Kirill Petrenko hübscht Smetana mit kleinen agogischen Frechheiten behutsam auf.

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Er ist wohl derzeit einer der größten Meister unter den Dirigenten überhaupt. In seinen Wiener Studienzeiten an der Musikuniversität war Kirill Petrenko bekannt dafür, dass er nach den zahllosen Konzerten, die er sich anhörte, gleich nach Hause ging, um weiter Partituren zu studieren. Die Genauigkeit und Spontaneität, mit der der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und Chefdirigent der Berliner Philharmoniker die Früchte dieses Fleißes nun umsetzt, verblüfft stets aufs Neue.

Als Person absolut unprätentiös, verbreitet er Autorität allein durch Kompetenz. Seine Interpretationen wirken durchgeistigt, tief durchdacht und strukturell ausgeleuchtet, doch wenn man ihn beobachtet, sieht man, dass alles aus einem natürlichen Fluss entsteht. Im Wiener Konzerthaus stand diesmal mit dem Bayerischen Staatsorchester nur ein einziges Werk auf dem Programm: Bedrich Smetanas sechsteilige Symphonische Dichtung Má vlast (Mein Vaterland).

Durchleuchtete Seelenmusik

Ein musikantischer, manchmal übermütig tänzerischer Gestus hielt sich die Waage mit unerhört genauem Timing – nicht nur beim berühmtesten Teil Vltava (Die Moldau), deren Fluss sich plastisch kräuselte und vor lauter widerborstigen kleinen Akzentuierungen und agogischen Freiheiten frech schimmerte. Trotz runden, vollen Klangs des grandios klingenden Orchesters wirkte alles transparent, gläsern und zugleich wie glutvoll durchleuchtete Seelenmusik. Bei der Zugabe, Antonín Dvoráks Slawischem Tanz C-Dur op. 46/1, vermittelte Petrenko nochmals volkstümliche Direktheit mit tiefgründiger Leichtigkeit. (daen, 4.10.2019)