Als Leiterin einer streng religiösen Mädchenschule soll Malka Leifer in Australien ihre Schülerinnen missbraucht haben.

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Es ist eine juristische Odyssee, die sich in Israel seit Jahren abspielt und die Beziehungen zu Australien schädigen könnte: Seit 2008 ist die ultraorthodoxe Israelin Malka Leifer in Australien angeklagt. Sie soll als Leiterin einer streng religiösen Mädchenschule in Melbourne Schülerinnen sexuell missbraucht und vergewaltigt haben. Insgesamt 74 Anklagepunkte wurden zusammengetragen. Doch seit mehr als fünf Jahren hadert Israel mit der Auslieferung der 52-Jährigen. Trotz mehr als 50 Anhörungen haben israelische Gerichte bis heute kein endgültiges Urteil darüber gefällt, ob Leifer psychisch in der Lage ist, vor Gericht zu erscheinen.

Nun macht der Fall erneut Schlagzeilen, seit ein Richter vergangenen Mittwoch entschieden hat, dass Leifer nach einigen Monaten im Gefängnis unter Hausarrest gestellt werden soll. Die Kritik an Israels Justiz wächst: Das Onlineportal Times of Israelberichtet, in israelischen Diplomatenkreisen fürchte man eine "irreparable Schädigung" der israelisch-australischen Beziehungen. Australiens Generalstaatsanwalt nannte die Dauer des Verfahrens "bedauerlich".

Acht Jahre lang, zwischen den Jahren 2000 und 2008, hat Leifer die ultraorthodoxe Mädchenschule in Melbourne geleitet. Die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs und der Vergewaltigung stammen von ihren ehemaligen Schülerinnen. Drei von ihnen – Schwestern – sprechen heute offen über den Fall und reisten bereits nach Israel, um die Auslieferung voranzutreiben.

Fehlende Worte

Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, dass Leifer während eines Schulausflugs nachts ins Bett einer der Schwestern gestiegen sein soll. Die ehemalige Schulleiterin habe immer wieder einzelne Treffen mit den Schwestern eingefädelt. Doch bis die Schülerinnen – heute erwachsene Frauen um die 30 – darüber sprechen konnten, dauerte es Jahre. Ihnen fehlten dafür die Worte: Sie kommen aus einer abgeschotteten und sehr prüden ultraorthodoxen Gemeinschaft, in der nicht über den eigenen Körper, über Geschlechter und schon gar nicht über Sex gesprochen wird. Lange wussten die Schwestern gar nicht, was ihnen widerfährt.

2008 wurde Leifer in Australien angeklagt. Stunden später flüchtete sie nach Israel – mithilfe der Mädchenschule, die unter anderem den Flug bezahlte. Später beantragte Australien die Auslieferung. Doch die Einschätzungen israelischer Psychiater, ob Leifer dazu psychisch in der Lage ist, sind widersprüchlich: Der Chefpsychiater des Jerusalemer Bezirks änderte sein Gutachten mehrmals. Möglicherweise auf Druck des ultraorthodoxen Knesset-Abgeordneten und ehemaligen Gesundheitsministers Yaakov Litzman, der ebenfalls in den Fall verwickelt zu sein scheint. Die Polizei empfahl Anfang des Jahres Anklage gegen ihn wegen Betrugs und Untreue. Litzman soll den Chefpsychiater gedrängt haben, Leifer Unfähigkeit zu attestieren.

Erst die Arbeit von Ermittlern und einer NGO brachten im vergangenen Jahr ans Licht, dass sich Leifer an ihrem Wohnort Emmanuel, einer ultraorthodoxen Siedlung, frei und ohne psychische Probleme bewegte. Andere Psychiater erklärten Leifer daraufhin für fähig, vor Gericht zu erscheinen; sie habe nur vorgegeben, psychisch krank zu sein.

Keine Entscheidung

Seit 2018 sitzt Leifer in einem israelischen Frauengefängnis. Im September sollte ein israelisches Gericht über ihre Auslieferung bestimmen. Doch die Richterin entschied, dass die Gutachten nach dem Hin und Her nicht ausreichten und ein Gremium von drei neuen Psychiatern entscheiden sollte, ob Leifer nun psychisch stabil sei oder nicht. Kurz darauf folgte die Entscheidung eines weiteren Richters, sie unter Hausarrest zu stellen. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung haben Berufung eingelegt. Der Oberste Gerichtshof will die Entscheidung nun überprüfen. (Lissy Kaufmann aus Tel Aviv, 8.10.2019)