Überlebt der Euro den nächsten Sturm, oder geht er unter?

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Sie pumpt immer mehr Geld in Anleihenkäufe und senkt die Zinsen noch tiefer in das negative Terrain. Doch das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht, sagt der Ökonom Rahim Taghizadegan. Er rechnet mit der Einführung von Digitalwährungen. Denn wenn Negativzinsen nicht nur real, sondern auch nominell die Sparguthaben entwerten, droht ein Run der Sparer auf die Banken. Und das privat gebunkerte Bargeld können die Notenbanken nicht steuern. Taghizadegan warnt, dass die Maßnahmen die Vermögenspreise immer weiter antreiben.

STANDARD: Elf Jahre nach dem Lehman-Kollaps verstärkt die Europäische Zentralbank den Krisenmodus. Mit welchen Effekten rechnen Sie?

Taghizadegan: Der Nullzins ist eine gewisse Sackgasse. Der wichtigste geldpolitische Hebel der Zentralbanken ist ausgeschöpft. Darum werden kreativere Maßnahmen ergriffen.

STANDARD: Sie meinen Anleihenkäufe und dergleichen?

Taghizadegan: Das ist eigentlich schon ein alter Hut. Jetzt geht der Trend in Richtung Digitalwährung und anderer Optionen. Ein Hinderungsgrund für die Einführung von Negativzinsen ist das Bargeld. Reale Negativzinsen sind ja schon lange da. Aber bei nominellen Negativzinsen könnten die Bürger ihr Erspartes von den Banken abziehen. Das gilt vor allem für Regionen, die nicht so anlageaffin sind. Das Abziehen von Einlagen würde die Banken ordentlich unter Druck setzen. Bargeld ist ein barbarisches Relikt. Es ist der Ausdruck für frei übertragbare Vermögenswerte, ohne Formulare, ohne Kontrolle.

Das Abziehen von Geldern würde Banken ordentlich unter Druck setzen, sagt Taghizadegan.
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STANDARD: Was wird mit Digitalgeld bezweckt?

Taghizadegan: Digitales Geld würde Dinge erlauben, die gern als Helikoptergeld bezeichnet werden. Gutschriften auf digitalen Wallets hätten auch den Anstrich einer gewissen Coolness. Das könnte man gleich mit einem Grundeinkommen verbinden.

STANDARD: Aber ist das nicht ein Widerspruch? Einerseits gibt es dann wegen negativer Nominalzinsen weniger auf dem Konto, andererseits sprechen Sie von Gutschriften.

Taghizadegan: Die beiden Systeme könnten parallel nebeneinander bestehen, mit einem Wechselkurs, der gesteuert oder manipuliert wird – je nachdem. Dazu gibt es auch ein Papier des Internationalen Währungsfonds. Einerseits soll der Negativzins zu mehr Kreditvergabe führen. Die direkte Schöpfung von Geld in Form von Anleihenkäufen oder auch Helikoptergeld würde über die Digitalwährung erfolgen.

STANDARD: Begünstigt billiges Notenbankgeld Vermögende?

Taghizadegan: Wir haben einen Wohlfahrtsstaat für Reiche. Das hat schon in der Finanzkrise begonnen. Das ist nicht die Intention, aber die Folge. Anleger nehmen günstiges Geld auf, investieren aber nicht in Güter, sondern in Carry-Trades. Sie legen das Geld also in Staatsanleihen anderer Länder mit höheren Zinsen an. Je vermögender jemand ist, desto mehr Kredit bekommt er und desto größer sind Hebel und Rendite. Das ist genau das Gegenteil der Intention, Investitionen in die Realwirtschaft anzukurbeln. Tatsächlich wird Geld aus ihr abgezogen.

Geld her oder es kracht ist soeben erscheinen.
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STANDARD: Hat diese Entwicklung schon zu Preisblasen geführt?

Taghizadegan: Ja, man spricht schon von der Alles-Blase, weil alle Finanzassets korreliert sind. Somit gibt es ein Klumpenrisiko, selbst wenn die konservativste Anlageform gewählt wurde.

STANDARD: Das heißt, wenn eine Blase platzt, platzen alle Blasen?

Taghizadegan: Ja, und man kann sich schwer schützen. Das ist auch der Grund für die Explosion der Kryptowerte in Asien. Unmengen an Geldern suchten eine Veranlagungsform, die nicht mit anderen Assetklassen korreliert waren.

STANDARD: Wie wahrscheinlich ist dieses Crash-Szenario?

Taghizadegan: Es gibt auch das japanische Szenario, also eine Dauerkorrektur, die eingefroren ist. Den Japanern geht es einigermaßen gut, aber vor der Nullzinspolitik waren sie der Referenzpunkt der Innovation. Selbst amerikanische Unternehmen haben sich vor Japan gefürchtet. Das hat dramatisch abgenommen. Hier sieht man die Phänomene von 20 Jahren Zombifizierung der Wirtschaftsstruktur. Das führt zu einer gewissen Sinnleere. Junge Leute haben kein Interesse an Erwerbstätigkeit mehr, an Fortpflanzung, die Selbstmordrate ist hoch. Es kommt nichts Neues hervor. Ich glaube nicht, dass dieses Modell auf Europa umgelegt werden könnte. In Japan wird Hierarchie akzeptiert, selbst wenn man Sinnloses tut.

STANDARD: Was soll die EZB tun?

Taghizadegan: Die Geldpolitik erhöht die Ungleichheit. Gleichzeitig kommt die Mitte unter Druck. Es wäre an der Zeit zuzugeben, dass die Instrumente erschöpft sind. Das Problem ist, dass die Märkte darauf scharf reagieren können, aber das wäre verkraftbar. Es handelt sich um eine Korrektur der Vermögenswerte, die lösen sich ja nicht in Luft auf. Die Hoffnung ist, dass sich eine bessere Verwendung des Kapitalstocks ergibt, wenn diese dramatische Aufblähung überwunden wird. Im ersten Wiener Bezirk könnten sich dann nicht nur Anwälte und Luxusshops die Mieten leisten, sondern lokale Unternehmen. (Andreas Schnauder, 3.10.2019)