Die Wiener Heurigenkultur ist nun ein wichtiges österreichisches Kulturerbe.

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Sagen wir es so: Wenn sich die Menschheit nicht weiterentwickeln würde, gäbe es zum Beispiel die elektrisch verstärkte Jugendmusik nicht. Wir würden immer noch um das Lagerfeuer tanzen. Ein paar rhythmisch begabte Jäger und Sammler klopften dazu mit Holzstöcken auf Steinen herum und brummten irgendein zünftiges Mantra vom Liebreiz der Venus vom hinteren Piestingtal.

Weil sich die Menschheit im Guten wie im Schlechten allerdings zumindest technisch weiterentwickelt, sterben mit der Zeit gewisse alte Kulturtechniken einfach aus. Wir essen das Hühnerragout zum Beispiel heute nicht mehr mit den Fingern wie Sonnenkönig Ludwig XIV. Und sogar bezüglich der alten Handwerkstechnik des Bauens von Verbrennungsmotoren macht sich langsam ein gewisser Wille zur Veränderung bemerkbar.

Erhaltung des Kulturerbes

Da es mitunter aber auch wichtig ist, auf ein Wissen und auf eine Technik zurückzugreifen, die im Zweifel auch funktioniert, wenn der Strom ausfällt oder das Internet kracht, hat die Unesco im Jahr 2003 die sogenannte "Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes" verabschiedet. Neben 178 anderen Staaten hat das Übereinkommen am 9. Juli 2009 auch Österreich ratifiziert.

Zum immateriellen Kulturerbe zählen demnach das Wissen und Können rund um kulturelle Ausdrucksformen (Theater, mit Holzstöcken auf Steine klopfen, Singen und Tanzen, Bräuche und Feste) sowie traditionelle Handwerkstechniken. Im Ausland nennt sich das "living heritage". Für die ab sofort offiziell anerkannten 124 österreichischen Traditionen bedeutet das folgende Zielsetzungen und Umsetzungsmaßnahmen: Erhaltung des Kulturerbes durch Ermittlung, Dokumentation und Erforschung, Respekt vor ihnen und den betreffenden Gemeinschaften und Gruppen – sowie die Weitergabe der kulturellen Praktiken an die nächsten Generationen.

Gesellschaftliche Praktiken und traditionelles Handwerk

Zu den Traditionen zählen dabei unter anderem slowenische Flur- und Hofnamen in Kärnten, die Wiener Stegreifbühne Tschauner, der lustige Raufhandel des Axamer Wampelerreitens im Fasching, die Saatgutgewinnung der Arche Noah in Schiltern oder die Korbflechterei in der Justizanstalt Suben. Mit Stand 8. Oktober 2019 sind sieben Neuaufnahmen im Verzeichnis des immateriellen österreichischen Kulturerbes dazugekommen, fünf im Bereich "Gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste", zwei im Bereich "Traditionelles Handwerk".

1. Wiener Heurigenkultur (Wien)

Natürlich kann man sich im Rahmen dieser "gesellschaftlichen Praxis" auch im Burgenland oder in der Steiermark ordentlich einen umhängen oder sich zuschledern. Aber die Wiener haben halt als Erste um dieses lebensfrohe Kulturerbe angesucht. Man bringe den Spritzwein!

2. In d'Grean gehn (NÖ)

Weinviertel, Ostermontag, "Ins Grüne gehen", Trinken in den Kellergassen. Vereint weltliche und religiöse Elemente.

3. Oberösterreichisches Festschützenwesen (OÖ)

Die Bräuche der Schützen in Oberösterreich folgen dem Jahres- und Festablauf. Es gibt regionalspezifische Unterschiede in Sachen Tracht, Schützentanz und Schützensprache. Fix ist: Es muss peng, peng machen! Und: Es gibt Erfrischungsgetränke.

4. Jauken (Wien/NÖ)

"Jauken" umfasst die Zucht, das Training und das Wettfliegen von Wiener Hochflugtauben. Regelwerk und Dialektausdrücke inklusive. Nächster Punkt.

5. Ladumtragen Mistelbach (NÖ)

Alle zwei Jahre wird von den Weinhauern in Mistelbach ein neuer Oberzechmeister gewählt. In der Lade werden ihm vom Altzechmeister die Dokumente, Urkunden und Mitgliedsbücher im Rahmen einer Prozession überbracht. Getränke? Ja.

6. Kehren, Beschliefen, Patschokieren, Ausbrennen von Rauchfängen (österreichweit)

Rauchfangkehrer sind Lebensretter. Beschliefen heißt besteigen. Patschokieren bedeutet im konkreten Fall: den Rauchfang mit Mörtel ausbessern. Gute Sache.

7. Federkielstickerei (österreichweit)

Bei den Plastiktrachten vom Trachtendiskonter auf der Wiener Wiesn zahlt sich das nicht aus. Ansonsten geht es um die Verzierung von Ledergürteln, Taschen, Ranzen sowie Geldbörsen. (Christian Schachinger, 9. 10. 2019)