Arbeitsbedingungen in Bangladesch sind miserabel. Hängt Österreichs Wohlstand von Ausbeutung ab?

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Nein, wir sind nicht reich, weil wir andere ausbeuten. Auch wenn das viele Menschen nicht ganz ohne Grund denken. Denn Europa hat den Rest der Welt über sehr lange Zeit ausgebeutet, und auch heute passiert das zum Teil noch. Österreich ist sehr reich, weil es innovativ ist und die Ideen anderer rasch imitiert werden. Der wirtschaftliche Fortschritt von Gesellschaften beruht auf neuen Einfällen und der erfolgreichen Nachahmung anderer. Darauf, dass die Wirtschaft seit 200 Jahren im Schnitt jedes Jahr um zwei Prozent wächst.

Die Vorstellung, dass es auf der Welt nur einen wirtschaftlichen Kuchen zu verteilen gibt und die eine nur mehr davon hat, wenn der andere keinen bekommt, ist ein Relikt aus einer Zeit ohne technischen Fortschritt, in der das tatsächlich so war. Dass Österreichs Wirtschaftsleistung um zwei Prozent wächst, verhindert nicht, dass jene Ghanas auch um zwei Prozent wächst.

Im Gegenteil: Wenn Unternehmen hierzulande Technologien entwickeln, die in Accra eingesetzt werden, kann das auch dort das Wachstum anschieben und umgekehrt. Österreich ist ein gutes Beispiel, weil es keine großen Bodenschätze wie Öl hat, die man einfach verkaufen könnte. Denn es gibt auch Länder wie etwa Saudi-Arabien, die nicht durch Ideen wohlhabend wurden. Österreich hat davon kaum etwas und ist trotzdem unfassbar reich.

Hochautomatisierte Fabriken

Aber sind wir nicht deshalb reich, weil die Menschen etwa in Bangladesch niedrige Löhne haben? Wir profitieren vom Handel, aber das trifft auch auf Bangladesch zu. Viele Frauen arbeiten in Fabriken und haben so die Chance, selbstbestimmter zu leben. Das T-Shirt wäre nicht viel teurer, wenn die Löhne dreimal so hoch wären, sie machen nur einen kleinen Teil des Preises aus.

Wenn die Löhne steigen und Bangladesch reicher wird, profitieren wir von Innovationen von dort und können mehr Handel betreiben. So wie das gerade mit China passiert, die Löhne sind stark gestiegen. Österreichs Exporte nach China betragen im Jahr schon vier Milliarden Euro, und wir können billigere Solarpaneele importieren.

Die Arbeitsbedingungen in Bangladesch sind noch mies, aber man kann sie nicht mit denen in Österreich, einem der reichsten Länder der Welt, vergleichen. Man muss die Optionen in Betracht ziehen, die es vor Ort sonst gibt. Ein Land baut nicht von heute auf morgen eine Wirtschaft mit gutbezahlten Jobs auf – in Österreich war das auch ein langer Prozess, der bis heute weiterläuft.

Und wenn die Löhne in Bangladesch und anderen ärmeren Ländern steigen – was sie vielerorts tun -, werden neue Ideen entwickelt. Das passiert bereits, siehe hochautomatisierte Fabriken.

Aber sind wir nicht deshalb reich, weil Europa den Rest der Welt kolonialisiert hat? Viele Menschen in Europa haben viel Geld mit dem Handel von Sklaven oder Zucker verdient. Städte wie Amsterdam, Liverpool oder Madrid boomten, sie profitierten stark.

Die Urbanisierung ist in Ländern mit Zugang zum Atlantikhandel viel stärker gestiegen als in Ländern ohne. Europäer haben Millionen Menschen ermordet, vertrieben, versklavt und über den Atlantik verschifft und sich Land genommen, das ihnen nicht zustand. Besitzer von Plantagen, Händler, Beamte und Unternehmer haben gut verdient.

Diese Ausbeutung ist aber nicht die zentrale Grundlage des heutigen Reichtums. Der basiert auf der industriellen Revolution, einer fundamentalen Veränderung der Art und Weise, wie gewirtschaftet wurde. Darauf, dass plötzlich immer neue Ideen entwickelt wurden. Fortschritt statt Stagnation.

Enge Verbindung

Es gibt aber eine enge Verbindung. Die industrielle Revolution basierte etwa unter anderem auf dem Textilsektor, der sich mit Baumwolle aus Plantagen in Nordamerika speiste, die mit Sklaven arbeiteten. Schon Karl Marx schrieb: "Ohne Sklaverei keine Baumwolle und ohne Baumwolle keine modernde Industrie."

Hatte er recht? War die Sklaverei für die industrielle Revolution zentral? Nein, schreibt der Stanford-Historiker Gavin Wright in einer neuen Zusammenfassung der Literatur. Im Süden der USA hätte man ohne Sklaverei genauso viel oder sogar noch mehr Baumwolle ernten können. Klar ist aber, dass etwa England und Europa vom Atlantik-Handel stark profitierte.

Industrieprodukte wurden im Tausch gegen Sklaven nach Afrika verkauft. Die wurden in Amerika und der Karibik zu Geld gemacht. Von dort brachten Händler Baumwolle oder Zucker nach Europa und verkauften sie.

Die Profite flossen in die Wirtschaft. Der Historiker Patrick O'Brien schätzt, dass etwa sieben Prozent der Investitionen Englands zu der Zeit so finanziert wurden. Auch als Absatzmarkt waren die teils ehemaligen Kolonien wichtig.

Es besteht also ein klarer Zusammenhang. Profite und Nachfrage aus dem Ausland halfen, reichten aber nicht. Am Ende waren die Institutionen zentral, die es Österreich ermöglichten, innovativ zu sein, Ideen nachzuahmen und lokal zu adaptieren.

Die europäische Geschichte ist mitunter eine dunkle, und Ausbeutung gab es damals und gibt es heute. Sie ist aber nicht der Grund, warum Österreich heute so reich ist und war wohl auch nicht entscheidend für die industrielle Revolution. (Andreas Sator, 5.10.2019)