62 Prozent der Österreicher halten das Sparbuch nicht mehr für zeitgemäß, zeigt eine Umfrage der Erste Bank.

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Wien – Sparen ist für die Österreicher ein wichtiges Thema. Das war immer so und wird trotz des Nullzinsumfelds wohl auch so bleiben. Es macht ja auch Sinn, einen Notgroschen auf der Seite zu haben, auf den immer zugegriffen werden kann – etwa wenn die Waschmaschine nicht mehr will oder beim Auto eine Reparatur ansteht. Drei Nettomonatsgehälter hält Peter Bosek, CEO der Erste Bank, für eine passende Größe für den Notgroschen. "Doch", so betont Bosek, "seit 2012 setzen sich Sparer einer laufenden Enteignung aus." Und die Hoffnung, dass sich das rasch ändert, sei dahin.

Schuld daran ist das Nullzinsumfeld in Europa, das durch die vergangene Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank erneut fixiert wurde. Bis 2025 sieht Bosek daher so gut wie keine Chance auf Zinsertrag mit herkömmlichen Sparprodukten. Das gilt auch für das liebste Buch der Österreicher, das Sparbuch. 62 Prozent der Österreicher halten das Sparbuch auch nicht mehr für zeitgemäß, wie eine Umfrage der Erste Bank ergeben hat.

Sparbuch hat ausgedient

Eine herbe Einschätzung im Land der Sparefrohs, just in dem Jahr, in dem die Erste Bank ihr 200-jähriges Jubiläum feiert und im Zuge dessen die Erfindung des Sparbuchs hochhält. Die Idee damals war, dass die Menschen für ihr eingelegtes Geld Zinsen erhalten – vor allem der Zinseszinseffekt ist den Sparern zugutegekommen. "Beides ist mit dem andauernden Nullzinsumfeld weg", sagt Bosek. Und damit auch die Basis für die Sparer.

"Jetzt ist Schluss mit ideologischen Forderungen", sagt Peter Bosek, CEO der Erste Bank. Die Lage sei aufgrund des andauernden Nullzinsumfelds ernst und Lösungen gefordert – auch von der Politik.
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Denn, so rechnet der Banker vor: Die inflationsbereinigte Rendite pro Jahr liegt für Einlagen bei minus 1,6 Prozent. Mit anderen Worten: Seit 2015 haben die Sparer pro Jahr 1,6 Prozent ihres Geldes verloren. Das sind 14,7 Milliarden Euro, die seit 2005 an Kaufkraft verloren gegangen sind.

Was also tun in so einem Umfeld?

Ab auf den Kapitalmarkt, lautet die Devise. Doch das trauen sich viele Menschen nicht. Die Angst vor Verlusten ist oftmals zu hoch. Ein Faktum, das Bosek zwar versteht – das ihn aber auch ärgert. "Durch die regulatorischen Vorschriften muss jeder Kunde, der Wertpapiere kaufen will, darüber aufgeklärt werden, dass es ein Risiko gibt und Verluste entstehen können. Ein Sparbuch bekommt aber jeder. Dass man dabei eine negative Rendite bekommt, sagt einem aber niemand", so der Banker.

So kommt es, dass Herr und Frau Österreicher aktuell rund 260 Milliarden Euro horten. Im Vergleich zu 2009 ist das ein Anstieg um 26,5 Prozent.

Wer sich auf den Kapitalmarkt traue, werde langfristig auch belohnt. In den vergangenen fünf Jahren wären sieben Milliarden Euro an zusätzlichem Ertrag (und Kaufkraft) möglich gewesen, wenn nur zehn Prozent der Einlagen in Aktien umgeschichtet worden wären, rechnet Thomas Schaufler, Privatkundenvorstand der Erste Bank, vor.

"Junge Menschen haben die Problematik des Nullzinsumfelds bereits erkannt", sagt Thomas Schaufler, Privatkundenvorstand der Erste Bank. Sie sind es auch, die verstärkt nach Alternativen zum Sparbuch fragen.
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Die Bank setzt hier auf Fondssparpläne, damit Kunden in ein breit diversifiziertes Portfolio gehen können. Sparen Kunden monatlich einen Betrag, der in die Veranlagung fließt, "können sie vom Cost-Average-Effekt (Durchschnittskosteneffekt) profitieren", sagt Schaufler.

Um die aktuelle Not mit aktuellen Themen zu verknüpfen, hat die Bank einen neuen Fonds aufgelegt ("Future Invest"), der auf die aktuellen Megatrends setzt. Dazu gehören die Bereiche Gesundheit und Vorsorge, Lebensstil, Technologie und Innovation, Umwelt und saubere Energie und aufstrebende Märkte. In den vergangenen drei Wochen wurden bereits über 1.000 Fondssparverträge abgeschlossen, heißt es. "Die Leute haben die Problematik verstanden", sagt Schaufler.

Doch vor allem für junge Menschen wird es immer schwieriger, Geld auf die Seite zu legen beziehungsweise zu veranlagen. Die Lebenskosten sind enorm gestiegen (Miete, Betriebskosten), die Jobchancen und Einstiegsgehälter (Generation Praktikum) machten es nicht leicht, sagt Schaufler. Dennoch sollte auch diese Zielgruppe langfristig denken und lieber jetzt klein beginnen, als gar nichts zu tun.

Politik gefordert

Neben Anreizen, die Banken schaffen können, sieht Bosek hier auch die Politik in der Pflicht. "Die Wertpapier-KESt gehört abgeschafft oder zumindest deutlich reduziert", sagt Bosek in Richtung der neuen Regierung. Denn es könne nicht sein, dass bereits versteuertes Geld, das veranlagt werde, nochmals besteuert werde. Auch die Stimmung gehöre geändert. In den vergangenen Jahren seien Investoren immer mit Spekulanten gleichgestellt worden. Dass in so einem Umfeld das Interesse an Wertpapieren nicht steige, liege laut Bosek auf der Hand.

Zusätzlich brauche es eine Steuerreform, die den Namen auch verdient. Wenn die Wirtschaft in den kommenden Jahren weniger wächst, ist zu hoffen, dass das Konsumwachstum stabil bleibe. Das könne laut Bosek aber nur sichergestellt werden, wenn die Leute wirklich entlastet werden.

Sparquote gesunken

Trotz der Aussicht auf keinen Ertrag gaben 76 Prozent der für die Erhebung 900 befragten Österreicher an, dass ihnen das Thema Sparen wichtig ist. Der Wert, der vom frei verfügbaren Einkommen gespart werden kann, sinkt jedoch. 2009 wurden noch 11,4 Prozent vom frei verfügbaren Einkommen beiseite gelegt – aktuell sind es 7,4 Prozent. 259 Euro werden im Durchschnitt pro Monat gespart. (Bettina Pfluger, 14.10.2019)