Ein türkischer Angriff auf das verbliebene, von den kurdisch-dominierten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) kontrollierte Territorium Nord- und Ostsyriens, dürfte unmittelber bevorstehen. US-Präsident Donald Trump gab am Sonntag Recep Erdoğan in einem Telefonat grünes Licht für einen Einmarsch in die Region und hat damit seine bisherigen Verbündeten verraten.

Angriff in den nächsten 24 Stunden?

Erdoğan selbst hatte die Besetzung eines 30 Kilometer breiten Grenzstreifens schon Tage davor angekündigt. Vergangene Nacht haben US-Militärs dem Oberkommando der SDF mitgeteilt, dass ein türkischer Angriff binnen der nächsten 24 Stunden zu erwarten wäre. Auch der türkische Generalstab meldet volle Einsatzbereitschaft. Augenzeugen vor Ort hatten seit Tagen die Zusammenziehung türkischer Truppen mit Panzerverbänden direkt an der Grenze gemeldet. Heute kehrt Erdoğan von seinem Staatsbesuch in Serbien zurück. Danach, so fürchten viele, könnte er den Angriff auf Nord- und Ostsyrien befehlen.

Die türkische Armee ist am Weg zur syrischen Grenze.
Foto: APA/AFP/BULENT KILIC

Trumps Ankündigung, die US-Truppen aus dem Gebiet zurückzuziehen, sorgte in der eigenen Partei für massive Proteste. Danach setzte er einen Tweet ab, in dem er behauptete, in seiner "großen und unerreichbaren Weisheit" beschlossen zu haben, die Wirtschaft der Türkei "total zu zerstören". Das hatte er schon mal erreicht, als die Türkei etwas tat, dass er als "off limits" erachtete. Was er als "off limits" sieht, erklärte der US-Präsident allerdings nicht. Noch lebt bei manchen Beobachtern die Hoffnung, dass es sich Trump, wie schon nach der Ersten Rückzugsankündigung zu Weihnachten 2018, noch einmal überlegen und der Türkei ein klares Nein ausrichten könnte.

Was auch immer Trumps Laune veränderte, die Signale vor Ort sprechen dafür, dass die Türkei tatsächlich in den nächsten 24 Stunden angreifen wird. Ein Großteil der US-Soldaten wurde tatsächlich von der Grenze zur Türkei zurückgezogen. Zugleich erklärte das von Trumps Richtungsänderungen völlig überraschte Pentagon, dass die Türkei aus dem Combined Air Operations Center der Anti-IS-Koalition ausgeschlossen werde und es für die Türkei damit de facto sehr schwer werde, in Nord- und Ostsyrien Einsätze zu fliegen.

Zu den Syrischen demokratischen Kräften zählen auch die kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ.
Foto: Thomas Schmidinger

Ohne Luftunterstützung wäre der militärische Vorteil der Nato-Armee gegenüber den SDF vor Ort allerdings minimiert. Die SDF hätten durchaus eine Chance, den Angriff unter hohen Verlusten zurückzuschlagen oder zumindest sehr lange aufzuhalten und der türkischen Armee empfindliche Verluste zuzufügen. Die Kämpfer der SDF sind hoch motiviert, gut trainiert und mittlerweile auch von den USA gut gerüstet. Was ihnen allerdings fehlt ist eine Luftwaffe. Einen Teil der türkischen Panzer könnten sie vielleicht noch im Häuserkampf aufhalten, der Luftwaffe einer Nato-Armee würden sie aber nicht standhalten können.

Türkei oder Syrien?

Allerdings zieht nicht nur die Türkei an der Nordgrenze ihre Truppen zusammen, sondern auch die Syrische Regierungsarmee südlich des Euphrats und südlich von Manbij, dem SDF-Gebiet westlich des Euphrats. Von kurdischer Seite nährt dies Spekulationen, dass es eine Absprache zwischen Russland und der Türkei geben könnte, dass die Region zwischen dem Regime und einer türkischen Besatzungszone aufgeteilt werden könnte. Andererseits hatten Vertreter der SDF immer erklärt, notfalls das Gebiet eher der syrischen Armee zu unterstellen als es der Türkei zu überlassen. Tatsächlich finden zur Zeit Gespräche mit dem Regime statt und es wäre durchaus auch denkbar, dass sich die Kurden im Falle eines türkischen Angriffs mit dem Regime verbünden und die Region am Ende wieder in die Hände der syrischen Regierung und nicht in die Hände Ankaras fallen würde.

Für die lokale Bevölkerung wäre eine Einnahme der Region durch die Türkei das wohl schlimmere Szenario als eine Übernahme durch das Regime. Wenn etwas ähnliches zu erwarten ist, wie 2018 bei der türkischen Besetzung Afrins, dann droht nicht nur den Kurden massenhafte Vertreibungen aus der Region, sondern auch den zahlreichen christlichen assyro-aramäischen und armenischen Christen. Letztere sind überwiegend Nachkommen des Genozids von 1915 und betrachten die türkischen Angriffsdrohungen als Fortsetzung des Genozids gegen ihre Urgroßeltern. Sämtliche Christen, mit denen ich auf meinen eigenen Reisen in die Region zuletzt gesprochen habe, sind davon überzeugt, dass mit einem türkischen Einmarsch das Ende des Christentums in der Region angebrochen sein wird.

Gefährdung religiöser Minderheiten und historischer Gebetsstätten

Da die Türkei wie bereits 2018 in Afrin auch hier auf syrisch-islamistische Milizen als Verbündete zurückgreifen wird, sind insbesondere Massaker an den religiösen Minderheiten, also den Christen und den jesidischen Kurden, zu erwarten. Dabei werden nicht nur Menschen, sondern auch Kulturgüter vernichtet. Seit der Besetzung Afrins durch die Türkei Anfang 2018 wurden dort allein 17 jesidische Schreine und Tempel zerstört. Ein ähnliches Schicksal droht nun auch den historischen christlichen Kirchen in der multireligiösen Region in Nord- und Ostsyrien.

Über Jahrhunderte war diese Region von religiöser Vielfalt geprägt. In Qamischli existierte die einzige jüdische Gemeinde Syriens außerhalb der großen Städte Damaskus und Aleppo. Die 1926 von der christlichen und jüdischen Bevölkerung vom türkischen Nusaybin gegründete Stadt beherbergt bis heute eine der letzten Synagogen in ganz Kurdistan.

In den 1930er-Jahren lebten hier rund 3.000 Jüdinnen und Juden, von denen die meisten in den 1990er-Jahren auswanderten. Der letzte Jude von Qamischli starb im Herbst 2013, als die Stadt bereits überwiegend unter kurdischer Kontrolle stand.

Als materielles Zeugnis jüdischer Präsenz blieb die Synagoge bis heute erhalten. Sie ist damit eine der ganz wenigen vollständig erhaltenen Synagogen Kurdistans. Der alte jüdische Friedhof, der im Grenzgebiet zur Türkei lag, wurde 1985 durch die türkische Armee zerstört, die dort einen Wachturm errichtete. Später verstorbene Jüdinnen und Juden wurden in der Nähe des Grabmals des jüdischen Gelehrten Judah ben Bathyra  bestattet. Das Grabmal von Judah ben Bathyra selbst, das über Jahrhunderte Pilger aus der Region angezogen hatte, ist bis heute gut erhalten und beinhaltet auch eine kleine Synagoge. Die wenige Meter von der türkischen Grenze entfernte Anlage ist nun durch einen türkischen Angriff massiv gefährdet.

Ähnliches gilt für eine ganze Reihe historischer und neuerer christlicher Kirchen und jesidischer Tempel, die nicht nur durch Kriegsschäden, sondern auch durch islamistische Verbündete der türkischen Armee gefährdet sind.   

Die historische syrisch-orthodoxe Kirche von Bara Baita in der Nähe der türkischen Grenze bei Derik.
Foto: Thomas Schmidinger

Europas Mitverantwortung und der Flüchtlingsdeal

Wie in Afrin wird die Türkei in der Region dafür sorgen, dass die lokale Bevölkerung verdrängt wird und stattdessen arabische Siedler ansiedeln, die aus den über 3,5 Millionen syrischen Flüchtlingen in der Türkei rekrutiert werden sollen. Wie freiwillig diese nach Nord- und Ostsyrien gehen würden, ist fraglich. Schon in den letzten Wochen wurden Syrer aus Istanbul unfreiwillig in Busse geladen und in die Osttürkei an die syrische Grenze gebracht.

Der Flüchtlingsdeal der EU mit der Türkei dürfte auch einer der Hauptgründe der schweigenden Zustimmung Europa mit dem türkischen Vorgehen sein. Deutschland, als stärkster EU-Staat, dürfte schon beim Besuch von Innenminister Seehofer Anfang Oktober in Ankara seine Zustimmung zu einem türkischen Angriff auf Syrien gegeben haben. So lange die Türkei die syrischen Flüchtlinge vor den Grenzen der EU abfängt, scheint hier die deutsche Bundesregierung kein Problem mit einem weiteren Angriffskrieg auf die Kurden zu haben.

Kommen die jihadistischen Gefangenen frei?

Von Seiten der SDF hieß es nach Trumps Rückzugserklärung, dass das Gebiet gegen die Türkei "zu jedem Preis" verteidigt werden soll. Erste Einheiten der SDF, die bisher mit der Bewachung der jihadistischen IS-Gefangenen gebunden waren, wurden schon von dort abgezogen. Die Bewachung der IS-Gefangenen wäre jetzt nur die "zweite Priorität" erklärte SDF-Oberkommandierender Mazlum Kobani, der zu den einflussreichsten Personen der gesamten Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens zählt.

Das Camp in Ain Issa ist eines von drei Lagern in denen Angehörige von IS-Kämpfern inhaftiert sind.
Foto: Thomas Schmidinger

Unter den gefangenen Jihadisten hatte sich von Anfang an die Hoffnung breit gemacht, dass die Türkei sie durch einen Einmarsch gegen die Kurden befreien könnte. In diese Richtung äußerten sich in den Camps auch manche europäische Gefangene, die auf diese Weise auf eine Rückkehr nach Europa, einen Wiederaufbau des IS in Syrien oder ein Leben in der Türkei hoffen. Dass sich der IS im Aufwind befindet, zeigen mehrere Angriffe auch Checkpoints der SDF durch IS-Schläferzellen, die in der vergangenen Nacht in der Region um die ehemalige IS-Hauptstadt Raqqa erfolgten. Das Zeitfenster für eine geordnete Rückführung europäischer IS-Angehöriger schließt sich damit in diesen Stunden. Jene IS-Terroristen und ihre Angehörigen, die die meisten europäischen Staaten nicht zurücknehmen wollten, könnten nun auf anderen Wegen nach Europa heimkehren oder weiter im Nahen Osten eine Blutspur hinterlassen. (Thomas Schmidinger, 9.10.2019)

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