einem Protestmarsch für Demokratie und Menschenrechte durch die Stadt und skandierten "Freiheit für Hongkong". Viele versteckten ihre Gesichter auf dem Weg durch die Innenstadt hinter Masken. Auch die Hymne der Protestbewegung wurde angestimmt. Vor dem Hongkonger Regierungs-Hauptgebäude soll die Lage dann eskaliert sein und die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Die Demonstranten fordern eine unabhängige Untersuchung von Polizeigewalt bei den seit fünf Monaten andauernden regierungs- und pekingkritischen Protesten, eine Amnestie für die mehr als 1.500 bisher Festgenommenen, eine Rücknahme der Einstufung ihrer Proteste als "Aufruhr" sowie freie Wahlen. (Johnny Erling aus Peking, red, 1.10.2019)