Vielen Betroffenen raubt ihr Tinnitus den Schlaf. Helfen könnte ein sanftes Rauschen im Ohr, zeigt eine neue Studie.

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Viele kennen es, dieses Piepsen im Ohr, wenn man Zeitung liest oder im Bett liegt. Meistens ist das Geräusch ganz harmlos und verschwindet so schnell, wie es gekommen ist. Manchmal jedoch, etwa nach einem lauten Rockkonzert oder einem Hörsturz, bleibt es länger, in einigen Fällen sogar das ganze Leben. Dann sprechen Fachleute von einem Tinnitus.

Gesicherte Zahlen, wie viele Menschen in Österreich davon betroffen sind, gibt es nicht, Schätzungen zufolge kennen 800.000 kennen das Phänomen Ohrgeräusch. Circa ein Prozent der Bevölkerung empfindet das Ohrgeräusch als wirkliche Belastung. Diese Menschen haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, und können in der Nacht schlecht schlafen. In schlimmen Fällen erleiden sie sogar eine Depression.

Meist wirken psychische und physische Ursachen zusammen und erzeugen das Geräusch im Ohr, weiß der Arzt Johannes Schobel. In sein "Tinnituszentrum" in St. Pölten kommen beispielsweise Patienten, die Stress bei der Arbeit haben. Wieder andere haben Kränkungen erlitten, eine Trennung hinter sich oder müssen den Verlust einer geliebten Person verkraften. Auslöser können auch Probleme in der Halswirbelsäule und im Kiefergelenk sein.

Wie Tinnitus entsteht

Zur Entstehung von Tinnitus gibt es verschiedene Theorien. Die deutsche Biologin Marlies Knipper – eine der wenigen, die zum Thema forschen – setzt bei den "Fasern für leise Geräusche" im Innenohr an. Diese Fasern sorgen für einen Grundpegel an Geräuschen, auch wenn es relativ leise im Raum ist. Sind sie defekt, hört man diese Umgebungsgeräusche nicht mehr, und es entsteht ein Phantomgeräusch, der Tinnitus. Die Fasern für leise Geräusche werden im Alter schwächer, was eine mögliche Erklärung dafür sein könnte, dass auch Altersschwerhörigkeit ein Auslöser für den unangenehmen Ton ist.

Die häufigste Therapie für akuten Tinnitus ist Cortison. Bei vielen Patienten schlage sie allerdings nicht an, sagt Schobel. Sie würden dann meist nach Hause geschickt, und "ihnen wird gesagt, dass sie lernen müssen, mit dem Tinnitus zu leben. Aber das können sie nicht."

Ein sanftes Rauschen

Der Arzt behandelt Betroffene mit einer neuartigen Methode. Dabei wird ein Gerät, ein sogenannter Noiser, in ein Hörgerät integriert. Das Hörgerät sorgt dafür, dass auch die leisen Geräusche wieder gehört werden. Der Noiser wiederum erzeugt ein sanftes Rauschen, das den nervigen, hohen Tinnituston ausgleichen soll. Oder aber der Noiser stimuliert die Hörfasern für leise Geräusche, wie es die Biologin Marlies Knipper erklärt.

Das Rauschen lässt sich auch auf die jeweilige Tinnitusfrequenz regulieren. Nach einiger Zeit nehmen es die Patienten nicht mehr wahr, weil sie sich daran gewöhnt haben. Und im Idealfall hören sie nach einer Zeit auch den Tinnitus nicht mehr. "Wie schnell Patienten darauf anspringen, ist unterschiedlich", erklärt Schobel. "Bei manchen geht es ganz schnell. Andere sind sehr zäh. Ich habe Patienten, die den Noiser noch nach fünf Jahren tragen, das wäre eigentlich gar nicht das Ziel, aber sie sagen, ohne den Noiser würden sie es nicht aushalten."

Nachweise der Wirkung

Die Therapie ist eine Privatleistung. Der Ersttermin bei Schobel kostet 150 Euro, die Noiser-Therapie pauschal 220 Euro. Die Geräte selbst gibt es ab 1000 Euro. Die Krankenkasse zahlt pro Hörgerät einen Zuschuss von rund 800 Euro.

Wissenschaftlich erforscht wurde die Methode bisher kaum. Kürzlich wies allerdings eine Tierstudie ihre Wirksamkeit nach. Neurobiologen der University of Pittsburgh beschallten eine Gruppe von Mäusen unmittelbar nach einem Schalltrauma sieben Tage lang mit akustischem Rauschen. Lediglich zwölf Prozent der so behandelten Nager entwickelten Tinnitus. In der Kontrollgruppe war es hingegen rund die Hälfte. Neurowissenschaftler des Universitätsklinikums Erlangen erforschen derzeit, ob die Ergebnisse auch für Menschen gelten können.

Als Soforthilfe gegen akuten Tinnitus rät Schobel zu speziellen Smartphone-Apps. Sie erzeugen angenehme Geräusche wie Bachplätschern, Vogelgezwitscher oder auch ein Meeresrauschen. Die Empfehlung lautet, sie in ruhigen Momenten zu aktivieren. Denn dann stört der Tinnitus eben besonders. (Lisa Breit, 9.10.2019)