Wie gesund ein Land und seine Menschen sind, ist nicht die Summe dessen, was jeder einzelne Bewohner für seine Gesundheit leistet, sondern das Resultat von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – und insofern das Ergebnis von politischen Entscheidungen.

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Menschliche Gehirne mögen einfache Wahrheiten. "Mit Rotwein gegen Demenz" wäre so eine Message. Auch all jene, die Pilze essen, könnten den geistigen Abbau aufhalten, wurde in englischen Boulevard-Blättern auf Titelseiten gedruckt. Das ist simpel, einfach, "aber alles vollkommener Unsinn", wetterte Martin McKee, Professor für Public Health an der London School of Economics, in seinem Vortrag darüber, wie disruptiv mangelndes Wissen im Gesundheitsbereich sein kann.

Solch simplizistische Aussagen werden zudem meistens durch irgendwelche Studien belegt. Die seien dann sicher missinterpretiert, "und wer macht sich schon die Mühe, Daten und Zahlen zu hinterfragen". Deshalb seien Laien im 21. Jahrhundert nur scheinbar oder eben sogar falsch informiert.

McKee ist ein Stammgast beim European Health Forum Gastein (EHFG), wo sich jedes Jahr im Herbst die führenden Gesundheitsexperten Europas treffen, um über anstehende Herausforderung zu sprechen und innovative Lösungen zu erarbeiten. Was allen auf dem Kongress trotz schlechten Wetters sonnenklar ist: Wie gesund ein Land und seine Menschen sind, ist nicht die Summe dessen, was jeder einzelne Bewohner für seine Gesundheit leistet, sondern das Resultat von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – und insofern das Ergebnis von politischen Entscheidungen.

Fake-News als Lauffeuer

In Zeiten von Social Media können sich Falschmeldungen jedenfalls wie ein Lauffeuer verbreiten. Stichwort Impfgegner. "A healty dose of disruption" war deshalb auch ein sehr passender Titel, unter dem auch Fake-News diskutiert wurden. Dass Rotwein Demenz stoppt, liest man gerne (und schenkt sich ein Glas ein), nur stimmt es eben nicht.

"Well-Being" war ein Begriff, den am EHFG heuer die finnischen Experten für Public Health in die Diskussion brachten. Was in den Ohren Deutschsprachiger ein klein wenig wie Wellness oder Kuraufenthalt klingt (Gastein ist um diese Jahreszeit voll mit Kurgästen aller Art), ist jedoch ein ziemlich griffiges Konzept, mit dem sich Europa nicht nur von anderen abgrenzen, sondern auch eine eigene Identität im globalen Kontext erobern könnten.

"Ein Raum, in dem sich Menschen sicher, gut aufgehoben und im Krankheitsfall versorgt wissen", definierte es Esko Aho, ehemaliger finnischer Premierminister und heute CEO der Beratungsfirma Verbatum. Finnland hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft und damit eine führende Rolle inne, Aho will Gesundheit vor allem auch durch wirtschaftliche Aktivitäten im EU-Raum besser als bisher verankert sehen.

Ressource besser nutzen

"Wenn es den Leuten nicht gutgeht, läuft die Wirtschaft schlecht – und umgekehrt", sagte er und forderte vor allem Weitsicht. "Aus Geschichte lernt man nichts, sie straft aber", zitierte er einen russischen Freund. Europas größtes Problem seien vor allem die sinkenden Geburtenraten. "In 40 Jahren werden die Kinder, die heute geboren werden, für sehr viele alte Menschen aufkommen müssen", sagte er und verdeutlichte sein Argument mit der steigenden Lebenserwartung der Menschen, die dann durchschnittlich vielleicht schon 90 Jahre alt werden.

"Ältere Menschen sind eine Ressource, die unsere Gesellschaft besser nutzen sollte", sagt er und meint die Möglichkeit, länger in Beschäftigungsverhältnissen bleiben zu können. "Personalisierung ist nicht nur in der Medizin, sondern auch in den Beschäftigungsverhältnissen in einer alternden Gesellschaft ein drängendes Thema."

Das zeichnet sich auch bereits ab. Die Pflege alter Menschen ist in vielen Ländern der EU ein großes Problem, das sich in den nächsten Jahrzehnten nur noch massiv verschärfen wird. Politik sollte für Jahrzehnte vorauszudenken. "Menschen denken leider viel zu linear und treffen Entscheidungen eher immer rückwärtsgewandt als zukunftsorientiert", merkte er an.

Gemeinsame Anstrengungen

Es müsse, so Aho, eine "Economy des Wellbeing" (Ökonomie des Wohlfühlens) entstehen. Dafür müsse man Kriterien finden, denn wenn man sich weiter nur in der Planung nach dem zahlenorientierten Bruttonationalprodukt richtet, stagniere die Entwicklung. Zudem habe die Digitalisierung auch gerade erst begonnen, sie aktiv und für die Bevölkerung positiv zu gestalten kann nur durch gemeinsame Anstrengungen gehen.

Für eine nachhaltige und gesunde Entwicklung entscheidend seien folgende Punkte:

  1. Aus Well-Being Businessmodelle machen
  2. Produktivität im Wirtschaftsraum halten, damit es Arbeit im Land gibt
  3. Digitalisierung als Innovationsmotor nutzen, "Technologie hat schon immer alle Bereiche der Gesellschaft verändert, man muss sich darauf einstellen und aktiv gestalten", so Aho.
  4. Weniger linear denken und viel stärker und besser über bekannte und unbekannte Risikofaktoren in der Zukunft nachdenken
  5. Gemeinsame Wertekataloge finden, um das duale Prinzip von Siegern und Verlierern überwinden zu können ("shared value thinking")
  6. Den privaten und öffentlichen Sektor nicht als Gegner, sondern als Gemeinschaft denken, weil "saving the world is great business"
  7. Weniger in standardisierten als in individualisierten virtuellen Prozessen denken
  8. Das alte Prinzip von "mehr ist besser" über Bord werfen und über den richtigen Zeitpunkt für Leistungen nachdenken
  9. Keine gesellschaftlichen Gruppen, so gesellschaftlich unterprivilegiert sie auch sein mögen, vernachlässigen. Denn Ausgegrenzte wie etwa Obdachlose verursachen auf lange Sicht mehr Kosten als eine adäquate Versorgung, dazu gibt es viele Studien.
  10. Die Klimakrise, auch das prognostizierte Aho, wird viele gesundheitliche Folgen für jeden Einzelnen und folglich auch für alle Länder Europas haben, auch da gilt es vollkommen neue Konzepte der Bewältigung zu finden. Auch sie müssen außerhalb des Gesundheitsbereiches getroffen werden.

Die Public-Health-Community ist sich in ihren Zielen meist einig. Doch die vielen Player außerhalb des Gesundheitssystems zu überzeugen, "gesunde Entscheidungen zu treffen", sei die größte Herausforderung. Unwissen, so betonte auch der Ökonom Martin McKee, ist in allen gesellschaftlichen Schichten weit verbreitet und macht vor allem auf lange Sicht vor allem eines – nämlich krank. (Karin Pollack, 5.10.2019)