Eine Krebstherapie ist Teamwork: Mediziner, Patienten und Angehörige treffen Entscheidungen gemeinsam.

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Foto: Matern/Meduni Wien

STANDARD: An der Med-Uni Wien startet ein Aufklärungsunterricht für Krebskranke namens Cancer School. Warum?

Berghoff: Weil mit der Erkrankung nach wie vor viele Klischees verbunden sind, die einfach nicht mehr stimmen, etwa dass Krebs ein Todesurteil ist oder die Chemotherapie den Körper vergiftet und schlecht vertragen wird – das sind Vorurteile aus Film und Fernsehen. Es hat sich in den letzten Jahren viel getan.

STANDARD: Was konkret?

Berghoff: Dass viele Krebserkrankungen geheilt werden können! Wenn das nicht möglich ist, dann schafft es die moderne Onkologie, die Erkrankung oft so in den Griff zu bekommen, dass die Menschen damit auch eine längere Zeit gut leben können. Dafür ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Medizin und Patienten entscheidend.

STANDARD: Wie genau hat sich die Rolle der Patienten und Patientinnen in dieser Hinsicht verändert?

Berghoff: Es sind nicht mehr die Ärzte allein, die Entscheidungen treffen, wir bilden zusammen mit Patienten und Angehörigen ein Team. In der Krebsmedizin ist es oft so, dass es mehr als einen möglichen Behandlungsweg gibt. Da geht es dann darum, die Varianten zu verstehen, um Vorteile und Nachteile abwägen zu können. Informierte Patienten und Patientinnen können auf diese Weise auch besser ihre Wünsche formulieren.

STANDARD: Können medizinische Laien denn die molekularbiologischen Grundlagen so einfach verstehen?

Berghoff: Ich bin davon überzeugt, dass man das Wesen der Erkrankung mit einfachen Worten vermitteln kann. Es geht ja nicht darum, dass Patienten und Patientinnen die molekularbiologischen Details verstehen, aber es ist wichtig zu wissen, was eine Krebszelle ist, warum sie so dominant ist, was sie antreibt, welche Medikamente und welche Hilfen es für Kranke gibt und wie sich die Krankheitsdynamik eindämmen lässt.

STANDARD: Was verändert dieses Wissen im Idealfall?

Berghoff: Patienten und die Angehörigen wissen, was kommt, können sich besser auf Situationen einstellen und haben dadurch weniger Ängste. Da geht es auch darum, trotz der Erkrankung wieder ein Gefühl der Sicherheit über den eigenen Körper zurückzugewinnen. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass dieses Verständnis der Erkrankung nicht nur Ängste reduziert, sondern auch den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst.

STANDARD: Und wenn jemand absolut nichts wissen will?

Berghoff: Ist es natürlich zu akzeptieren, aber gerade wenn es um die Lebensqualität geht, ist das Engagement der Patienten und Patientinnen wichtig, denn nur jemand, der die Erkrankung hat, kann sagen, was für ihn passt und was nicht. Die Einstellung, eine Behandlung einfach nur über sich ergehen zu lassen, verhindert, dass die Menschen die richtigen Fragen stellen, die für ihre Lebenssituation aber entscheidend sein können.

STANDARD: Sagt nicht die moderne Krebsmedizin, dass jeder Patient ein Einzelfall ist.

Berghoff: Das stimmt, heute sprechen wir immer öfter von einer personalisierten Krebstherapie. Das bedeutet, dass es nicht mehr ein Medikament für alle gibt, sondern dass wir verschiedene Arzneimittel in Mischungen einsetzen, die das Krebsgeschehen aufhalten sollen. Für jeden Patienten wird auf Basis seiner Diagnose eine Kombination erarbeitet. Auch viele andere Faktoren wie das Alter, mögliche andere Erkrankungen und Wünsche werden dabei berücksichtigt.

STANDARD: Viele Therapien haben heftige Nebenwirkungen. Wie damit fertig werden?

Berghoff: Hier gab es in den letzten Jahren wirklich sehr viele erfreuliche Neuerungen in der Krebstherapie, und gerade die durch die Chemotherapie verursachte Übelkeit können wir mit neuen, modernen Medikamenten deutlich besser in den Griff bekommen. Im Grunde genommen sollte es aber bei jeder Form von Therapie stets um die wichtige Frage gehen, wie sehr die Lebensqualität dadurch beeinträchtigt ist.

STANDARD: Wie meinen Sie das genau?

Berghoff: Lebensqualität bedeutet für jeden Menschen etwas anderes. Den einen ist wichtig, viel Zeit zu Hause zu verbringen, für andere ist maximale Lebensverlängerung das Ziel. Aber auch das Verabreichen von Medikamenten ist eine zentrale Frage. Infusionen oder Tabletten? Wie Nebenwirkungen oder Schmerzen in den Griff bekommen? Aus medizinischer Sicht geht es darum, klar zu kommunizieren, was man sich von einer Behandlung erwarten kann und was nicht. Denn wie ein Patient auf eine Therapie reagiert, lässt sich nie genau vorhersagen.

STANDARD: Können Patienten überinformiert sein?

Berghoff: Nein, nur fehlinformiert. Dr. Google ist im 21. Jahrhundert mehr zu einem Problem als zu einer Hilfe geworden. Er fördert so viele falsche und vor allem ungefilterte Informationen ans Tageslicht, die stark verunsichern können. Zu viele und vor allem unrichtige Informationen erschweren die Meinungsbildung. Gerade deshalb wollen wir den Leuten in der Cancer School eine verständliche und verlässliche Plattform bieten.

STANDARD: Gibt es eine wichtige Message?

Berghoff: Eigentlich die, dass Krebs sich tatsächlich auch vermeiden lässt, man also wirklich etwas dazu beitragen kann, nicht an Krebs zu erkranken. Ich vergleiche es gerne mit Lotto. Wer viele Scheine kauft, hat eine größere Chance zu gewinnen. Umgelegt auf Krebs heißt das: Wer viel raucht, sich wenig bewegt und es dem Körper etwa durch viel Fleischkonsum schwermacht, hat eine größere Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken. Es gibt zahlreiche effiziente Maßnahmen, das Risiko selbst zu reduzieren. (Karin Pollack, 8.10.2019)