Für diejenigen, die in diesem Semester ein Studium beginnen, ist die Studienwahl bereits gefallen. Für viele spielten Jobchancen und klare Studieninhalte eine Rolle.

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Wer mit einem Studium beginnt, hat die Qual der Wahl: Soll es in erster Linie den Geldbeutel füllen, intellektuellen Vorstellungen entsprechen, praxisnah sein, zum Philosophieren und Träumen motivieren oder einfach nur die eigenen Talente vertiefen?

Das umfangreiche Angebot für Studienanfänger, das es etwa an Universität Wien mit mehr als 50 verschiedenen Bachelorstudien gibt, führt mitunter zu großen Zweifeln an der eigenen Studienentscheidung. So gaben in der letzten Studierenden-Sozialerhebung 13 Prozent der Studienanfänger an, sich ihrer Wahl unsicher gewesen zu sein.

"Das richtige Studium zu wählen erfordert viel Selbstreflexion, aber auch Mut, seinen Interessen zu folgen", sagt Mariele Friesacher von der Studien- und Maturantenberatung der Österreichischen Hochschüler_innenschaft (ÖH). Es gebe viel zu bedenken, bevor man sich entscheidet, und auch äußere Faktoren nehmen Einfluss auf die Studienwahl.

So entscheiden sich Frauen und Männer statistisch gesehen für unterschiedliche Studienrichtungen. In Österreich studieren fast dreimal mehr Frauen als Männer ein Fach der Geistes- und Kulturwissenschaften. In den Ingenieurswissenschaften ist es umgekehrt, erklärt Gabriele Srp von der Bildungsberatung des Wifi.

Zukunft mit Ängsten

Eine 2016 veröffentlichte Doktoratsstudie zu Einflussfaktoren der Studienwahl in Mint-Studienrichtungen (Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) zeigt, dass besonders Studentinnen der Biologie und Biowissenschaften Probleme in ihrer beruflichen Zukunft durch schwierige Bedingungen für Frauen in der Forschung sehen. Derlei Ängste führen dazu, dass sich Frauen trotz Interesses nicht für diese Fächer entscheiden.

Auch die Herkunft und das soziale Umfeld der Studienanfänger spielen eine Rolle bei der Wahl des Studiums: Die eigenen Erfahrungen und Einschätzungen von Familie und Freunden haben massive Auswirkungen auf persönliche Entscheidungen.

Ökonomische Überlegungen bilden einen weiteren heftig diskutierten Bereich der Studienwahl. So entscheiden sich laut Studierenden-Sozialerhebung in Österreich zwölf Prozent der Studierenden wegen finanzieller Hürden nicht für ihr Wunschstudium. Eine Entwicklung, die sich bereits im 19. Jahrhundert abzeichnete. Damals entschieden sich viele angehende Studierende im deutschsprachigen Raum für Theologie, da es am kürzesten dauerte und geringere Gebühren hatte.

Akademikerkinder

Heute stammen 19,8 Prozent der Studierenden aus Familien, in denen beide Eltern einen Uni-Abschluss haben, aber nur 3,6 Prozent der Studierenden haben Eltern, die beide einen Pflichtschulabschluss haben. Gerade wenn es ökonomischen Druck in der Familie gibt, "werden Studien aus den falschen Motiven gewählt", sagt Friesacher. Das liege auch daran, dass es an geeigneten Mentoren fehle.

Studierende aus niedrigeren sozialen Schichten streben laut Studierenden-Sozialerhebung häufig ein Studium an einer Fachhochschule (FH) an. Das liegt auch daran, dass FHs mit konkreteren Jobvorstellungen und Studieninhalten locken. Studienanfänger aus höheren Schichten geben vermehrt Medizin als Traumstudium an.

Wenn die Aufnahmetests für diese Studien nichtbestanden werden, entscheiden sich Anfänger mehrheitlich für Biologie, Soziologie, Pädagogik, Rechtswissenschaft sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.

Jene, die sich bezüglich ihres Fachs unsicher sind oder erst gar nicht studieren wollten, versuchen es zu einem großen Teil an FHs oder pädagogischen Hochschulen. Auch hier liegt eine der Begründungen in der Nähe zur beruflichen Praxis und in klaren Jobvorstellungen.

Doch mit sicheren Arbeitsplätzen werben nun auch Universitätsseiten. Über die Sinnhaftigkeit dessen scheiden sich die Expertenmeinungen. "Informationen über Fachkräftemängel und absehbare Jobchancen sagen etwas über die wahrscheinlichsten Berufswege nach dem Studium aus", sagt Ana Ania-Martinez, stellvertretende Vorständin des Instituts für Volkswirtschaftslehre. Besonders in der Ausbildung zur Lehrperson oder im Gesundheits- und Pflegebereich würden strukturelle Aspekte wie Pensionierungswellen oder die Schwerpunkte der aktuellen Wirtschaft wie die Digitalisierung, Arbeitsflexibilisierung, Mobilität oder der Klimawandel eine sehr wichtige und relativ absehbare Rolle spielen.

Srp vom Wifi hält dagegen die Aussicht auf einen bestimmten Job für eine schwierige Entscheidungsgrundlage für ein Studium. Schließlich könne sich der Arbeitsmarkt in drei bis fünf Jahren stark verändern. Außerdem sei "die Sinnhaftigkeit anzuzweifeln, wenn man bedenkt, dass die Arbeitsaufnahme nicht nur vom Arbeitsmarkt, sondern auch von der Bewerbung und der Persönlichkeit des Absolventen abhängig ist". Für Friesacher von der ÖH stehen Berufschancen als Studienwahlgrund sogar an letzter Stelle: "Vor allem bei Universitätsstudien hat man nur selten ein klares Berufsbild, das man verfolgen kann. Das alleinige Motiv Jobchancen führt letzten Endes nicht selten zu Unzufriedenheit."

Abschluss ohne Arbeit

Dass ein Bachelor-Studienabschluss nicht unbedingt zu einer versprochenen Arbeit führt, zeigt auch die OECD-Studie. So haben in Österreich nur 79 Prozent der Bachelor-Absolventen einen Job – eine der OECD-weit niedrigsten Raten. Dennoch weisen Österreicher mit einem Bachelor-Abschluss in der Tasche eine höhere Beschäftigungsquote als Absolventen einer Lehre, berufsbildender mittlerer Schulen, AHS-Matura oder Pflichtschulabschluss auf. Solcherlei Quoten führen unter anderem zu einem veränderten Studienverhalten. "Während das Studierendenleben früher auch ein Selbsterfahrungsprozess war, wird es heute immer mehr eine Berufsvorbereitung und dadurch ein Wettbewerb", sagt Friesacher.

Die besten Jobchancen hätten laut OECD-Studie Mediziner und Informatiker, gefolgt von Absolventen im Ingenieurwesen, verarbeitenden und Baugewerbe (88 Prozent) sowie Juristen und Wirtschaftswissenschaftern und Pädagogen (je 86 Prozent).

Nur auf diese Prognosen sollte man sich aber nicht verlassen, denn in einem sind sich die Experten einig: An oberster Stelle bei der Studienwahl sollte das Interesse stehen. (Sarah Yolanda Koss, 10.10.2019)