In Kärnten geboren, seit langem in Chaville bei Paris lebend: Schriftsteller Peter Handke.

Foto: Matthias Cremer

Die 57-jährige Olga Tokarczuk erhält den Literaturnobelpreis für 2018.

Foto: REUTERS/Michele Tantussi

Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird der Nobelpreis für Literatur heuer zweimal für die Jahre 2018 und 2019 vergeben. Der Österreicher Peter Handke war schon länger unter den für die Auszeichnung Gehandelten, ihm wurden wegen seines umstrittenen pro-serbischen Engagements in der Vergangenheit aber wenig Chancen eingeräumt. Laut dem Vorsitzenden des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson, war Handke beim Anruf der Juroren zu Hause. "Er war sehr, sehr gerührt. Erst hat er kaum ein Wort herausbekommen", so Olsson. Dann habe Handke auf Deutsch gefragt: "Ist das wahr?"

Heute war Handke (76) in den Wetten plötzlich auf den elften Platz geklettert. Er erhält den für dieses Jahr vergebenen Preis "für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlicher Genialität die Peripherie und die Spezifizität der menschlichen Erfahrung untersucht", so die Begründung der Akademie. Bei der Verkündung wurde sowohl auf sein Werk als Prosaautor als auch als Dramatiker hingewiesen.

DER STANDARD/APA

"Stempel aufgedrückt"

"Die besondere Kunst von Peter Handke ist die außergewöhnliche Aufmerksamkeit für Landschaften und die materielle Präsenz der Welt, die Kino und Malerei zu zwei seiner größten Quellen der Inspiration werden ließen", begründete die Akademie die Zuerkennung des Literaturnobelpreises. Er habe sich "als einer der einflussreichsten Autoren Europas nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert", nachdem er bereits mit seinem ersten Roman "Die Hornissen" (1966) sowie mit dem Stück "Publikumsbeschimpfung" (1969) "der Literaturszene seinen Stempel aufgedrückt hat".

Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 im Kärntner Griffen geboren. Mit seinen ersten Werken erlangte er rasch Bekanntheit. Der vielfach ausgezeichnete Autor lebt seit fast 30 Jahren in Frankreich in einem Vorort von Paris.

Wissenswertes zum Nobelpreis im Video.
DER STANDARD

Kritikerin ihres Heimatlandes

Die 57-jährige Olga Tokarczuk erhält den Preis für das Jahr 2018. Schon zuletzt wurde sie bei den Wettanbietern hoch gehandelt. Sie gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Polens und erhält die Auszeichnung für "ihre narrative Vorstellungskraft, die, in Verbindung mit enzyklopädischer Leidenschaft, für das Überschreiten von Grenzen als eine neue Form von Leben steht", teilte die Akademie mit.

Tokarczuks Werk wurde bisher in 25 Sprachen übersetzt und bereits mehrfach ausgezeichnet, im Vorjahr erhielt sie etwa den renommierten Man-Booker-Prize für ihren Roman "Unrast". Nachdem sie ihrem Heimatland Intoleranz gegen Flüchtlinge und Antisemitismus vorwarf, wurde sie angefeindet.

Der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm, berichtete davon, dass die Preisträgerin Olga Tokarczuk gerade während einer Lesetour in Deutschland im Auto gesessen sei und deshalb erst einmal am Straßenrand anhalten habe müssen, um die Botschaft von ihrer Kür entgegenzunehmen.

Nobel Prize

Die Vergabe des Literaturnobelpreises war auch in Hinblick auf die geografische und ethnische Verteilung heuer mit besonderer Spannung erwartet worden. Nun geht er zwar an einen Mann und eine Frau, aber beide stammen aus Europa. Jeder erhält das volle Preisgeld in Höhe von neun Millionen schwedischen Kronen (rund 830.000 Euro). Verliehen werden beide Auszeichnungen am 10. Dezember in Stockholm, beide Preisträger haben laut Information der Schwedischen Akademie ihr Kommen zugesagt.

Grund für die rückwirkende Vergabe fürs Vorjahr waren im November 2017 bekannt gewordene Skandale, die die Schwedische Akademie personell erschütterten, moralisch in Zweifel zogen und eine den Statuten gerechte Entscheidung über die Auszeichnung verunmöglichten.

Jelinek ist "begeistert"

Begeistert hat Elfriede Jelinek auf die Vergabe an Peter Handke reagiert. "Großartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen", erklärte die Autorin. Für Jelinek, die den Preis selbst 2004 erhalten hatte, war es "höchste Zeit". Sie freue sich auch, dass die Auszeichnung an jemanden gehe, "auf den sie in Österreich endlich stolz sein werden".

Handkes Tochter Amina kommentierte auf Facebook: "Alter Schwede!"

Bundespräsident Alexander Van der Bellen twitterte: "Was für ein Tag! Ein 'geglückter' Tag – jedenfalls für die österreichische Literatur, für die Literatur überhaupt. Mit Peter Handke hat ein Autor den Nobelpreis gewonnen, dessen leise und eindringliche Stimme seit Jahrzehnten Welten, Orte und Menschen entwirft, die faszinierender nicht sein könnten. Handke leuchtet die Zwischenräume des Daseins aus und wirft einen behutsamen Blick auf das Fühlen und Denken seiner Figuren. In einem Ton, der schnörkellos und doch einzigartig ist, lässt er uns, die Leserinnen und Leser, an seiner Welt und Sprache teilhaben. Wir haben Peter Handke viel zu verdanken. Ich hoffe, er weiß das. Herzlichen Glückwunsch!"

2016 porträtierte die Filmemacherin Corinna Belz den Autor Handke in der Doku "Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte ...".
kinofilme

"Höchst verdient und eine würdige Anerkennung für ein literarisches Ausnahmetalent" ist Handkes Nobelpreis für Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Kulturminister Alexander Schallenberg. "Handke hat Generationen von Leserinnen und Lesern bewegt", hieß es in einer Aussendung.

Überglücklich ist der Klagenfurter Verleger Lojze Wieser angesichts des Nobelpreises für Peter Handke. Es sei die Stunde gewesen, "da wir nicht mehr daran glaubten", in der es dann doch geschah, meinte er. Er bezeichnete Handke als den "größten Spracherneuerer aus dem Widerspruch dieses Landes heraus". Im Wieser Verlag sind einige Texte von Peter Handke erschienen.

Die Neuigkeit berühre ihn auf einer "so intensiven, emotionalen Ebene", dass ihm fast die Worte fehlen, sagte der Bürgermeister von Handkes Geburtsort Griffen, Josef Müller (ÖVP): "Der Nobelpreis ist eine Auszeichnung, die er wirklich verdient, es macht die ganze Gemeinde sehr stolz." Man werde sich sicher Gedanken machen, was in Griffen anlässlich der Auszeichnung geschehen wird: "Aber das Ganze ist sehr frisch, das muss man erst einmal wirken lassen."

Auch Handkes Heimatbundesland freut sich. 2017 hatte der Schriftsteller den Kärntner Landesorden in Gold verliehen bekommen – als erster Literat, denn bis dahin war die Auszeichnung mit wenigen Ausnahmen Spitzenpolitikern vorbehalten. Kärntens Kulturreferent Landeshauptmann Peter Kaiser gratulierte dem Schriftsteller: "Kärnten stellt erstmalig einen Literaturnobelpreisträger. Darüber freue nicht nur ich mich, sondern ganz Kärnten und Österreich."

Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck hat die Vergabe der Nobelpreise an den österreichischen Schriftsteller und die polnische Autorin begrüßt. Es sei ein großer Tag für die Literatur und eine sehr mutige Entscheidung, sagte der Fernsehkritiker. Die Auswahl, bei der zwei Europäer zum Zuge kamen, sei eine überfällige Rückkehr zu ästhetischen Kriterien. "Die politische Korrektheit hat eine krachende Ohrfeige erhalten, eine Niederlage erlitten", sagte Scheck mit Blick auf Handke. Dieser sei einer der großen Provokateure – er beweise, dass man sich politisch total verlaufen und gleichzeitig Weltliteratur schreiben könne. Handke sei ein "würdiger Preisträger", so Scheck.

Der Salzburger Verleger und Autor Jochen Jung findet die Auszeichnung von Peter Handke mit dem Literaturnobelpreis "natürlich großartig". "Er hat es wahrlich verdient, schon lange. Und ich bin sehr glücklich, dass er ihn jetzt gekriegt hat." In seinem Verlag Jung und Jung sind mehrere Werke Handkes erschienen. "Wenn das jetzt ausgezeichnet wird, kann man nur hoffen, dass sich viele Leuten mit seiner Literatur beschäftigen." Dazu zähle Jung "in erster Linie seine Tagebücher und Notizbücher – nicht nur, weil die bei Jung und Jung erschienen sind, sondern weil sie eine eigene Art von Literatur geworden sind, die er ganz großartig im Griff hat. Man muss eine Art von Lesen mitbringen, an die wir eigentlich nicht mehr gewöhnt sind." Für Handke benötige man Zeit, gab Jung zu verstehen. "Was er macht, ist Literatur, die eigentlich wie Lyrik ist. Eine Literatur, die Sie zur Konzentration bei jeder Formulierung und jedem Satz auffordert. Es ist eine Art des konzentrierten Lesens, wie es sein sollte." (red, APA, 10.10.2019)