Die Schulen unterscheiden sich heute in den Betreuungszeiten und -formen, in der vorhandenen Infrastruktur, den inhaltlichen Schwerpunktsetzungen sowie in den pädagogischen Konzepten.
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Rund 700 Wiener Schulen öffnen am Mittwoch ihre Türen, um allen interessierten Bürgern einen Einblick zu gewähren. Angesichts des großen Angebots an privaten und öffentlichen Schulen in Österreich fühlen sich Eltern bei der Schulwahl zunehmend unter Druck gesetzt. Gerhard Patzner ist seit über 20 Jahren Pädagoge und arbeitet als unabhängiger Schulprofiler. In einer ein- bis zweistündigen Beratung will er überforderten Eltern bei der Suche nach der geeigneten Schule helfen. Im Interview mit dem STANDARD erklärt er, welche Leitfragen bei der Schulsuche helfen und wie man einen Platz in der Wunschschule ergattert.

STANDARD: Am "Tag der Wiener Schulen" haben Eltern die Möglichkeit, mit ihren Kindern fast 700 öffentliche und private Schulen zu besichtigen. Hilft diese Aktion bei der Schulwahl?

Patzner: Ja, aber ich empfehle, nicht mehr als zwei Schulen an einem Tag zu besichtigen. Sonst wird man von den Eindrücken beinahe schon erschlagen – und das hilft nicht, um eine Entscheidung treffen zu können. Viele Schulen haben noch zusätzlich einen eigenen Tag der offenen Tür. Diese Gelegenheiten sollte man für die Schulen in der engeren Wahl auch nützen.

STANDARD: Welche Möglichkeiten gibt es noch, um die perfekte Schule zu finden?

Patzner: Die perfekte Schule gibt es in aller Regel nicht, deswegen muss man bei der Schulwahl Prioritäten setzen. Ich empfehle, dabei zu überlegen, was aus inhaltlicher, aus pädagogischer und aus pragmatischer Sicht Priorität hat.

STANDARD: Welche Leitfragen können beim Entscheidungsprozess helfen?

Patzner: Inhaltlich und pädagogisch sind es Fragen wie: Soll die Schule einen spezifischen inhaltlichen Schwerpunkt haben? Ist mir eine bestimmte pädagogische Grundhaltung der Lehrerinnen und Lehrer wichtig? Suche ich ein bestimmtes pädagogisches Setting? Aber mindestens ebenso wichtig sind pragmatische Fragen: Wie lange soll die Schule mein Kind betreuen? Wie weit darf der Schulweg sein? Man darf nicht vergessen, dass die vermeintlich beste Schule häufig keine gute Wahl ist, wenn sich der Schulbesuch nur mit höchsten Opfern der ganzen Familie organisieren lässt.

STANDARD: Wann sollte man mit der Schulsuche beginnen?

Patzner: Sucht man eine öffentliche Schule, reicht es in aller Regel, wenn man sich zwei Jahre vorher mit dem Thema auseinanderzusetzen beginnt. Da Privatschulen häufig nach dem "First come, first serve"-Prinzip ihre Plätze vergeben, sollte man im Fall von privaten Volksschulen schon früher aktiv werden.

STANDARD: Sind Privatschulen immer die bessere Wahl?

Patzner: Ich wüsste nicht, warum das so sein soll. Es gibt viele ausgezeichnete öffentliche Schulen, die sich reger Nachfrage erfreuen. Allerdings wohnen nicht alle Wienerinnen und Wiener unmittelbar neben einer solchen. Privatschulen werden häufig auch deshalb gewählt, weil man schnell die Klarheit hat, ob man einen Platz bekommt oder nicht.

STANDARD: Woran erkennt man eine gute Schule?

Patzner: Das hängt wiederum sehr davon ab, woran man eine gute Schule festmacht. Ist es eine, die die Schülerinnen und Schüler zu hohen schulischen Leistungen führt? Oder sie mit Kompetenzen ausstattet, die sie für ein gelingendes Leben benötigen? Ist es eine, die der Individualität der Schülerinnen und Schüler, ihren individuellen Stärken und Schwächen Rechnung trägt; die Stärken zur Entfaltung bringt und die Schwächen zu verringern hilft? Eröffnet die Schule den Heranwachsenden möglichst viel Freiheit in ihrem Bildungsgang und lässt sie individuelle Lernwege beschreiten? Bietet sie einen Lern- und Lebensraum, der dazu einlädt, möglichst lange dort zu verweilen? Sie sehen: Eine Definition, der alle Eltern, aber eben auch alle Expertinnen und Experten zustimmen würden, gibt es nicht. Aber für alle diese unterschiedlichen Akzentuierungen gibt es Merkmale, nach denen man Ausschau halten kann.

Gerhard Patzner weiß, wie schwer es für Eltern ist, eine Entscheidung zu treffen.

STANDARD: Gibt es Merkmale, die den Eltern derzeit besonders wichtig sind?

Patzner: Schulen mit spezifischem Fremdsprachenschwerpunkt – durchaus auch schon in der Volksschule – stehen bei manchen hoch im Kurs. Schulen mit verschränkter ganztägiger Betreuung werden von Eltern mit längeren Arbeitszeiten bevorzugt. Aber auch reformpädagogisch ausgerichtete Klassen und Schulen werden immer wieder nachgefragt.

STANDARD: Nun hat man eine geeignete Schule gefunden. Welche Rolle spielen die Schulnoten bei der Aufnahme?

Petzner: Für die Aufnahme in weiterführende Schulen, aber vor allem in allgemeinbildende höhere Schulen sind sie von Relevanz. Natürlich haben nicht alle Schülerinnen und Schüler, die an einer AHS aufgenommen werden, "lauter Einser". Aber ein derartiges Abschlusszeugnis der Volksschule erhöht die Chancen für eine Aufnahme an der Wunsch-AHS.

STANDARD: Wie kann man den Schulsprengel umgehen, um auf die Wunschschule zu kommen?

Petzner: Der Schulsprengel ist für die Aufnahme an der Wunschschule nicht mehr maßgebend. Die Stadt Wien garantiert einen Schulplatz an einer öffentlichen Schule im Wohnbezirk. Im Wohnbezirk kann man sich auch an einer Schule einschreiben lassen, die weiter weg liegt. Allerdings sind die Chancen, bei großer Nachfrage den Platz zu bekommen, oft besser, wenn man näher wohnt. Einen Platz an einer öffentlichen Schule zu bekommen, die nicht im eigenen Wohnbezirk liegt, ist schwierig – es sei denn, man wohnt in der Nähe der Schule an der Bezirksgrenze. Es gibt Eltern, die sich für den Platz an einer Wunschschule ummelden. Ich halte das allerdings in den meisten Fällen für nicht notwendig. In aller Regel findet sich auch im Wohnbezirk eine Schule, die den individuellen Anforderungen weitgehend gerecht wird.

STANDARD: Was tun, wenn man keinen Platz an der Wunschschule bekommt?

Patzner: Ich empfehle, schon vorab im Gespräch mit der Direktorin oder dem Direktor abzuklären, wie realistisch es ist, mit der jeweiligen Wohnadresse an der Schule einen Platz zu bekommen. Wenngleich kaum vorab fixe Zusagen gegeben werden, lässt sich häufig doch eine Tendenz erkennen. Bekommt man den Wunschplatz nicht, wird ein anderer Schulplatz angeboten. Die Tatsache, dass man dort einen Platz bekommt, muss nicht heißen, dass dort wenige hinwollten. Es kann durchaus sein, dass die Schule eine zusätzliche Klasse eröffnen muss und deshalb Plätze frei hat. Deshalb empfehle ich, sich die Schule, wo ein Platz zugewiesen wird, in aller Ruhe und möglichst unvoreingenommen anzuschauen. Sollte es wirklich gar nicht passen, muss man sich an die Bildungsdirektion wenden. Dort wird man sich um eine Lösung bemühen – aber manchmal muss man durchaus hartnäckig sein.

STANDARD: Was, wenn man merkt, dass man mit der Schulwahl doch nicht glücklich ist?

Patzner: Wenn Eltern mit der Schule nicht zufrieden sind oder das Kind in der Schule sehr unglücklich ist, empfiehlt es sich zuallererst, das Gespräch mit der Schule beziehungsweise den Lehrerinnen und Lehrern zu suchen. Oft lässt sich dadurch die Situation entscheidend verbessern. Aber eben nicht immer. Tritt dies ein, bleibt meist gar keine andere Wahl, als die Schule zu wechseln. Diese Möglichkeit besteht letztlich immer. Dieser Weg ist aber mühsam und bleibt den meisten Eltern glücklicherweise erspart. (Nadja Kupsa, 9.10.2018)