Der Bauer von heute kann seine Kühe lückenlos überwachen. Möglich macht das eine maßgeschneiderte Vernetzungstechnologie: Sensorchips an den Beinen erfassen Bewegungsmuster, die Krankheit oder Brunst verraten können. Als Ohrmarke oder Halsband verpackt können Chips über das Wiederkäuen Auskunft geben – auch das eine Datenquelle zum Gesundheitszustand. Eine Sensorkapsel, verschluckt, im Pansen der Tiere, dokumentiert PH-Werte, Temperatur und Trinkverhalten; ein Sensor am Schwanz einer trächtigen Kuh schlägt Alarm, sobald die Geburt einsetzt.

Totalüberwachung

Die Digitalisierung hat Stall und Nutztiere erreicht – die Schlagworte dazu lauten Smart Farming oder Precision Farming. Einerseits bringt die Technologie Vorteile für die Tiergesundheit: Man erkennt auch in unübersichtlichen Herden schneller, wenn ein Tier krank ist, nicht mehr richtig frisst, sich agressiv verhält. Das lässt sich wirtschaftlich darstellen. Auf der anderen Seite markiert die Technologie den nächsten Schritt in der Industrialisierung der Landwirtschaft: Die Verfügbarkeit von biologischen Funktionsdaten zu jedem einzelnen Tier zieht die Effizienzschraube, in der die Tiere stecken, noch mehr an. Manchen Beobachter beschleicht angesichts der Totalüberwachung ein ungutes Gefühl. Ist die Technologie auch für die Tiere eine gute Entwicklung? Was heißt all das aus tierethischer Sicht?

Sensoren an und in den Tieren schicken unterschiedliche Daten zu ihren Basisstationen: Der Aufenthaltsort wird per Satellitennavigation oder durch die Laufzeitmessung von Funksignalen eruiert. Beschleunigungssensoren geben Auskunft über Bewegungsmuster des Tiers und einzelner Körperteile wie Ohren, Kopf oder Schwanz. Aus dem Tiermagen kommen neben Bewegungsdaten Zeitreihen zu Temperatur und PH-Wert der Magensäure.Mit der Messung ist es nicht getan: Es braucht ausgeklügelte Auswertungsstrategien, um aus den Rohdaten relevante Information über das Befinden des Tiers abzuleiten. Machine-Learning-Algorithmen lernen, aus den Daten Muster zu extrahieren – Muster, die auf Brunst, bevorstehende Kalbung oder Krankheit hindeuten, ermöglichen es, die individuelle Behandlung und Fütterung der Tiere zu verbessern.
Foto: Getty Images/Marek Wykowski

Wenige Wissenschafter beschäftigen sich mit der Frage, was die Digitalisierung für Tiere bedeutet. Einer von ihnen ist Christian Dürnberger. Er arbeitet an der Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung des Messerli-Forschungsinstituts der Vetmeduni Wien; auf Fragen der Ethik in Landwirtschaft und Veterinärmedizin ist er spezialisiert.

"In der Ethik wird seit Jahrtausenden danach gefragt, welchen moralischen Umgang wir unseren Mitmenschen schulden. Tiere galten die längste Zeit nur so viel wie Gegenstände", sagt Dürnberger. Erst im 19. Jahrhundert schlug mit dem Philosophen Jeremy Bentham das Denken eine neue Richtung ein. Bentham machte die Frage, ob wir einem Wesen moralisches Handeln schulden, nicht mehr davon abhängig, ob dieses Wesen zu Vernunft fähig ist. Sondern davon, ob es leidensfähig ist.

Haben Tiere Rechte?

Was wir Tieren schulden – zudieser Frage gibt es heute drei grundlegende Positionen, sagt Dürnberger. Die erste Position geht davon aus, dass Tiere Rechte haben und dass es unmoralisch ist, Tiere zu nutzen. In dieser Postion erübrigt sich die Frage, wie sich die Nutzung von Tieren durch Technologie verbessern lässt. Sehr wohl relevant für die Frage, was eine digitalisierte Landwirtschaft in Zukunft bringt, sind die beiden anderen Positionen, die von der Unterscheidung zwischen Tierschutz und Tierwohl ausgehen.

Kein leidensfähige Wesen will leiden. Die zentrale Forderung des Tierschutzes ist also seit Bentham, dass man Tieren das Leiden ersparen solle. "Wenn eine Technologie für bessere Tiergesundheit sorgt, und das ist bei den Smart-Farming-Anwendungen sicher der Fall, ist das aus der Sicht des Tierschutzes sehr interessant", sagt Dürnberger. "Denn in dieser Hinsicht lässt sich eine wesentliche Verbesserung erzielen. Es kommt zum Beispiel noch oft vor, dass eine Erkrankung bei Nutztieren übersehen wird, Geld für eine Behandlung fehlt und es geschlachtet werden muss."

Die Forderung nach Tierwohl geht weit über Tierschutz hinaus. Nach Definition des "Farm Animal Welfare Councils" soll das Tier frei von Hunger, Durst, haltungsbedingten Beschwerden, Angst und Stress sein. Es soll die Freiheit zum Ausleben angeborener Verhaltensweisen haben. "Auch Tiere haben individuelle Vorlieben. Kühe fressen etw gerne gemeinsam mit bestimmten Artgenossen, Freunden sozusagen. Hat man mehr Daten über die Tiere, könnte man theoretisch auch hier etwas tun", sagt Dürnberger. "Ich bin aber sehr skeptisch, dass die Digitalisierung im Stall tatsächlich zu größerem Tierwohl führen wird."

Ist das ungute Gefühl angesichts der "gläsernen" und totalüberwachten Kuh verständlich? "Das Gefühl mag greifbarer werden, wenn man an einen Hund denkt, den man als Clown schminkt. Der Hund mag kein negatives Empfinden dazu haben. Dem Menschen sagt eine moralische Intuition aber vielleicht, etwas Falsches zu machen", so Dürnberger. "Es ist die absolute Verdinglichung des Tieres, die Unbehagen auslöst." Die Tierwürde – ein umstrittener Begriff – liegt immer im Empfinden des Menschen begründet.

Im Stall der Zukunft

Sind wir also mit der Technologisierung der Landwirtschaft erneut drauf und dran, Tiere wie Gegenstände zu behandeln? Dürnberger: "Die permanente Kontrolle bringt in Sachen Tiergesundheit viel. Zugleich zeigt sie, dass das Tier als bloße Ressource wahrgenommen wird." Das Problem wird klar, wenn man die Sache in die Zukunft weiterdenkt. "Was ist, wenn in einem automatisierten Stall der Zukunft nicht mehr der Bauer, sondern Algorithmen entscheiden, ob sich die Haltung eines Tiers noch lohnt, oder ob es geschlachtet werden soll?" (Alois Pumhösel, 3.10.2019)

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